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Therapie für Wikinger

116 minDrama, Komödie, KrimiFSK 16
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Nach 15 Jahren wegen Bankraub wird Anker aus dem Gefängnis entlassen. Die Beute hat damals sein Bruder Manfred vergraben, der seit seiner Kindheit an einer Identitätsstörung leidet. Dass er so lange auf seinen Bruder warten musste, ist Manfred nicht gut bekommen. Er hat seine psychische Störung weiter ausgebaut und sich ganz und gar der Musik verschrieben. An das Geld und daran, wo er es vergraben hat, kann sich Manfred logischerweise nicht mehr erinnern. Anker bringt seinen Bruder zurück in ihr gemeinsames Elternhaus, das jetzt von einer Boxerin über Airbnb vermietet wird, in der Hoffnung, dies könnte die Erinnerung an sein früheres Ich auslösen. Anker hat keine Zeit zu verlieren. Denn sein Komplize von damals, Friendly Flemming, ist ihnen auf den Fersen und beansprucht die Beute für sich. Doch in den dunkelgrünen Wäldern Dänemarks wartet nicht nur ein Haufen Geld auf ihn, sondern auch der tiefe Schmerz einer verletzten Kinderseele.
Der neueste Streich des Komödien-Dreamteams aus Dänemark: THERAPIE FÜR WIKINGER schleudert Pointen-Material im Sekundentakt, ist hinreißend unberechenbar und bösartig witzig. Regisseur Anders Thomas Jensen (Adams Äpfel, Helden der Wahrscheinlichkeit) gelingt eine abgründige Krimi-Komödie über konfuse Identitäten und zwei Brüder, die sich lieben.

Ob Manfred (Mads Mikkelsen) eigentlich klar sei, dass alle in seiner Familie psychische Probleme haben, fragt ihn ein Gangster. „Ja“, entgegnet Manfred so trocken wie beiläufig. Als sei dies das Normalste der Welt. Im Kontext von „Therapie für Wikinger“ ist dies auch so. Schließlich stammt der Film von Anders Thomas Jensen, der in seinen Werken mit tiefschwarzem Humor, provokanter Gewalt und überraschenden Volten zuverlässig die Grenzen des guten Geschmacks auslotet. Wie schon „Dänische Delikatessen“, „Adams Äpfel“ oder „Men & Chicken“ ist auch „Therapie für Wikinger“ eine tragische, von schrägen Typen bevölkerte Komödie mit einem Hang zum Genremix und allerhand irritierenden Extravaganzen. Mit Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas arbeiten auch zwei Stars des dänischen Kinos zum wiederholten Mal mit dem Regisseur zusammen. Ist also alles wie gehabt im Kosmos des Anders Thomas Jensen? Ja! Und wie zuvor ist der groteske bis stumpfe Humor des Autorenfilmers für Kontroversen wie geschaffen. Doch kalt lässt das im Original „The Last Viking“ betitelte Drama wohl niemanden.

John Lennon und andere „Beatles“

Das Geld aus einem Raubüberfall kann Anker (Nikolaj Lie Kaas) noch seinem Bruder Manfred (Mads Mikkelsen) anvertrauen, der es auf dem Waldgrundstück der Eltern vergraben soll – dann erwischt ihn die Polizei. Fünfzehn Jahre später kehrt Anker aus der Haft zu Manfred und der gemeinsamen Schwester Freja (Bodil Jørgensen) zurück, um mit der Beute von damals neu anzufangen. Doch Manfred, der schon vor Ankers Verhaftung psychisch auffällig war, hat eine tiefgreifende Identitätsstörung entwickelt. Ganz in seiner imaginierten Persönlichkeit als „Beatles“-Frontmann John Lennon gefangen, kann oder will er nicht sagen, wo er das Geld vergraben hat. Ein gemeinsamer Ausflug zum tief im Wald gelegenen Elternhaus, das inzwischen von dem Ehepaar Margrethe (Sofie Gråbøl) und Werner (Søren Malling) bewohnt wird, soll seinen Erinnerungen auf die Sprünge helfen.

Unterwegs treffen Anker und Manfred auf den Psychiater Lothar (Lars Brygmann), der ebenfalls am Haus auftaucht, um eine ausgefallene therapeutische Methode auszuprobieren. Zusammen mit zwei weiteren Borderline-Persönlichkeiten soll Manfred eine „Beatles“-Coverband gründen: mit Hamdan (Kardo Razzazi), der sich als Paul McCartney und George Harrison sieht, und mit Anton (Peter Düring), der neben Ringo Starr rund vierzig weitere Persönlichkeiten von Iron Man bis Heinrich Himmler in sich vereint. Während die skurrilen Proben der eigenwilligen Band anlaufen, gräbt Anker den Waldboden um.

„Therapie für Wikinger“ eröffnet mit einer Animationssequenz, in der ein Geschichtenerzähler eine Legende aus der Zeit der Wikinger vorträgt. Darin müssen alle Bewohner eines Reiches ihren linken Arm hergeben, weil der Sohn des Königs im Kampf seinen linken Arm verlor. Nur so herrsche wieder Gleichheit unter den Menschen. Blut strömt von einem Hügel, auf dem sich auch der König den Arm abhacken lässt. Diese Geschichte führt in den märchenhaften Aspekt des Films ein, der sich im tiefgrün mit Moos bedeckten Wald und dem Haus ausdrückt. Auch die per Massenamputation hergestellte Gleichheit unter den Wikingern hallt im Reigen der Charaktere wider, die allesamt in unterschiedlich ausgeprägten Irrungen und Traumata gefangen sind. Denn wenn alle verrückt sind, fällt die Verrücktheit nicht weiter auf.

Tragik, Komik und alles dazwischen

Die Launen der lädierten Charaktere prägen die Unberechenbarkeit des figurengetriebenen Films, der immer wieder überraschende Abzweigungen nimmt und gegensätzliche Tonlagen anstimmt. Zwischen ABBA, Ikea, Fantasie und Wirklichkeit setzt Jensen auf Situationskomik, Tragik und viele Schattierungen dazwischen. Spätestens mit dem Auftauchen von Ankers früherem Komplizen Flemming (Nicolas Bro) kommen auch die für den Regisseur typischen Gewaltspitzen hinzu. Flemming setzt alles daran, sich die Beute unter den Nagel zu reißen, und greift dafür auf Foltermethoden zurück, die Jensen mit expliziten Nahaufnahmen inszeniert. Auch wenn sich mitunter Längen einschleichen, hält das eigensinnige Aufeinanderprallen der Kontraste das Interesse am Fortgang des Geschehens wach.

Besonders denkwürdig ist Mads Mikkelsen als Manfred – und das nicht nur wegen seiner markanten blonden Dauerwelle. In seiner dissoziativen Persönlichkeitsstörung und der kindlichen Direktheit manifestiert sich die Sprunghaftigkeit des ganzen Films. Urplötzlich sticht sich Manfred eine Gabel ins Bein, entreißt der Nachbarin ihren Hund, springt spontan aus dem Fenster oder dem fahrenden Auto. Wenn der meist in sich gekehrte Mann dann mal spricht, irritiert er mit einer ganz eigenen Sichtweise. So reitet er zur Begrüßung auf den Gesichtsverbrennungen des Gastgebers Werner herum, dem bei einem Unfall Zigarettenglut ins Gesicht flog. Oder er fragt Werners Frau Margrethe ungeniert, warum sie mit einem Hässlichen zusammen ist. Als Quittung boxt ihm die trainierte Margrethe dafür ins Gesicht.

Ein Herz für die Figuren

Unter dem Wahnwitz verbirgt sich indes ein Herz für die Figuren, das Anders Thomas Jensen auch in jedem seiner vorherigen Filme unter Beweis stellte. Der Regisseur lässt sich auf die Eigenarten der Außenseiter ein und gesteht ihnen einen emotionalen Kern zu. Nach und nach verdichten sich die unangenehmen Rückblenden in die Kindheit von Anker und Manfred zu einem ausgewachsenen Trauma, das von ihrem brutalen Vater handelt. Ankers Wutproblem und Manfreds Verkapselung kommen nicht von ungefähr. So erzählt „Therapie für Wikinger“ aller Knalleffekte zum Trotz eine ernste Geschichte, die Themen wie Identität und Anderssein nachspürt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deTherapie für WikingerVon: Christian Horn (6.1.2026)
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