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Filmkritik
Der größte Feldherr aller Zeiten steht vor der Tür. Genghis Khan (Baya’ertu) hat sein gewaltiges Heer vor die Tore des Song-Reichs geführt. Die kleine Grenzstadt ist nur ein winziges Hindernis, das es für den Khan auf seinem Marsch in Richtung des Jin-Reichs zu überwinden gilt. Der Mann, der die Grenzstadt beschützen sollte, hat sich, fest an seinen Weinkrug geklammert, hinter den Rundschilden seiner Leibwache verschanzt. Die letzte Hoffnung der Bewohner der Grenzstadt ist nicht der Song-General, sondern ein Mann, der wenige Tage zuvor noch an der Seite Genghis Khans stand. Guo Jing (Xiao Zhan) entstammt dem Song-Reich, wuchs aber als Halbwaise im Steppenreich unter dem persönlichen Schutz des Khans auf. Jetzt, da das Heer der Mongolen sich vor den Toren des Song-Imperiums versammelt hat, steht der junge Held einmal mehr zwischen den Fronten.
Es ist kompliziert!
Seine Geschichte ist kompliziert, und das nicht allein seiner Herkunft wegen: Tsui Harks „Legends of the Condor Heroes - Die Legende der Adlerkrieger“ beginnt nicht am Anfang der dem Film zugrunde liegenden, in China überaus populären Wuxia-Romanreihe „Die Geschichte der Adlerkrieger“ von Jin Yong aus den 1950er-Jahren, und sie beginnt auch nicht am Anfang von Guo Jings Geschichte. Der Film greift einen Handlungsabschnitt des zweiten Teils der Trilogie auf. Den nötigen Kontext geben allein die wieder und wieder zwischen die Handlung geworfenen Rückblenden.
Ein Großteil dieser Rückblenden erzählt von einer früheren Reise Guo Jings, die der begabte Kampfkünstler an der Seite der ebenfalls kampfkunsterfahrenen Huang Rong (Dafei Zhuang) unternimmt. Beide brechen auf, die Kampfkünste der sieben Helden des Südens zu lernen. Eine Täuschung entzweit das Liebespaar. Ouyang Feng (Tony Ka Fai Leung), der mächtigste der fünf großen Meister von Wulin, entführt Huang Rong, um in Besitz des „Wahren Wegs der Neun Yin“, einer uralten Kampfkunstschrift und damit der geheimen Technik der alten Meister, zu kommen.
Eine tragische Dreiecksgeschichte ist das emotionale Herzstück
Das eigentliche Herzstück der Geschichte ist aber nicht das Duell, das in Vergangenheit und Gegenwart zwischen Ouyang Feng und Guo Jing stattfindet, sondern die Dreiecksbeziehung, die entsteht, als der Protagonist in die Steppe zurückkehrt und nicht nur Genghis Khan, sondern auch dessen Tochter Huazheng (Wenxin Zhang) wiedertrifft. Huazheng ist Guo Jing versprochen, er aber liebt Huang Rong. Die tritt ihrerseits bald unter falscher Identität im Camp auf und schließt Freundschaft mit der nichtsahnenden Huazheng.
Besonders in der innigen Beziehung beider Frauen, die innerhalb der politischen Verwerfungen nicht bestehen kann, steckt viel tragisches Potenzial, das, wie fast alles im Film, aber schlicht von der Masse an Plot begraben wird, die die Jin-Yong-Adaption abarbeiten muss.
Tsui Hark kämpft mit der Blockbuster-Maschinerie
Die Verfilmungen von Jin Yongs Werken (und der Mythen, auf denen sie basieren) sind die wohl wichtigsten Ausstellungsstücke des zeitgenössischen chinesischen Blockbusterkinos. Die neueste Verfilmung von „Legends of the Condor Heroes“ schließt an den Erfolg von Donnie Yens „Sakra“ (2023) und Wuershans „Creation of the Gods“-Reihe an. Für Regisseur Tsui Hark ist es bereits das dritte Mal, dass er an einer Adaption des Genreliteratur-Klassikers beteiligt ist. Nach „Swordsman“ (1990) und „Swordsman II“ (1992), bei denen er als Produzent mitwirkte, übernimmt der Altmeister des Hongkong-Kinos nun erstmals selbst die Regie einer Jin-Yong-Adaption. Anders als in seinen vorigen Festland-Blockbuster-Filmen, etwa der „Detective Dee“-Reihe, die moderne VFX-Ästhetik des Festlandblockbusters elegant in mannigfaltige Formen spiritueller Begegnung zu kanalisieren vermögen, fehlen „Legends of the Condor Heroes“ jedoch die Leichtigkeit und Unberechenbarkeit, die Tsui Harks Filme oft so sehenswert machen.
Der Hongkong-Veteran hat erstmals sichtlich Schwierigkeiten, seine Stärken im Rahmen der aufgeblähten Brachial-Ästhetik des chinesischen Spektakelkinos zur Geltung zu bringen. Eine Szene, in der Guo Jing vom Khan in Kriegsführung unterrichtet wird und dafür einen Teil des mongolischen Heeres befehligen soll, erscheint geradezu emblematisch für das hier sichtbar gestörte Verhältnis zwischen Meisterregisseur und Blockbuster-Maschinerie. Der mächtigste Held jenseits des Steppen- und Mittelreichs, der zuvor noch mit seiner Macht über die Elemente und die Schwerkraft die mongolischen Streitkräfte in Staunen versetzt, beobachtet nun fassungslos und irritiert, wie das computergenerierte Heer manövriert.
Nur manchmal schwimmt die Inszenierung sich frei
Wo der Film sich von Ordnungs- und Planungszwängen freimacht, sprich, im Chaos, weiß Tsui Hark freilich dennoch zu überzeugen. Der Kamera ist kein Blickwinkel zu spitz, um das wahnwitzige Geschehen einzufangen, das „Legends of the Condor Heroes“ in seinen besten Sequenzen lostritt. Die titelgebenden Vögel werfen Bienenstöcke über dem Schlachtfeld ab; Kampfkunstmeister kicken sie panisch hin und her; Guo Jing und Ouyang Feng werfen sich Feuer, Wind und mongolische Kriegsmaschinen um die Ohren, und die verfeindeten Kriegerinnen umschwirren einander nicht weniger spektakulär in den genreüblichen Drahtseilen. Einiges zu staunen gibt es also. Aber doch allzu selten.










