Vorstellungen
Filmkritik
Schon als Kind sei er zur Jagd gegangen, erzählt einer der Protagonisten aus dem Dorf Thule in Nord-Grönland; Beute zu machen stecke in seinen Genen. Weiches Licht fällt ein, Wolken formieren sich eindrucksvoll am Himmel. Auf dem Meer, vor einer malerischen Schnee- und Eislandschaft, erlegen der Mann und seine beiden Gefährten die Beute mit einem einzigen Schuss. Rot schäumt es im blaukalten Wasser auf, einer der Männer zieht die tote Robbe mit einem Griff heraus. Im Dorf wird das Tier in handliche Stücke zerteilt. Es versorgt eine ganze Familie mit Nahrung. So ist der Tag ausgefüllt, und an dessen Ende genießt man im Kreise der Seinen die Früchte der Jagd. Musik setzt ein, die Sonne geht unter. Ein Schnitt befördert den Zuschauer auf die andere Seite des Erdballs, zur Inselgruppe Tuvalu in der Südsee. Warmer Sonnenschein umfängt alles, das Leben an diesem Ende der Welt verläuft in ähnlichen Bahnen. Ein Mann steht in den Meereswellen und fängt mit seinem Sohn Fische, während draußen auf dem Wasser weitere Männer auf Booten paddeln und die Netze auslegen. Matthias von Gunten hat sich für seinen Dokumentarfilm zwei Flecken auf der Erde ausgesucht, die angeblich noch nicht von der Industrialisierung und deren unschönen Nebenwirkungen heimgesucht wurden. Es handelt sich dabei um kleine, überschaubare Gesellschaften. So kann er diese beiden Orte als heile Welt konstruieren, um damit umso schlagender die Schrecken der Erderwärmung zu demonstrieren. Scheinbar leben die Menschen hier bislang wie im Paradies. Der Film erklärt dies mit deren Wirtschaftsform und auf der Grundlage von Darwins Evolutionstheorie: der bestmöglichen Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten. Weil die Menschen die Gaben der Natur also vollständig für sich zu nutzen wissen, können sie autark sein, führen sie ein Leben im Einklang mit der Natur. Ihre traditionelle Lebensführung vererben sie von Generation zu Generation; die sozialen Bindungen in der Familie sind noch intakt, Entfremdung gibt es nicht. Aber diese ökologische Idylle, so die Perspektive des Films, wird durch die ressourcenverbrauchende Lebensweise der Industrieländer bedroht. Der Klimawandel zerstört die natürlichen Gegebenheiten, auf denen die Existenzsicherung dieser Menschen fußt und die ihr Leben prägen. Er zwingt sie wie im Falle der Südseeinseln sogar dazu, ihre Heimat zu verlassen und in ein Industrieland, zumeist nach Neuseeland, zu emigrieren. Dort unterliegen die Menschen dann den Zwängen des industriellen Kapitalismus. Dessen traurige Auswüchse werden an einer emigrierten Familie vorgeführt. Zum Herumsitzen verdammt, weil nur eines ihrer Mitglieder Arbeit hat, verbringt sie den Tag vor dem Fernseher mit Junkfood. Matthias von Gunten hat seiner Inszenierung eine eingängige dramaturgische Konvention auferlegt. Schritt für Schritt erhöht er den Grad der Darstellung der katastrophalen Folgen des Klimawandels, wodurch die Situation immer bedrohlicher erscheint: Erst sterben auf Tuvalu, unterspült von den ansteigenden Gezeiten, die Palmen, deren Saft ein Grundnahrungsmittel ist. Dann besieht sich der Film den Gemüseanbau im Innern der Inseln, der nicht mehr funktioniert, weil das Grundwasser mit Salz verunreinigt ist. Schließlich zeigt er, dass bereits Trinkwasser nach Tuvalu geliefert werden muss, weil auch die Brunnen versalzen sind. Am Ende doch ein Hoffnungsschimmer: wieder ist es die Anpassungsfähigkeit von Mensch und Natur. So entdeckt er in Tuvalu Bäume, die im Salzwasser überleben können. Das von Matthias von Gunten entworfene Bild steht in der Tradition einer naiven Zivilisationskritik, wie sie Erich Scheurmann in „Der Papalagi“ (1920) mit den fingierten Reden eines Südseehäuptlings begründet hat. Der Westen soll sich an die eigene Nase fassen und sich endlich zum besseren Leben bekehren. Dazu wird das Menetekel des Untergangs drohend an die Wand geworfen. Das soll die auf ewigen Fortschritt setzende Wohlstandsgesellschaft aus ihrer Sicherheit reißen. Was früher der Saure Regen war, später das Ozon, ist heute der Klimawandel. Die sich erwärmende Erdatmosphäre muss einmal mehr als „medialer Mitleidskreuzzug“ (Anke Richter) für alle Probleme herhalten. Was „ThuleTuvalu“ jedoch fehlt, ist eine differenzierte, entideologisierte Darstellung des Phänomens. Eine solche müsste unter anderem auch der Komplexität des Ökosystems gerecht werden, in dem sich menschliche Eingriffe nie leicht abschätzen lassen. Dass dort, wo die Natur intakt ist, auch die sozialen Verhältnisse stimmen, ist nichts anderes als romantische Schwärmerei.







