Vorstellungen
Filmkritik
2014 ist jeweils ein bedeutender Wendepunkt im Leben von Haval Berxwedan, Sepan Ajo und Zakia. Die Lebensgeschichten der drei Frauen sind geprägt von der massiven Expansion der radikalislamischen Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien und Irak, die ab 2014 große Teile beider Länder eroberten und für einige Jahre kontrollierten. In seinem Dokumentarfilm „To My Sisters“ verknüpft der kurdisch-deutsche Regisseur Faek Falak, der 2014 aus Syrien nach Deutschland kam, ihre sehr unterschiedlichen Schicksale zu einem vielschichtigen Porträt von Frauen, die sich für ihre Freiheit und Rechte engagieren. Dabei macht er keinen Hehl aus seiner Sympathie für die kurdischen Kämpferinnen, denen er seinen Film ausdrücklich widmet. Damit knüpft er an Spiel- und Dokumentarfilme über ähnliche Fälle an wie etwa „The Other Side of the River“ (2022), „Im Feuer - Zwei Schwestern“ (2021) und „Operation Red Snake“ (2019).
Eine Entscheidung für den bewaffneten Widerstand
Die junge Kurdin Haval Berxwedan hat mit 18 Jahren im Norden Syriens darauf verzichtet, eine eigene Familie zu gründen, und hat sich für den bewaffneten Widerstand gegen Unterdrückung und Verfolgung entschieden. Als Kommandeurin einer Einheit der kurdischen Frauentruppe YPJ kämpft sie mit ihren Kameradinnen gegen IS-Terroristen, um die Freiheit ihres Volkes zu verteidigen. Die kurdischsprachige Jesidin Sepan Ajo wurde nach der Besetzung der nordirakischen Region Sindschar im Sommer 2014 durch IS-Milizen als junges Mädchen verschleppt und war sieben Jahre systematischer sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Bei einem zwangsweisen Transfer in den Libanon konnte sie fliehen und fand in Deutschland Zuflucht. Die Deutsche Zakia lebte als Frau von zwei IS-Kämpfern mit ihren Kindern jahrelang in Syrien, ehe sie gefangen genommen wurde und nun seit Jahren mit den Kindern in einem Lager ausharren muss. Obwohl sie zurück nach Deutschland will, darf sie das Lager nicht verlassen, da sie noch immer als Gefährderin gilt.
Die Regie verknüpft die drei Erzählstränge durch eine alternierende Montage eng miteinander. Obwohl sich die drei Frauen nicht direkt begegnen, sind ihre Lebenswege doch gleichsam eng verbunden. Zugleich zeigen die Erlebnisse des Trios auf unterschiedliche Weise, dass der Kampf gegen den islamischen Terrorismus keine Angelegenheit ist, die nur die nahöstliche Region betrifft, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf Europa und den Westen hat. Denn die inzwischen 26-jährige Sepa fühlt sich nach ihren traumatischen Erfahrungen erst in Deutschland wieder sicher und möchte ihre jahrelang unterbrochene Ausbildung wieder aufnehmen.
Extremisten aus vielerlei Ländern
Zakia war nach eigenen Angaben vor Jahren mit ihrem bosnischen Mann über die Türkei nach Syrien gereist, angeblich ohne zu wissen, dass der sich heimlich radikalisiert hat und den Terroristen anschließen wollte. Berxwedan und ihre Kämpferinnen sehen sich an der Front oft mit Extremisten konfrontiert, die aus vielerlei Ländern zusammengeströmt sind, um in den Reihen des IS zu kämpfen.
Die kurdische Soldatin und die jesidische Geflüchtete berichten zunächst aus dem Off über ihre Erlebnisse, Gefühle und Hoffnungen. Der Regisseur generiert mit diesem Gestaltungsmittel eine ungewöhnliche Distanzierung, die sich erst auflöst, als er später im Film dazu übergeht, die beiden Frauen vor der Kamera erzählen zu lassen. Dabei erweisen sich vor allem die erschütternden Erinnerungen von Sepan als stärkste Sequenzen des Films, etwa wenn sie berichtet, wie sie anhören musste, wie ihre Leidensgenossinnen jede Nacht von IS-Mitgliedern missbraucht wurden: „Diese Hölle wiederholte sich jede Nacht, jede Nacht, jede Nacht.“
Dagegen erzählt Zakia von Anfang an mit direktem Blick in die Kamera von ihren Erlebnissen und avanciert dabei zu einer tragischen Figur. Die Kamera bleibt meist nahe an den drei Frauen und beobachtet sie in ihren Alltagsaktivitäten. Gelegentlich entstehen so sogar poetische Momente, etwa wenn die uniformierten jungen Soldatinnen unter Berxwedans Kommando gemeinsam singen und tanzen, ehe sie zu einer Patrouille, Razzia oder an die Front ausrücken. Zugleich wird deutlich, dass Falak ein enges Vertrauensverhältnis zu ihr und Sepan aufbauen konnte: Sepan erzählt hier erstmals ihre Geschichte öffentlich und zeigt ihr Gesicht dazu.
Trauriger Frauengesang
Zwischen die Statements der drei Frauen schiebt Falak oft statische Totalen ein, die die Landschaft oder Städte in der Regel aus der Vogelperspektive zeigen. Diese Einschübe werden meist untermalt von einer melancholisch klingenden Musik oder traurigem Frauengesang, es sind Klangbilder, die den Film auch an anderen Stellen begleiten. Dabei verzichtet Falak auf einen erklärenden Off-Kommentar, liefert dafür aber viele und teils umfangreiche Schrifteinblendungen zu den politischen Ereignissen, die zwar wichtige Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis liefern, aber den Erzählfluss hin und wieder empfindlich hemmen.
Auch wenn „To My Sisters“ schwerpunktmäßig die Erlebnisse der Protagonistinnen in den Jahren ab 2014 beleuchtet, schlägt der Film auch die Brücke zur Gegenwart. Als Berxwedan 2026 bei einem Heimaturlaub ihre Eltern besucht und ihr automatisches Gewehr an die Wand stellt, versorgt ihre Mutter sie mit reichlich Proviant. In die Kamera sagt sie: „Wir sagen, dass wir keine Angst haben, aber in Wahrheit haben wir sie doch.“
Am Ende des Films wird klar, dass das Leiden des kurdischen Volkes weitergeht und der vermeintlich besiegte IS noch immer oder schon wieder aktiv ist und eine Gefahr darstellt. Im Januar 2026 greift die syrische Übergangsregierung mit Milizen Gebiete unter kurdischer Kontrolle an, etwa 2000 IS-Kämpfer werden aus Gefängnissen freigelassen, die bis dahin von Kurden kontrolliert worden waren. Prompt werden die Barracken von Berxwedans Einheit von IS-Kräften überfallen und zerstört, viele Soldatinnen getötet oder verschleppt.







