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The North

131 minDrama
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Zehn Jahre nachdem sie beste Freunde und Mitbewohner waren, begeben sich Chris und Lluis auf eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands. Auf dem West Highland Way und dem Cape Wrath Trail verbringen sie 30 Tage zusammen in der Natur – in der Hoffnung, ihre einst so starke Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Doch während Chris weiterhin mit seiner Arbeit und seinem Leben zu Hause beschäftigt ist, ist Lluis entschlossen, den Trail zu beenden, um zu beweisen, dass er es schaffen kann. Die Einsamkeit und Stille der Highlands zwingt sie dazu, sich mit harten Wahrheiten über sich selbst und ihre Freundschaft auseinanderzusetzen. Und darüber, was es wirklich bedeutet, still zu stehen und zuzuhören.

Ein Regenguss wirkt gemütlich, wenn man ihn aus einem warmen Zimmer oder verborgen hinter Zugfenstern betrachten kann. Für zwei Wanderer irgendwo auf einer sechshundert Kilometer langen, hügeligen und baumlosen Strecke wirkt eine solche Begegnung mit den Kräften der Natur nass und unerfreulich. Der Niederländer Chris (Bart Harder) und der Spanier Lluis (Carles Pulido) kennen sich offenbar gut, haben aber einige Jahre keinen Kontakt gehabt. Jetzt erwandern sie die Westküste Schottlands nordwärts bis zum Cape Wrath. Warum sie diese beschwerliche Tour auf sich nehmen, bleibt den Betrachtern verborgen.

Es sind zwei sehr gegensätzliche Typen, die Regisseur Bart Schrijver in seinem Wander-Buddy-Movie „The North“ aufeinandertreffen lässt. Chris nutzt sein Mobiltelefon regelmäßig, um Freundin und Eltern mit Bildern auf dem Laufenden zu halten. Er scheint aber auch in seinem Job, wo er mit Unternehmenszahlen hantiert, unverzichtbar zu sein; ständig kontaktieren ihn Kollegen mit Fragen. Eine deutlich distanziertere Haltung zu modernen Kommunikationsmitteln nimmt sein Kumpel Lluis ein. Er hat Werbefilme gedreht und nutzt sein Telefon nur zur Orientierung. Am liebsten würde er mit Wanderkarte laufen, was sein Gefährte ihnen beiden aber nicht zutraut. Die Freunde sind mit Markenklamotten und Mückenhut gut ausgestattet. Abends im Zelt spielen sie gerne Uno.

Jeder möchte eine Geschichte erzählen

In Büchern, Reportagen und Filmen stehen Fernwanderungen und Pilgern für Sinnsuche und innere Umkehr. Zusammen mit der Landschaft scheint sich oft auch das Mitteilungsbedürfnis der Wanderer zu weiten. Auch in der rauen, wunderschönen Landschaft Schottlands möchte offenbar jeder irgendeine Geschichte erzählen. Die Freunde treffen in einer Hütte auf einen Mann, der Bewusstsein für das Thema Hodenkrebs schaffen möchte: „Wenn es um Männer und ihre Eier geht, ist das sehr heikel.“ Aus dem Stegreif hält der Mann sodann einen geschliffenen Nachruf auf seinen an dieser Krebsart verstorbenen Bruder. Ein anderer Mann läuft nach seiner Pensionierung den Küstenweg entlang, weil es für ihn nichts Schöneres als die Begegnung mit der Natur gebe. „Ich bin so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben.“

„Ein schlechter Tag in der Natur sei besser als ein guter Tag im Büro“, sagt der betont naturverbundene Lluis. Geld bedeute ihm nichts. Doch manchmal hat man den Eindruck, dass hier bloß ein Zwang gegen den anderen getauscht wurde. Eine Challenge wie ein Marathonlauf oder die Angewohnheit mancher besonders wohlhabender Menschen, ohne äußere Not um fünf Uhr morgens aufzustehen. Der Niederländer Chris ist dagegen mehr in der real existierenden Welt verortet. Zwischen beiden kommt es irgendwann zum Knall.

Der Sound der Schritte

Die beiden Hauptdarsteller Bart Harder und Carles Pulido wirken, bei aller zwischenzeitlich deutlich spürbaren Anspannung, derart vertraut, dass man sich zwischendurch in einem Dokumentarfilm wähnt. Bisweilen überlegt man ernsthaft, ob Regisseur Schrijver durch die Inszenierung dieser oder jener Szene den Anspruch des Dokumentarischen noch erfüllt. Darin liegt die große Kraft dieses Films. Seinen unaufgeregten Sound prägen die Schritte der Wanderer, ihr angestrengtes Atmen, gelegentlicher Windregen. Man kann schließlich auch wunderbar wandern, ohne auf der Suche nach Erweckungserlebnissen zu sein und ständig Kalenderweisheiten zu deklamieren.

Die Figuren, deren Wege sich auf der Wanderschaft kreuzen, teilen miteinander die Sehnsucht nach Weite, Freiheit und dem scheinbar Ursprünglichen. Ein Kontakt, der mit messbarer Anstrengung verbunden bleibt; insofern ist er als scheinbarer Rückzug von der täglichen Verausgabung im Arbeitsleben eher eine Ergänzung. Schlussendlich lebt der Film von dieser Sehnsucht, ebenso wie von der Energie zwischen Chris und Lluis – und den herrlichen Aufnahmen von Kameramann Twan Peeters.

Veröffentlicht auf filmdienst.deThe NorthVon: Arne Koltermann (16.12.2026)
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