Vorstellungen
Filmkritik
Prologe sind wichtig. Zumindest im Genrefilm, denn sie stimmen das Publikum auf das ein, was kommt. Auch „Toy Story 5“ beginnt mit einem Paukenschlag: Dutzende Buzz Lightyears der neusten Spielzeuggeneration landen in einem Container, vermeintlich irgendwo im Dschungel. Oder ist es eine einsame Insel jenseits der Zivilisation? Sind die Buzz-Lightyear-Klone Teil einer Invasion? Muss sich die Welt gegen sie oder einen Feind (aus dem Weltall) wappnen? Nein, natürlich nicht! Dieser Prolog ist eine geniale Irreführung. „Toy Story 5“ ist keineswegs zum Science-Fiction-Bombast-Actionfilm-Kino mutiert. Vielmehr geht es weiterhin um „schnöde“ Inhalte: um Erziehung, um Wehmut und das Spielzeug einer vermeintlich vergangenen Zeit.
To infinity and beyond
„To infinity and beyond“, „Bis zur Unendlichkeit und darüber hinaus“, lautet der ikonische Ausspruch von Buzz Lightyear, dem wichtigen Mit- oder auch Gegenspieler von Cowboy Woody, der seit dem ersten Film „Toy Story“ (1995) für das Naive, Unbedarfte, euphorisch Optimistische steht, mit dem eine Gruppe von Spielzeugen in den Kinderzimmern ein ums andere Mal sich selbst, aber auch die Kindheit an sich rettet. Während also eine ganze Containerladung von einem Containerschiff geplumpster Buzz Lightyears den Rückweg in die Zivilisation sucht, ereignet sich in den Vorstädten der USA eine Revolution im Kleinen.
Die achtjährige Bonnie lebt (noch) in ihrer eigenen Welt. Dort, wo man ohne Probleme im Vorgarten und auf den kaum befahrenen Straßen spielen kann, hat sie gelernt, mit dem Spielzeug in ihren Händen ihrer Imagination freien Lauf zu lassen. In einer formal wunderbar von ihrer gelebten 3D-Trickfilmwelt abgegrenzten Realität taucht sie in eine pastellene, fast zweidimensional wirkende Fantasiewelt ein, in der sie mit ihrer Lieblingspuppe Jessie, ihrem treuen Pferd Bullseye, dem Tyrannosaurus Rex, dem Sparschwein Specki, der Plastikkartoffel Charlie Naseweis oder Slinky, dem dehnbaren Dackel, viele Abenteuer übersteht, etwa melodramatische Soaps oder kirchliche Hochzeiten.
Eigentlich ist Bonnie ein Kind, wie es sich Eltern und Pädagogen wünschen. Aufgeweckt, kommunikativ, fantasievoll, begabt. Doch sie hat keine Freunde, ist einsam und meistens allein mit sich und ihrer Fantasie. Das macht nicht nur Bonnie traurig, sondern auch ihre Eltern Linda und Joe ratlos. Bislang dachten sie, dass sie ihr Kind gut erziehen. Denn obwohl Computer und Internet in den 2010er-Jahren schon die kindliche Welt dominieren, haben sie ihr Kind bislang davor verschont. Das ändert sich aber nun. Denn alle Nachbarskinder und Schulkameradinnen, die Bonnie für ihr naives Spiel mit Puppen belächeln, haben zumindest ein Lilypad-Tablet, mit dem man einfache Spiele spielen und an Chatgruppen teilnehmen kann.
Jessie, Bully & Co. sind abgemeldet
Das Lilypad ist Bonnies Schlüssel zur neuen Zivilisation. Plötzlich ist sie fit fürs Miteinander; Jessie, Bully & Co. sind bald abgemeldet. Große Kinder spielen mit Computern, nicht mit Puppen. Das ist aus Sicht von Bonnie ganz passend, die eben mit der Zeit geht. Für das Spielzimmer aber weniger, das sich im Extremfall in einen Friedhof der Kuscheltiere verwandeln könnte. Allerdings ist es nicht so, dass sich Cowgirl Jessie und ihre Kumpels nicht selbst schon Gedanken um Bonnies Seelenheil gemacht hätten. Als verantwortungsvolle „Toys“ mit einer langen Spielevergangenheit haben sie schon manche Kinder ins Erwachsenenleben begleitet. Sogar Woody, der zusammen mit seiner großen Liebe Porzellinchen inzwischen auf eigenen Füßen jenseits der Anderson-Familie „lebt“, wurde zusammen mit Buzz Lightyear schon via Walkie Talkie zurate gezogen.
Doch mit dem Lilypad zieht ein Spielzeug ein, das nicht kooperiert oder integriert, sondern verdrängt. Der Verdacht, dass die Macher von „Toy Story 5“ plötzlich dem Kulturpessimismus huldigen, ist allerdings unbegründet. Mit einer plumpen Unterscheidung zwischen der guten alten Zeit und der neuen medialen Verblödungsmaschinerie hatten die Drehbücher der Filmreihe noch nie etwas gemein. Auch jetzt scheint es nur so, als sei das Lilypad der Feind in Bonnies Bett. Obwohl das Lilypad als Eindringling in die Spielzeugwelt durchaus unheimliche Züge annimmt, ist der wahre Feind nicht die technische Innovation, sondern die menschliche Ignoranz. Kinder werden immer nur so, wie man sie werden lässt. Das ist eine der wichtigsten Botschaften von „Toy Story 5“. Die gutgemeinten Abschottungsbemühungen von Bonnies Eltern sind genauso schädlich wie die Ignoranz jener Erwachsenen, die nicht merken, wenn aus ihren Kindern ignorante Computerjunkies zu werden drohen.
Wichtig ist es, den Geist der Neugier und der Kreativität zu fördern. Bonnie wird ihren Weg gehen, mit dem Mädchen Blaze eine Seelenverwandte finden und entdecken, dass es eine Welt jenseits des Smartphones gibt. Ganz ähnlich muss auch die Gesellschaft wieder lernen, zu spielen, zu imaginieren und zu interagieren, wenn sie überleben will.
Das Spielzeug-Leben geht weiter
Doch was ist mit den Buzz Lightyears aus dem Prolog und dem anderen physischen Spielzeug aus Plüsch, Plastik und Füllwolle? Hier kommt die Wehmut als tragende Säule des „Toy Story“-Universums ins Spiel. Das Leben im Spielzeug-Universum geht weiter. Man wird geliebt und dann vergessen, das scheint das Schicksal von Jessie, Bull und Woody zu sein. Es ist zutiefst traurig, wenn die Puppe – wie einst Woody – erkennen muss, dass sie nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit „ihres“ Menschen steht. Doch Jessie wäre nicht das agile, draufgängerische Cowgirl, wenn sie neben dem Glück ihres Menschenkindes nicht auch ihr eigenes Leben im Blick hätte!
Darum kreist die Heldenreise der Spielzeuge, die in den „Toy Story“-Filmen stets ein wichtiger Subplot ist. Auch hier werden Spielzeuge auf abenteuerliche Weise voneinander getrennt, lernen neue Kumpane kennen und erleben ihre persönliche Achterbahnfahrt der Gefühle, wenn sie herausfinden, dass sie von ihren früheren Besitzern doch nie ganz vergessen worden sind. Da die „Toy Story“-Drehbücher nicht unterkomplex sind, gibt es einen großartigen – auch actionreichen – Showdown der Gefühle, wenn sich bei der Suche nach der verschwundenen Jessie eine Stampede der Spielzeuge durch die Zimmer der Computer-Nerds ereignet, die allesamt nicht ahnen, dass es eine lebende Welt der Dinge hinter ihren Rücken gibt. Woher auch.







