Vorstellungen
Filmkritik
Rund 6000 Mitglieder zählte die freikirchliche Gemeinde der Shaker auf ihrem Höhepunkt im späten 18. Jahrhundert. Heute, in den 2020er-Jahren, sind es weltweit nur noch zwei praktizierende Gläubige. Mit dieser Information schließt „The Testament of Ann Lee“ von Mona Fastvold pointiert im Abspann. Der Film kreist um die Begründerin der Shaker-Bewegung, Ann Lee. Von der durch ihre Anhänger geradezu mystisch überhöhten Geburt am 29. Februar des Jahres 1736 in Manchester bis zum Tod inmitten einer von ihr geschaffenen Glaubensgemeinde in Nordamerika, den sie aufgrund von zahlreichen gewalttätigen Übergriffen geschwächt mit gerade mal 48 Jahren erlitt.
Eine weibliche Wiederkehr Jesus Christi
Als eine Frau, bekleidet mit der Sonne, den Mond unter ihren Füßen, wurde sie zeitlebens bezeichnet und angebetet – eine selbst ernannte weibliche Wiederkehr Jesu Christi. Für die filmische Darstellung eines solchen von Projektionen und Wahnvorstellungen durchwirkten Lebens mag die allzu prosaische und wohlfeile Genrebezeichnung „Biopic“ kaum greifen, daran lässt Fastvold von Anbeginn keinen Zweifel. In wenigen, frenetisch schnell arrangierten Minuten taucht der Film in die Welt von Lees Kindheit in England ein, lässt Wollflocken aus einer Weberei durch die diesige Luft treiben, so als seien es lose Partikel einer nur noch unzulänglich greifbaren Vergangenheit.
Die deklamierende Inbrunst von Methodisten, die auf der Straße gegen die Verfehlungen der organisierten Kirche anschreien, prägt früh das junge Mädchen, wie auch eine tiefe Abneigung vor dem elterlichen Sex im Nebenzimmer. Aus beidem, der Sehnsucht nach trancehaft-frommer Überzeugung und einem übersteigerten körperlichen Ekel, erwachsen die religiösen Visionen und Überzeugungen der späteren Ann Lee.
Gleichwohl möchte „The Testament of Ann Lee“ nicht so sehr argumentieren und erzählen, sondern überwältigen. Vom schmerzerfüllten Schrei des kleinen Mädchens (Millie Rose Crossley), das von seinem Vater geprügelt wird, schneidet der Film zu Beginn rabiat auf den Schrei rauschhafter religiöser Lust, den die nun junge Frau beim gemeinsamen Singen und Tanzen in ihrer Gemeinde ausstößt. Immer wieder beginnen Szenen mit einer Nahaufnahme der erwachsenen Ann Lee (Amanda Seyfried) als Kraftzentrum des Geschehens, um in langen, langsamen Kamerabewegungen die Auflösung in Wimmelbildern voller komplex ineinandergeschobener und auseinanderstrebender Körper zu suchen.
Von Schütteltänzen berauscht
Das Leben der Shaker ist nicht nur von Selbstkasteiung und Zölibat geprägt, sondern auch von einer ekstatischen Verbindung aus Tanz und Gesang, den sogenannten Schütteltänzen als eigener, eigentümlicher Gebetsform. In ausgefeilten, geradezu anachronistisch modern wirkenden Musical-Choreografien lässt sich der Film dabei immer wieder selbst von diesen Performances berauschen: synchron miteinander wiegende und rüttelnde Körper, als Invokation zum Himmel hochgerissene Hände, mit mehrstimmiger Vehemenz vorgetragene Lieder, deren Rhythmen von den Gläubigen gestampft werden. Auch die ursprünglichen Gospels erfahren durch den Komponisten Daniel Blumberg eine modernisierte Bearbeitung. Er mischt Elemente des traditionellen US-amerikanischen Appalachian Folk in die Arrangements der jahrhundertealten Songs und lässt sie von einem Ensemble aus Jazzmusikern und Künstlern der Freien Improvisation begleiten.
Wie zuletzt bei „Der Brutalist“ hat Fastvold das Drehbuch gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Brady Corbet, geschrieben. Beide Filme erzählen vom Migrationsprojekt der USA als einem Land der Verheißungen und des Neuanfangs, das eine Reinigung von den Grauen der Alten Welt verspricht, aber letztlich nicht einlösen kann. Das Proletariat der Migrationswellen des 18. Jahrhunderts wie die Flüchtenden und Überlebenden des Holocausts im 20. Jahrhundert stoßen im neuen Land auf dessen eigene gewalttätige Gesellschaftsprinzipien.
Ein innerer Zufluchtsort
Geradezu archaisch zeigen und legitimieren Fastvold und Corbet dabei menschliches Leiden als eine für sie notwendige Voraussetzung künstlerischer Produktion und Versenkung: Die utopistischen Überzeugungen Ann Lees, die im Gegensatz zur apokalyptischen Heilslehre anderer Freikirchen jener Zeit stehen, sowie der durch ihre religiöse Praxis geschaffene Vorrat an Liedern und Tänzen bieten ihren Anhängern einen innerlichen Zufluchtsort vor den Repressionen der Zeit. In seiner Inszenierung ist „The Testament of Ann Lee“ von einem geradezu naiven Glauben an die grundsätzlichen Gestaltungselemente des Kinos beseelt: an Musik und Gesichter, an die Bewegungen der Darsteller und die Bewegungen der Kamera. Darin erzählt der Film nicht zuletzt auch sehr einnehmend von sich selbst.










