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Filmkritik
Kaum eine andere Figur des zeitgenössischen Animationskinos ist derart ikonisch geworden wie Totoro, ein riesiger, flauschiger Waldgeist in „Mein Nachbar Totoro“ (1988), der dann auch zum Logo des Animationsstudios Ghibli wurde. Wie kein anderer Film steht der Anime für die poetische Handschrift seines Regisseurs Hayao Miyazaki. Dezidiert setzte der Film auf eine leise, entschleunigte Erzählweise, die das Fantastische wie selbstverständlich im ländlichen Alltag verankert. Damit formulierte Miyazaki eine alternative Ästhetik des Animationsfilms, die in ihrer Verschränkung von atmosphärischer Naturerfahrung und kindlicher Wahrnehmung bis heute nachwirkt.
Mei und Satsuki im Wunderland
Mei und ihre große Schwester Satsuki erkunden nach dem Umzug aufs Land die neue Umgebung, wobei es vor allem die jüngere Mei ist, die sich neugierig und furchtlos von jedem noch so kleinen Wunder anziehen lässt. Miyazaki zeichnet sie als ganz im Moment lebendes Kind. Sie streift allein durch Garten und Wiesen, folgt jedem Rascheln im Gras und entdeckt im hohen Grün ein weißes Wesen: ein Chibi-Totoro. Es huscht davon und verschwindet im Dickicht. Mei zwängt sich durchs Gestrüpp, bis der Boden unter ihr nachgibt. Sie fällt, landet aber weich auf dem Bauch des gewaltigen Totoro, der tief und gleichmäßig atmend im Halbdunkel einer Baumhöhle liegt und döst.
Die Szene erinnert an Lewis Carrolls Figur der Alice, die dem weißen Kaninchen folgt und durch dessen Bau ins Wunderland hinabfällt. Doch Miyazaki inszeniert diesen Eintritt in eine Welt des Wunderlichen ohne besondere Hervorhebung. Für Mei ist Totoro nichts Fremdes, sondern etwas Selbstverständliches. Er wacht auf, reißt sein Maul auf und stößt ein tiefes, lang gezogenes Grollen aus, das Mei als seinen Namen versteht: „To-to-ro“. Statt sich zu erschrecken oder Angst zu bekommen, stemmt sie die Hände in die Hüften und brüllt mit all ihrer kindlichen Energie zurück.
Die Magie der kindlichen Vorstellung
Die Begegnung mit Totoro ist Teil einer Geschichte, in der Mei und Satsuki mit ihrem Vater in ein altes Haus auf dem Land ziehen, um der Mutter näher zu sein, die in einem nahegelegenen Krankenhaus behandelt wird. Der Film erzählt dabei weniger eine zielgerichtete Handlung als die Erlebnisse eines Sommers: das Warten im Regen an einer Bushaltestelle, kleine Entdeckungen am Wegesrand, das Staunen über keimende Samen. Erst wenn sich der Zustand der Mutter kurzfristig verschlechtert, kommt Sorge auf. Ihre Krankheit wirft einen Schatten auf den Alltag. Totoro nimmt den Schmerz nicht fort. Aber er bietet Halt in Momenten der Unsicherheit. Die Kinder dürfen traurig sein, wütend und verzweifelt. Der Film respektiert diese Gefühle. Wenn Mei allein in Richtung Krankenhaus läuft und Satsuki die Suche nach ihrer Schwester aufnimmt, kommen ihr nicht nur Totoro zu Hilfe, sondern auch der wunderliche Katzenbus.
Gerade der Katzenbus bündelt noch einmal die ganze Erfindungskraft des Films. Mit seinem breiten Grinsen, den weit aufgerissenen Augen, die im Dunkeln wie Scheinwerfer leuchten, und den vielen Beinen, die ihn lautlos über Felder und Flüsse tragen, ist er zugleich Tier, Fahrzeug und Traumgestalt. Vor allem aber kennt der Katzenbus immer den richtigen Weg; er weiß instinktiv, wohin die Sehnsucht weist. Auch darin zeigt sich eine Parallele zu „Alice im Wunderland“ und der Grinsekatze, die Alice zwar in Rätseln begegnet, ihr aber dennoch mögliche Richtungen und Orientierung eröffnet. Die Rußmännchen, diese flirrenden, wuseligen Schattenwesen, die durch das alte Landhaus huschen, sind niedlich animierte Begleiter der beiden Schwestern. Die Großmutter erklärt den Mädchen, dass solche kleinen Geister in Häusern leben, die eine Zeit lang leerstanden, und dass sie verschwinden, sobald wieder Menschen einziehen.
Staunen für jedes Alter
Es sind Fabelgestalten mit eigener Mythologie und sichtbare Ausformungen kindlicher Fantasie zugleich. All diese Wesen existieren nur im Blick der Kinder. Ihre Vorstellungskraft wird nicht belächelt oder erklärt, sondern als legitime Welterfahrung inszeniert. Der Film ist eine Liebeserklärung an diese Perspektive, an die Kraft der Fantasie und an die Schwebe, in der offenbleibt, ob diese Gestalten Einbildung sind oder eine Realität, die nur Kindern zugänglich ist. Gerade in dieser Offenheit wird Miyazakis besondere Handschrift deutlich. Er beharrt darauf, dass kindliches Erleben eine eigenständige Form von Wirklichkeit ist.
„Mein Nachbar Totoro“ entfaltet seine Wirkung nicht durch große Konflikte, sondern durch Aufmerksamkeit für das Kleine. Miyazaki lässt Szenen wirken und gibt der kindlichen Wahrnehmung Raum. Daraus entsteht ein Film von bemerkenswerter Ruhe, in dem Fantasie und Alltag nebeneinander bestehen, ohne einander zu widersprechen. Gerade darin zeigt sich seine nachhaltige Intensität: Er bewahrt das Staunen und macht es für jedes Alter erfahrbar.





