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Filmkritik
„Du und der legendäre Serienmörder Son of Sam“, sagt am Anfang von „The Moment“ der Talkshowmoderator Stephen Colbert zur Popkünstlerin Charli XCX in einer fingierten Medienmontage, „seid wahrscheinlich die Einzigen, die von sich behaupten können, dass sie einen ganzen Sommer dominiert haben.“ 2024 zog Charli XCX’ sechstes Album „Brat“ ein kulturelles Massenphänomen nach sich, das weit über die Anziehungskraft der exzellenten Musik selbst hinausreichte. Monatelang wurde der Begriff „Brat“ zum Codewort für eine hedonistische Ästhetik, die einen hochgestochen luxuriösen Look mit betont nachlässigen, nur scheinbar minderwertigen Lifestyle-Elementen verbinden wollte. Alles wollte plötzlich für sich beanspruchen, Brat zu sein, bis hin zum spät angeschobenen US-Präsidentschaftswahlkampf von Kamala Harris (der dafür den offiziellen Segen der Musikerin bekam). Alles wurde für einige Monate in die limettengrüne Farbe des Album-Covers getaucht.
Ein Historienfilm aus dem Jahr 2024
Mehrfach versuchte Charli XCX die Kontrolle über den Trend zu behalten und verkündete bei Bühnenauftritten das Ende des letztlich doch länger nachhallenden Brat-Sommers. Aidan Zamiris so immens lustige wie auch von einer spürbar ernsthaften Erschöpfung geprägte Mockumentary „The Moment“ ist nun das Dokument einer Bestandsaufnahme nach eigenen Bedingungen – von der Künstlerin selbst ironisch als ein „Historienfilm aus dem Jahr 2024“ bezeichnet. Der erzählerische Ton des Films, einer Parodie auf Musikdokumentationen, wie sie seit Rob Reiners „This Is Spinal Tap“ längst eine eigene schöne Tradition besitzen, ist dabei von einer erstaunlich nonchalanten Schonungslosigkeit gegenüber dem eigenen kulturellen Abdruck geprägt: Die Musik des Albums „Brat“ etwa bleibt den gesamten Film über geradezu abwesend, wird bei Bühnenproben unter Soundproblemen immer wieder rüde abgeschnitten und verendet in unzulänglichen Arrangements.
Süffisant buchstabieren Zamiri und XCX stattdessen aus, welche fatalen Schritte unzählige Künstler vor ihnen nach dem Mainstream-Durchbruch gegangen sind. Die dürftigste, innovationshemmende Entscheidung bildet dabei für sie die habituell einen Musikhype künstlich verlängernde filmische Tourdokumentation: „Wie können wir dieses Brat-Ding am einfachsten am Leben halten?“, fragt die von Rosanna Arquette mit routinierter Eisigkeit gespielte Chefin der Plattenfirma Atlantic in einer Sitzung ihr Kreativteam. Der so hippe wie letztlich opportunistisch biegsame Regisseur Johannes (Alexander Skarsgård) soll die Musikerin auf ihrer anstehenden Arena-Tournee begleiten und den spezifischen Vibe des Brat-Komplexes mit Kameras für die Ewigkeit der Heimbildschirme einfangen.
Element für Element wird die Brat-Ästhetik korrumpiert
Als Geldgeber beteiligt sich Amazon – und damit beginnen die Komplikationen, die entstehen, wenn künstlerische Vorstellungen sich an den Verkaufserfordernissen eines Konzerns reiben und Kompromisse nach sich ziehen. Zu anstößig und exzessiv erscheint dem Online-Versandhandel die Bühnenästhetik der Tour, zu wenig familiengerecht die Lyrics von Charli XCX. Element für Element wird so die Brat-Ästhetik korrumpiert und zersetzt: Wie intakt und wirkungsvoll ist ein Auftritt noch, wenn die Lichteffekte aus Rücksicht auf die Zuschauer vor einer Leinwand erheblich an Intensität einbüßen müssen?
Die limettengrün getönte Brat-Kreditkarte spuckt kein Geld mehr aus: Mit diesem genialischen Bild bringen Zamiri und XCX die immanente Notwendigkeit auf den Punkt, dass jede gelungene Kunst ihre Halbwertszeit mitbedenken muss. Der Deal mit einem Kreditkartenunternehmer, der werbeerfahren vorgibt, eine Geldkarte zu kreieren, die nicht wie andere funktionieren soll, erweist sich am Ende als desaströser Imagekiller.
Wirkliche Verletzlichkeit
So bestechend (wenngleich mitunter recht voraussetzungsreich) der Humor von „The Moment“ auch ist, geht der Film gleichwohl nicht nur in einem rein satirischen Blick auf die eitlen Lächerlichkeiten des gehobenen Musikgeschäfts auf. Mit nervöser Mimik lässt Charli XCX auch eine Intimität in das fiktive Spiel rein, das dokumentarischen Charakter zu besitzen scheint. Immer wieder ist eine Künstlerin zu sehen, die von der Pflege ihrer eigenen Marke erschöpft ist und durchgeschwitzt am Boden liegt, wenn der Tourleiter noch einen weiteren Durchlauf der Bühnenshow proben möchte. Die Deutungshoheit über die Bedeutung des von ihr geschaffenen Trends behält Charli XCX so am Ende in ihrer eigenen Hand: Brat, das bedeutet auch, unter all der Pop-Projektion wirkliche Verletzlichkeit zeigen zu können.









