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Filmkritik
Gesagt, getan! Kaum mehr als ein halbes Jahr nach dem eher unsichtbar gebliebenen Freestyle-Roadmovie „Hochstapler und Ponys“ kommt der fünfte Spielfilm des Independent-Filmemachers Timo Jacobs in die Kinos. Auch „Tod meiner Jugend“ hat viel zu erzählen, aber der Tonfall von Jacobs’ neuer Arbeit als Regisseur, (Haupt)-Darsteller, Co-Autor und Produzent ist anders als gewohnt. Ernster, wütender, verbindlicher.
Ein System von drastischen Gewaltverhältnissen
„Tod meiner Jugend“ folgt der gleichnamigen Autobiografie von Kai Peter und erzählt von einem System von drastischen Gewaltverhältnissen, das mit Bildern eines scheinbar alltäglichen Mobbings vor einer Grundschule in der Provinz eröffnet wird. Opfer ist der schmächtige Kai Peter (als Kind: Milo Eisenblätter), der als „Asi“ beschimpft und geschlagen wird. Jahrzehnte später kehrt Kai (als Erwachsener: Timo Jacobs) mit Frau Melanie (Nadeshda Brennicke) und Sohn Silas (Silas Peter) an den Ort seiner Kindheit zurück, um das renovierungsbedürftige Haus der Großeltern zu beziehen. Hier verbrachte Kai wohl glückliche Jahre, bevor sich seine Mutter Jessica (Sarah Bauerett) mit den Großeltern überwarf. In der Schule, in der er einst gemobbt wurde, hat er jetzt einen Job als Hausmeister angenommen und nutzt diesen Job, um seinen Sohn zu behüten.
Rückblickend wird gerade die bloße Existenz dieser betont empathischen Kleinfamilie zu einer Leerstelle des Films, die letztlich unaufgelöst bleibt. Als echte Habermas-Fans pflegen die Familienmitglieder einerseits das offene Wort („Brauchst du Trost?“, „Sprich mit mir! Warum sprichst du nicht mit mir?“), aber Kai wirkt andererseits permanent bedrückt und angespannt. Bei einem Besuch im Baumarkt kommt es zu einer Konfrontation mit einem anderen Kunden, die fast handgreiflich eskaliert, weil Kai in ihm einen ehemaligen Arbeitskollegen wiederzuerkennen scheint. Auch hat Kai gesundheitliche Probleme, wie sich bei einem Toilettengang zeigt, der zu einem bizarren Arztbesuch führt. Und dann fragt Silas seinen Vater auch noch, warum es eigentlich keine Fotos von ihm, dem Vater, im Alter des Sohnes gebe. Kurzum: die Atmosphäre ist konstant beklemmend.
Die Vergangenheit tritt die Tür ein
Die Tagline des Films heißt: „Die Vergangenheit klopft nicht an – sie tritt die Tür einfach ein!“ Folglich ergänzt „Tod meiner Jugend“ die zunächst mysteriöse Gegenwartshandlung, indem eine Reihe mal chronologisch, mal nicht-chronologisch angeordneter Rückblenden-Episoden aufgefächert wird, die sich wie in einem Puzzle erst nach und nach zu einem Bild fügen. Man sieht Kai als Kind in der Badewanne. Die Mutter wäscht seine Haare, schneidet die Nägel, taucht ihn unter. Man sieht den Kinderrücken, übersät mit Hämatomen. In seiner Not wendet sich das Kind zur Selbstanzeige ans Jugendamt: Ihm gehe es gar nicht gut. Obwohl die Mutter immer mit dem Jugendamt als strafender Instanz gedroht hatte, sieht Kai hier selbst einen Ausweg. Doch jetzt wird er (als Jugendlicher: Oliver Szerkus) vom Jugendamt in ein Kinderheim gesteckt, wo er von Gleichaltrigen gemobbt und verprügelt und vom Heimleiter missbraucht wird.
Doch es gibt auch ein paar lichte Momente. Menschen, die sich gegenüber Kai zugewandt und empathisch zeigen. Da ist Jonas (Lionel Hesse) im Kinderheim, selbst Opfer von Mobbing, der sich mit Kai anfreundet und ihm als Zeichen der Freundschaft ein Tattoo verpasst. Dieses Tattoo wird später auf Initiative des Jugendamtes von einer Ärztin mit Säure entfernt, um Kai nicht eine seriöse Zukunft zu verbauen. Da ist Martina (Ninel Geiger), in die sich Kai verliebt und mit der er von einer Familie mit Haus, Hund und Garten träumt. Und da ist der freundliche Schreinermeister Franke (Dieter Landuris), der Kai eine erste Lehrstelle in seinem Betrieb verschafft. Nicht wissend, dass der Kollege Klaus (Joscha Baltha), mit dem Kai extern an Baustellen arbeitet, Kai ein weiteres Mal ungestraft vergewaltigen wird.
Und da ist nicht zuletzt Aladin Müller (Burak Yigit), den Kai für seinen verschwundenen Vater hält, dessen Adresse er im Telefonbuch ausfindig macht und ihm einen Besuch abstattet. Was sich zwar als Irrtum herausstellt, aber trotzdem für die schönste Szene des Films sorgt, weil „Vater“ und Sohn eine Vorliebe für Kekse teilen. Später wird noch nachgereicht, dass die Badezimmer-Szene zwischen Kai und seiner Mutter auch davon handelte, dass die Mutter ihren Sohn für zahlende Kunden herrichtete.
Ein Potenzial für Stand-Up-Komik
Mit dieser erschütternden Dialektik von Missbrauch und Nähe, von Schutz und Schutzlosigkeit befindet sich „Tod meiner Jugend“ aber noch immer innerhalb der Konventionen eines Genre-Films mit einem an Roland Klick erinnernden Gespür für milieudefinierende Ausstattung (Peter Hahn, Michael Schindlmeier). An diesem Punkt wählt der Film dann aber einen wirklich ungewöhnlichen Twist, der jedoch zugleich eine Verbindung zu Jacobs’ Spielfilm „Stand Up! Was bleibt, wenn alles weg ist“ herstellt, der unter anderem auch von alkoholinduzierter Demenz bei einem von Jacobs gespieltem Stand-Up-Comedian handelt. Hier ist es Ehefrau Melanie, die entgegen allem, was bislang zu sehen war, Kai unterstellt, hier ein gewisses Potenzial zu haben. Also sucht sich Kai einen Stand-Up-Coach (grandios: Sascha Alexander Gersak), der mit einer Verve bei der Sache ist, dass das Coaching durchaus als Therapie durchgeht. Die These: Komik entsteht dort, wo der tiefe Schmerz wohnt. Folglich muss man sich dorthin begeben, will man auf der Bühne nicht nur platt kalauern. Hier wird über das Wesen von Stand-Up-Comedy nachgedacht, nicht etwa über Bühnenpräsenz und Performance-Dramaturgie.
Eine betont unpolierte Art des Erzählens
Mehrfach wird im Film darauf verwiesen, dass Missbrauch verjährt. Die von Jacobs gewählte Art des Erzählens ist betont unpoliert, mit Leerstellen und einfach so in den Raum gestellten und dann „vergessenen“ Motiven wie Kais Waschzwang. Über Gewalt, Mobbing und Missbrauch ist kein glatter Film mit einer stimmig-konventionellen Dramaturgie zu haben, sondern nur eine Abfolge von Stolpersteinen. „Tod meiner Jugend“ ist Low-Budget-Independent-Kino mit Verbindlichkeit statt Trash und Exzess.










