Vorstellungen
Filmkritik
Mit einer Brille als kalkuliert eingesetztem Requisit versucht Millie (Sydney Sweeney) bei ihrem Bewerbungsgespräch vertrauenswürdig zu wirken. Ihr eingereichter Lebenslauf ist sogar reine Fiktion. Aber warum kämpft die junge Frau so für einen Job, der wenig verführerisch wirkt? Auf dem protzigen Anwesen der verkünstelten Nina (Amanda Seyfried) soll Millie als Dienstmädchen wie eine Leibeigene auf Abruf verfügbar sein. Die Bewerberin duldet es, weil sie in Wahrheit eine verurteilte Straftäterin ohne Dach über dem Kopf ist. Selbst als Millie eine beengte Dachkammer als Bleibe vorgeführt bekommt, reagiert sie mit gespielter Freude.
Basierend auf Freida McFaddens Erfolgsroman „Wenn sie wüsste“, von dem es bereits zwei Fortsetzungen gibt, erzählt „The Housemaid“ von einem schiefen Machtverhältnis und dunklen Geheimnissen hinter glänzender Fassade. Millie und Nina plaudern zwar zunächst wie Freundinnen, aber die steile Hierarchie lässt sich nicht so einfach weglächeln. Am ersten Arbeitstag offenbart sich, dass sich auch die Hausherrin beim Bewerbungsgespräch anders gegeben hat, als sie tatsächlich ist; nämlich launisch, cholerisch und unberechenbar.
Den Launen der Reichen ausgeliefert
Zunehmend beschneidet Nina die Freiheit ihrer Angestellten, gibt ihr angeblich ungemein wichtige Aufträge, von denen sie anschließend nichts gewusst haben will, oder setzt Millie auf die verzogene Tochter Cecilia (Indiana Elle) an, die das Hausmädchen mit überheblichem Blick ihre vollste Verachtung spüren lässt. Durch ihre fragile soziale Stellung ist die Protagonistin den Launen der Reichen ausgeliefert. Es ist ein Teufelskreis: Je länger das Dienstmädchen die alltäglichen Demütigungen über sich ergehen lässt, desto deutlicher spürt Nina Millies Verzweiflung und missbraucht ihre Macht umso schamloser.
Der vor allem für schwungvoll anarchische Komödien wie „Brautalarm“ und „Taffe Mädels“ bekannte Regisseur Paul Feig nimmt sich in „The Housemaid“ ausreichend Zeit, um sich seiner innerlich zerrissenen Heldin und der emotional ausgedörrten Upper Class von Long Island zu widmen. Mit ausgesprochener Biestigkeit wird Millie immer wieder von falschen Freundinnen oder bösen Schwiegermüttern vorgeführt. Sydney Sweeney verkörpert ihre Figur dabei allerdings nur teilweise hilflos. Auch raue Widerstandsfähigkeit, laszive Sinnlichkeit und eine Bereitschaft zur Intrige finden sich bei ihr. Es wird jedoch zunehmend gefährlich für Millie. Der seltsame Gärtner versucht sie zu warnen und an ihrer Zimmertür finden sich geheimnisvolle Kratzspuren.
In gemächlicher Erzählweise
Wirklich heimisch wirkt Feig im Thriller-Genre nicht. Statt eine unbehagliche Atmosphäre heraufzubeschwören oder klassische Spannungsmomente zu schaffen, setzt er zunächst auf eine sehr gemächliche, nach Filmmaßstäben nicht immer sonderlich ökonomische Erzählweise. Zu Beginn gibt es etwa einen detaillierten Rundgang durch das großräumige Anwesen, doch aus dem Wissen des Zuschauers, wo sich genau welches Zimmer verbirgt, macht der Film letztlich nichts.
„The Housemaid“ zeigt sich dafür stärker an seinen gegensätzlichen Protagonistinnen interessiert und an den Spannungen zwischen der immer zerstörungswütigeren, offensichtlich von einer schweren psychischen Krankheit getriebenen Nina und der zwar von ihr abhängigen, aber auch gelegentlich wie ein trotziges Kind auftretenden Millie. Der Film setzt auf eine Gratwanderung, bei der die Handlung entweder in einer Katastrophe münden könnte oder in einer märchenhaften Schmonzette. Denn da ist auch noch Ninas Gatte: der charmante, gutaussehende, grenzenlos verständnisvolle und sehr wohlhabende Andrew (Brandon Sklenar), der zu Millies emotionaler Stütze wird, zugleich aber auch zu einer gefährlichen Versuchung. Dabei drängt sich immer mehr die Frage auf, warum sich dieser Traummann so viel von seiner abscheulichen Frau gefallen lässt.
Die Herausforderung, seine Würde zu bewahren
Paul Feigs Filme leben häufig von der holprigen Dynamik des Zwischenmenschlichen, tragen ihre progressive gesellschaftliche Gesinnung selbstbewusst nach außen und widmen sich oft weiblichen Seelenwelten. All das trifft auch auf „The Housemaid“ zu, auch wenn der Film nur teilweise eine Komödie ist. Im Kern handelt er von der Herausforderung, zwischen äußeren Erwartungen und Zwängen seine Würde zu bewahren. Zentral dabei sind ein fauler Deal und eine romantische Verheißung, von denen sich Millie ein besseres Leben verspricht. Doch der Film geht einen Schritt weiter, lässt die Handlung plötzlich ins grotesk Abgründige kippen und hat damit sichtlich den größten Spaß.
Dass sich „The Housemaid“ etwas zu ausführlich mit seiner Exposition aufhält, mag auch Kalkül sein, um seinem Twist mehr Durchschlagkraft zu verleihen. Auch wenn man nach einer Weile ahnt, wo das wahre Grauen lauern könnte, nimmt der Film nach seiner Enthüllung derart an Fahrt auf, dass man es ihm nicht übelnimmt. Mit seiner turbulenten Mischung aus Melodram, Groschenroman, Gesellschaftssatire und Horrorfilm setzt Feig zuletzt auf eine überdrehte Vergeltungsfantasie, mit der die Gerechtigkeit wiederhergestellt wird.







