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Filmkritik
„Altern ist nichts für Feiglinge“ – dieser der Schauspielerin Bette Davis zugeschriebene Spruch gilt verstärkt auch für Filme übers Alter(n), denn das Horrorkino hat das Thema in den letzten Jahren für sich entdeckt. Teilweise aus Sicht der Senioren selbst, teilweise aus der der Jüngeren, die mit ihnen zu tun haben, geht es dabei um Dinge wie die schiere Angst vorm körperlichen Verfall und dem nahenden Tod (wie etwa in M. Night Shyalamans „Old“), um den gesellschaftlichen Umgang mit Alten (wie im Netflix-Film „Old People“) oder um die Schrecken einer Demenzerkrankung (wie in „Relic - Dunkles Vermächtnis“). Der neuseeländische Film „The Rule of Jenny Pen“, der auf furiose Weise die beiden Charakterköpfe Geoffrey Rush und John Lithgow in einem Psychoduell im Altenheim zusammenprallen lässt, ist zwar kein veritabler Horrorfilm, weil hier nichts Übernatürliches in die Handlung hineinspielt; die Erfahrungen, von denen er erzählt, sind indes so suggestiv-schrecklich ausgearbeitet, dass die Genrezuschreibung allemal gerechtfertigt scheint.
Geoffrey Rush als Richter, der zum Pflegefall wird
Gleich zu Beginn bricht das Grauen über Hauptfigur Stefan Mortensen (Geoffrey Rush), einen alten Richter, in Form eines körperlichen Zusammenbruchs herein. Mortensen ist gerade dabei, von der Höhe seines Podiums im Gerichtssaal aus das Urteil über einen Angeklagten zu fällen, als ihm die Sinne schwinden. Danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Der Schlaganfall hat zu halbseitigen Lähmungen geführt; in einem Pflegeheim untergebracht, ist Mortensen auf einen Rollstuhl und die Hilfe des Personals angewiesen und versucht mühsam, das Gehen wieder zu lernen und die Kontrolle über seine gelähmte Hand zurückzugewinnen.
Zutiefst erbittert über seine Situation, hält er Pfleger:innen und andere Insassen des Heims grimmig auf Distanz und sich selbst an der Hoffnung fest, dass sich sein Zustand bessern und er in sein altes Leben zurückkehren könnte. Bis er unfreiwillig in ein bizarres Machtspiel hineingezogen wird, mit dem einer der Senioren hinter dem Rücken des Personals seine Leidensgenossinnen traktiert.
Ein perfides Terror-Regime im Seniorenheim
Dave Crealy (John Lithgow), der stets eine Handpuppe mit Babykopf mit sich herumschleppt und auf den ersten Blick verwirrt-harmlos wirkt, macht sich einen Spaß daraus, die Tatsache, dass er körperlich vergleichsweise kräftig und vital ist, dafür zu nutzen, die schwächeren und senileren Insassen zu demütigen und zu terrorisieren. Dass er regelmäßig bei den Mahlzeiten im Speisesaal hilflosen Sitznachbarn ihr Essen wegnimmt, ist noch die am wenigsten abartige Ausprägung seiner Bosheit; wesentlich kruder sind seine nächtlichen Besuche bei einem gewissen Tony Garfield (George Henare), den er besonders auf dem Kieker hat – und immer hat er seine Handpuppe, die er Jenny Pen nennt, dabei und präsentiert sie als kleine, fiese Götze, der es sich zu unterwerfen gilt.
Richter Mortensen ist Garfields Zimmernachbar, und so wird er Zeuge und bald auch Mitopfer des sinistren Mixes aus körperlichen und seelischen Grausamkeiten, mit denen Crealy die „Herrschaft von Jenny Pen“ aufrechterhält.
Ein Passionsweg der Hilflosigkeit
Regisseur James Ashcroft, der zusammen mit Eli Kent auch das Drehbuch geschrieben hat, macht für Mortensen daraus einen wahren Passionsweg der Hilflosigkeit und Entwürdigung. Zunächst glaubt der alte Richter noch, Crealys Treiben einfach dadurch ein Ende setzen zu können, dass er das Personal in Kenntnis setzt. Doch er muss nicht nur feststellen, dass von seiner einstigen Autorität nichts geblieben ist und man ihn schlicht nicht ernst nimmt, sondern auch, dass Crealy keineswegs nur ein dumpf-bösartiger Wirrkopf ist, sondern seine Dominanz durch die gezielte Diskreditierung seines Gegners und die Einschüchterung möglicher Zeugen raffiniert zu tarnen versteht. Und so kommt für Mortensen zu der Demütigung, dass ihn sein eigener, geschwächter Körper weitgehend wehrlos Crealys Schikanen aussetzt, auch noch das Ertragen der Ungerechtigkeit, dass er, der sein ganzes Berufsleben lang Übeltäter ihrer Strafe zugeführt hat, auf seine alten Tage keinerlei Handhabe gegen einen Altersheim-Bully hat.
Ashcrofts Inszenierung setzt diesen Passionsweg als dichtes Psychohorror-Kammerspiel um, das sich auf seine brillanten Hauptdarsteller und auf eine subtil-atmosphärische Arbeit mit dem filmischen Raum stützt. Zwar hat das Altersheim, in dem die Handlung angesiedelt ist, ganz und gar nichts Gotisch-Gruseliges, doch die Kameraarbeit, das Produktionsdesign und die Schauspieler arbeiten bestens zusammen, um der nüchtern-funktionalen Umgebung einen Twist ins Unheimliche zu geben. Die Bewegung durch nächtliche Flure, ein Schatten, der unter einer Tür durchfällt, der Kopf von Jenny Pen, der sich durch den blutroten Vorhang schiebt, der Mortensens und Garfields Betten trennt: Solche Elemente, unterfüttert von der Anteilnahme, die man an den Figuren entwickelt, reichen, um gezielt Spannung aufzubauen. Außerdem finden Buch und Inszenierung immer wieder zu kleinen, ins Surreale spielenden Bildern und Situationen, die den Schrecken gezielt verdichten – wenn etwa Mortensen ziemlich zu Beginn seines Pflegeheim-Aufenthalts den makabren Brand-Unfalltod eines anderen Patienten mit ansehen muss.
Kein simples Held-vs.-Schurke-Schema
Zugleich sind die Charakterzeichnungen lebensprall und dynamisch genug, um nicht bei simplen Held-vs.-Schurke-Schemata stehen zu bleiben. Mortensen in seiner bärbeißigen, etwas arrogant-misanthropischen Art ist alles andere als eine stromlinienförmige Heldenfigur, hat dadurch aber umso mehr Potenzial, nicht nur mit der äußerlichen Entwicklung des Kampfes mit Crealy für Spannung zu sorgen, sondern auch durch seine innere Entwicklung, wobei nicht zuletzt seine wachsende Beziehung zu Tony Garfield eine wichtige Rolle spielt. Und John Lithgow versteht es auf markerschütternde Weise, Crealy als gleichermaßen bedrohliche wie bemitleidenswerte Figur anzulegen: Als Mann, der hartnäckig anderen das Leben zur Hölle zu machen versucht, bei dem aber auch immer mehr durchblickt, dass er sich selbst in eine Hölle manövriert hat, die schrecklicher ist als alles, was er anderen antun kann: Die Hölle einer umfassenden Beziehungslosigkeit, in der ihm nur seine krude Puppe Gesellschaft leistet, und die Hölle, zurückblicken zu müssen auf ein vertanes, glück- und sinnloses Leben, das Crealy selbst in einer Szene gegen Ende des Films mit einem „leeren Mülleimer“ vergleicht. Die natürlichen Schrecken des Alterns, der körperliche und geistige Verfall, verblassen gegenüber dem Schwarzen Loch, das sich in dieser Figur auftut.










