Vorstellungen
Filmkritik
Pater Arnildo Fritzen stimmt ein altes Lied an. Die Menschen um ihn herum kennen alle den Text des alten Revolutionssongs; an der richtigen Stelle intonieren sie die Parole „Das vereinte Volk… wird niemals besiegt werden!“ Doch hinter dem „El pueblo unido“ genannten Lied, das einst die Hymne des Widerstands gegen Augusto Pinochet war, steht keine Dringlichkeit mehr. Es ist heute reine Nostalgie, ein kollektiver Moment der Erinnerung an einen gemeinsam geführten Kampf.
In ganz Lateinamerika kämpften einst Kommunisten, Sozialisten und Revolutionäre gemeinsam mit Theologen wie Arnildo Fritzen. Die Allianz zwischen marxistischer Weltdeutung und christlicher Glaubenslehre, die der Pater verkörpert, erscheint noch immer außergewöhnlich. In den 1960er- und 1970er-Jahren, die in Südamerika durch Militärdiktaturen und harsche Repressionen gegen die Bevölkerung geprägt waren, erlebte sie ihre Hochzeit. „Theologie der Befreiung“ nannte das der peruanische Theologe Gustavo Gutiérrez. Theologen wie Leonardo Boff oder Jon Sobrino verkörperten sie ebenso wie die damaligen Bischöfe Hélder Câmara (Brasilien), Paulo Evaristo Arns (Brasilien), Óscar Romero (El Salvador) und Samuel Ruiz García (Mexiko).
Die Bibel und Das Kapital
Der Dokumentarfilm „The Gospel of Revolution“ von François-Xavier Drouet rekapituliert ihre Geschichte. Viele der bekannten Befreiungstheologen kommen darin zu Wort und erklären mit einem Vokabular, das die Bibel und Das Kapital so zusammenbringt, als entstamme es dem gleichen Werk, warum Gott nicht neutral sei, sondern immer auf der Seite der Armen stehe. Oder wie sich moderne kapitalistische Gesellschaften strukturell versündigen. Und warum sich niemand darüber wundere, dass Jesus von Nazareth, der erste große Revolutionär, brutal ermordet wurde. Die Rhetorik ist zwingend. Die idyllische Sicht auf Jesus spart in den Augen der Befreiungstheologen genau das aus, was in Lateinamerika zu Zeiten des Kalten Krieges viele von ihnen am eigenen Leib erfuhren: dass diejenigen, die das Reich Gottes in einer Zeit verkünden, die auf Unterdrückung und Ausbeutung gebaut ist, dafür bestraft werden. In einer Welt, die auf Liebe und Gleichheit gründet, wäre das nichtkakzeptabel. Rund 200 Priester, Prediger, Missionare, Nonnen und Kleriker der katholischen und protestantischen Kirche ließen damals in Lateinamerika für diesen Kampf ihr Leben.
Die Befreiungstheologie wurde systematisch der Garaus gemacht. Nicht allein von den Regimen, gegen die sie aufbegehrte, sondern primär durch den Vatikan. Papst Johannes Paul II., ein überzeugter Antikommunist, entzog der Strömung jegliche Legitimität und bekämpfte sie, wo immer es ihm möglich schien. In „Gospel of the Revolution“ steht der Papst aus Polen für den Prunk und den Pomp innerhalb der katholischen Kirche, der allem entgegenstehe, was Jesus verkörpert habe. Karol Wojtylas Vergangenheit als entschlossenem Kämpfer gegen die Repressionen des kommunistischen Regimes in Polen bleibt dabei aber unerwähnt. Das Verhältnis zwischen Kirche und Weltpolitik ist schwierig, die Erfolgsbilanz der katholischen Kirche mehr als durchwachsen. „The Gospel of Revolution“ benennt all das, lässt aber wenig Raum für die Komplexitäten und Widersprüche, die zwangsläufig innerhalb von Religionen und politischen Auseinandersetzungen entstehen. Die Struktur des ansonsten äußerst redseligen Films lässt das schlicht nicht zu.
Befreite und Unterdrücker
Den Rahmen bilden vier Revolutionsgeschichten aus vier Staaten. Jede erhält ein eigenes Kapitel und wird von einem Bibelzitat eingeleitet. Für den großen Raum, der innerhalb der christlich unterstützten Revolutionsbewegungen Lateinamerikas existierte, mag das eine sinnvolle Ordnung sein. Für den Film ist es das nicht. Allzu spröde arbeitet sich Drouet durch die Kapitel; zu selten sind die Archivaufnahmen mehr als Illustration der Geschichten, die von Gesprächspartnern aus ganz Lateinamerika erzählt werden. Und die alle gleich enden. Selbst in Nicaragua, wo 1979 die erste Revolution nach der in Kuba siegte, haben sich die Aufständischen von damals in die Unterdrücker von heute verwandelt. Die Lücken, die die gescheiterten Befreiungstheologen hinterlassen haben, füllen andere, mit oft mit Nationalismus und Populismus Hand in Hand gehen.
Obwohl die Befreiungstheologie und ihre Unterdrückung relevanter denn je erscheint, und der Film sichtbar nach dem Jetzt greift, bekommt er beides kaum zu fassen. Die Protagonisten von damals finden noch immer die richtigen Worte, wenn es um die Analyse ihrer Niederlage und ihrer Versuche geht, den Kampf auch als Besiegte weiterzuführen. Was schmerzhaft fehlt, sind die dazugehörigen Bilder.



