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Transit Times

133 minDramaFSK 12
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Szenebild von Transit Times 1
Ein Jahr im Leben einer Familie in einem typischen Hinterhof im Zentrum der moldawischen Hauptstadt Chisinau in den 90er Jahren: Hier lebt Zina (45) mit ihrem Mann Victor (48) und ihrer Tochter Eva (16) und kämpft wie die anderen Hausbewohnern um das finanzielle Überleben der Familie. Durch die Augen der Familie erleben wir ein Land im Umbruch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Selbstgebrannter Schnaps gilt im moldawischen Chisinau des Jahres 1997 als eine Art inoffizielle Währung. Zina (Marina Palii), die als Bühnenbildnerin in einem Kindertheater arbeitet und seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen hat, kann durch den Verkauf des hochprozentigen Alkohols für ihre Familie das Nötigste zum Essen besorgen. Die Stromrechnung bezahlt das freilich nicht, und so sitzt Zina abends mit ihrem Ehemann Victor (Ion Munteanu) und der gemeinsamen Tochter Eva (Arina Mura) in einem von Kerzen beleuchteten Wohnzimmer. Viktor ist Maler, hat seit Ewigkeiten kein Bild mehr verkauft und auch sonst alles aus dem Haushalt veräußert, was Geld abwerfen könnte, sogar Evas Klavier. Nun muss die 17-jährige Musikschülerin woanders üben. Der Geldmangel sorgt für ständigen Streit unter den Eltern, sodass Eva sich immer mehr abwendet und ihrer Freundin Natascha in eine zwielichtige Bar folgt. Dort lässt sich mit feierwütigen Männern Geld verdienen.

Verelendung und Korruption blühen

Mit ehrlichen Mitteln oder gängigen Berufen gelingt das nicht mehr. Sechs Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gilt Moldawien nun als selbstständiges Land, doch die Wirtschaft des Landes liegt offensichtlich darnieder. Verelendung und Korruption blühen, alle ersinnen mehr oder weniger legale Mittel, um über die Runden zu kommen. Zina vermietet ihre Wohnung erst tage-, dann monatelang gegen Dollar. Andere wollen das Land ganz verlassen, so auch die jüdische Nachbarin der Familie, Esfir Davidovna (Paulina Zavtoni). Ihr Enkel Sioma kann nicht mehr in einem Heim für behinderte Menschen bleiben, das in einem Gebäude des Klosters von Hîrbovăț untergebracht war. In dem Dorf besorgt sich Zina auch immer Schnaps und Lebensmittel, während Viktor für die orthodoxen Mönche, die das Kloster bald wiedereröffnen, Ikonen malen soll.

So schildert Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu in ihrem Drama „Transit Times“ die Auflösung einer Ehe im Privaten sowie eines Landes im Ganzen. Die alte Nachbarin Esfir Davidovna wird nach Israel auswandern, andere Bekannte Zinas erfinden sich jüdische Biografien, um sich in den USA oder Deutschland eine neue Existenz aufzubauen: Mit einem hübschen Bestechungsgeld lassen sich Pässe fälschen und Lebensläufe ändern. Sogenannte Heiratsagenturen oder private Männer nutzen wiederum gezielt die Not von Frauen aus. Lokale Mafiosi beginnen ganz offensichtlich mit dem Aufbau von Prostitution und Menschenhandel, während Westler in gemieteten Wohnungen mit jungen Frauen vor Ort „feiern“.

Die Not vereint alle

Korruption und Machtmissbrauch greifen immer mehr um sich. Dass der Film diese Entwicklungen nicht reißerisch schildert, sondern als logische Folgen einer abwärtsdriftenden Gesellschaft, lässt ihn sehr authentisch wirken. Hier gibt es keine Schwarzweißzeichnung und keine Karikaturen. Menschen, die sich schon ewig kennen, müssen Abschied voneinander nehmen und können Fehltritte anderer verstehen, weil die Not alle vereint. Manch ein Gangster beweist mehr Herz als ein scheinbar respektabler Anzugträger.

Die alten sowjetischen Strukturen greifen nicht mehr, auch wenn einige Ewiggestrige das nicht wahrhaben wollen. Russisch wird zwar von den größtenteils rumänischsprachigen Bewohnern der Hauptstadt noch gesprochen, doch es ist ein Relikt von gestern. Als das wahrhaft Tragische arbeitet der Film den Umstand heraus, dass die moldawische Gesellschaft in diesen späten 1990er-Jahren nichts Eigenständiges aufbauen kann, sondern alle in ein Loch fallen lässt.

Irgendwann verlassen Zina, die bisher pragmatisch, wenn auch klagend, für den Zusammenhalt der Familie gesorgt hat, schließlich auch die Kräfte. Als es hart auf hart kommt, entscheidet sie sich, lieber ihre Tochter als ihre Ehe zu retten. Denn Viktor fühlt sich in seinem männlichen Stolz gekränkt und sucht bei einer anderen Frau Trost. Auch die Mönche im Kloster von Hîrbovăț bieten keine Hilfe und agieren eher rückwärtsgewandt. Zwischen einer Vergangenheit, die nichts mehr zählt, und einer sich immer düsterer abzeichnenden Zukunft navigieren die Protagonist:innen in einem Niemandsland namens Gegenwart. Ab und zu verharrt die Kamera etwas zu lange auf dem immer wieder verzweifelnden Gesicht Zinas, doch im Großen und Ganzen versteht sich das Drama eher als Chronik, in dem zwei Frauen – eine Mutter und ihre Tochter – ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen.

Im Hinterhof kennt noch jeder jeden

Zum Gelingen des Films tragen auch das authentische Sprachgemisch – Rumänisch und Russisch – Moldawiens bei sowie die echten Kulissen in Chisinau. Für diesen Drehort entschlossen sich die Produzenten, darunter die deutschen Brüder Jakob D. und Jonas Weydemann und der rumänische Regisseur Cristian Mungiu, als die ursprünglich ausgesuchten Locations in der Ukraine wegen des Krieges ausfallen mussten. Als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte erweist sich der Hinterhof des Hauses, in dem die Familie wohnt. Hier kennt noch jeder jeden, laufen Hunde und Katzen beiläufig durchs Bild, spielt man anfangs noch Karten oder hängt einfach ab. An den verwitterten Häuserfassaden bröckeln Farbe und Putz; sogar Einschusslöcher sind zu erkennen, wahrscheinlich noch aus dem Zweiten Weltkrieg.

Während der Hinterhof sich treu bleibt und langsam verfällt, spielen sich in den einzelnen Wohnungen private Dramen ab. Wie sehr die Gesellschaft verroht, merkt man auch am Umgang mit dem geistig beeinträchtigten Sioma, dem Enkel Esfir Davidovnas. Ihn behandelt man wie einen Aussätzigen, und auch die Mönche überlassen ihn seinem Schicksal. Dass er mit seiner Großmutter auf die Reise in eine bessere Zukunft gehen wird, darf hier verraten werden. Doch er steht stellvertretend für die behutsame und doch aussagekräftige Zeichnung unterschiedlichster Figuren. Auch eine gutmütige russischsprachige Beamte, eine pragmatisch-nachlässige Mutter, ein findiger junger Wohnungsvermittler oder ein Diplomat mit Abgründen bevölkern diesen Film.

„Transit Times“ nimmt seinen Titel ernst und findet in wogenden Feldern, nicht verkauften Gemälden, restaurierten Ikonen, blumigen Teppichen und realsozialistischer Architektur poetische Bilder einer Gegenwart, die überwunden werden muss.

Veröffentlicht auf filmdienst.deTransit TimesVon: Kira Taszman (2.7.2026)
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