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Triegel trifft Cranach (AT)

107 minDokumentarfilm
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Michael Triegels Malerei unterscheidet sich vehement von der seiner Leipziger Schule Kollegen, allen voran von der seines Freundes Neo Rauch. Triegel malt wie die Alten Meister und nennt Michelangelo, Raffael und Dürer seine Vorbilder. 2020 erhält Triegel einen außergewöhnlichen Auftrag: Er soll den zerstörten Mittelteil des Altars im Naumburger Dom gestalten. Fast 500 Jahre zuvor fiel das Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren einem Bildersturm zum Opfer, nur die Seitenflügel blieben erhalten und weil es keinerlei Aufzeichnungen der Darstellung der Gottesmutter Maria mit Kind gibt, muss Michael Triegel ein gänzlich neues altes Gemälde fertigen.
Regisseur Paul Smaczny („Die Thomaner“) begleitete den Maler Michael Triegel mehrere Jahre und zeigt überaus detailliert und erkenntnisreich das Entstehen eines bedeutenden Kunstwerkes. Dabei öffnet Triegel nicht nur die Türen zu seinem Atelier, sondern gewährt tiefe Einblicke in sein Verständnis von Leben, Kunst und Religion.

In einer Leipziger Metzgerei kauft sich der Künstler Michael Triegel zwei Kalbsköpfe – als Malvorlage für ein Altarbild. Während er mit geschicktem Pinseleinsatz den blutigen Totenkopf auf die Holztafel malt, sinniert er über das Hässliche und das Schöne in der Kunst und die viel zitierte Rilke-Zeile „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen“. Er sei eigentlich ein ängstlicher Mensch, erzählt Triegel, und schaue gerne Horrorfilme: „Da weiß ich wenigstens, wovor ich mich fürchte.“ Nicht zurückgeschreckt ist der Künstler vor dem Auftrag, den fehlenden Mittelteil des Marienaltars im Naumburger Dom neu zu malen. Die erhaltenen Seitenflügel stammen von Lucas Cranach dem Älteren, an dessen Malkunst sich der Leipziger Maler nun messen lassen muss.

Fünf Jahre lang hat der Regisseur Paul Smaczny den Maler bei der Neuschöpfung und auf Reisen nach Italien begleitet. „Triegel trifft Cranach“ ist das Porträt eines Künstlers, der unbeirrt an der „altmeisterlichen“ Figuration festhält und als Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig Raffael, Michelangelo, Pontormo und Dürer zu seinen wichtigsten „Lehrern“ zählt.

Einer historischen Korrektur gleich

Neben der Mitteltafel hat Triegel auch die beiden langgestreckten Bildtafeln der sogenannten Predella, des Altar-Unterbaus, gestaltet. Die Symbole des letzten Abendmahls auf der Vorderseite mit Weinkaraffe und Brot ergänzt der Künstler mit einem Menschen- und einem Tierschädel; auf der Rückseite ist das leere Grab mit Leichentuch, Dornenkrone und Kreuznägeln zu sehen. Der auferstandene Jesus der Mitteltafel-Rückseite rückt als fertiges Gemälde zwar in Triegels Atelier dann und wann ins Bild – doch im Mittelpunkt des Films steht dessen Darstellung der Maria mit dem Jesuskind auf der Vorderseite. Diese Gewichtung kommt einer historischen Korrektur gleich: Im Jahr 1541 – 22 Jahre nach Fertigstellung durch Cranach – wurde der Mittelteil bei einem Bildersturm zerstört, der mit der Einführung der Reformation in Naumburg zusammenhing. Der Superintendent Nikolaus Medler hatte es vor allem auf Marienbilder abgesehen; er verschaffte sich mit einem Haufen bewaffneter Metzgergesellen gewaltsam Zugang zum Dom und riss dem Cranach-Altar gleichsam das Herzstück heraus. Von der Mitteltafel blieb keine Spur, auch nicht in Form von Vorzeichnungen. Was für Triegel auch Glück im Unglück ist: Denn ohne kompositorische Vorgaben konnte er ganz von vorne anfangen.

Abstecher nach Florenz, Rom oder nach Mailand, wo Triegel im Kloster Santa Maria delle Grazie das „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci besichtigt, beglaubigen seine tiefe Verbundenheit mit Italien und der Renaissance. In Erfurt geboren, war Triegel bis zum Abitur und einer anschließenden Tätigkeit als Schrift- und Grafikmaler noch DDR-Bürger. Die Wendezeit und die Möglichkeit zu reisen – 1990 begann er ein Studium an der HGB Leipzig – erlebte er als Offenbarung. Mit dem ersten Ausflug zu einer Karfreitagsprozession auf die Insel Procida im Golf von Neapel setzt der Film einen kräftigen Akzent auf die Religiosität des Protagonisten, der 2014 die Konfession wechselt und sich, ursprünglich evangelisch, in der Dresdner Hofkirche katholisch taufen ließ.

An alltägliche Dinge angelehnt

Der Wechsel zwischen Atelier- und Außenszenen bestimmt die Struktur von „Triegel trifft Cranach“. Zugleich wird deutlich, dass dem Maler die Ideen nicht im luftleeren Raum zufliegen, sondern dass die Konzeptionen auf der Anschauung (mitunter) alltäglicher Dinge beruhen. Triegels Kunst ist bei weitem nicht so aus der Zeit gefallen, wie es zunächst den Anschein hat. Obwohl sich der Künstler an Cranachs Stil anlehnen muss, werden die Gestalten der „Sacra Conversazione“ auf der Vorderseite von heute lebenden Personen verkörpert. Für das Jesuskind stand ein wirklicher Säugling Modell. Maria trägt die Züge von Triegels 16-jähriger Tochter Elisabeth; die heilige Anna gleicht seiner Ehefrau Christine Salzmann bis aufs fein gemalte Haar. Triegel erzählt auch, wie die anderen Heiligenfiguren aufs Holz gekommen sind. Den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer malte er auf Anregung der Vereinigten Domstifter ins Bild. Im Gemälde tauchen auch ein Obdachloser mit Basecap auf, den der Maler in Rom kennenlernte, und ein Rabbi, der ihm an der Klagemauer in Jerusalem aufgrund seiner markanten Züge auffiel.

Zu jeder Figur hat der Künstler etwas zu erzählen. Das tut er fesselnd. „Triegel trifft Cranach“ kommt mit nur wenigen Talking Heads aus. Es wird kaum in Richtung Kamera gesprochen. Kunsthistoriker oder Theologen, die etwas zum Thema beizutragen haben, sprechen mit Triegel, wodurch eine Art Diskurs entsteht. Schön ist eine Szene mit Arbeitern, die während des Aufbaus im Naumburger Dom mit dem Künstler lebhaft ins Gespräch kommen.

Zwiegespräch mit dem Madonnenbild

Am intensivsten wirkt jedoch das Zwiegespräch des Künstlers mit dem Madonnenbild, dem sich Smaczny ausgiebig widmet. Faszinierend, in welcher Geschwindigkeit Triegel die Gesichtszüge seiner Figuren mit dem Pinsel hinwirft, imponierend, wie er auf die plane Fläche das kostbare Ehrentuch zaubert, das die Heiligen um Maria und das Jesuskind halten. Virtuos gestaltet der Maler Faltenwurf und florales Muster. Zu seiner illusionistischen – für viele Betrachter: anachronistischen – Malweise mag man stehen, wie man will. Es macht aber schlicht Freude, Triegel beim Malen zuzusehen.

Der bodenständig-handwerkliche Aspekt wird durch die Filmmusik von Kilian Ruben Smaczny zeitweilig allerdings torpediert, die mit silbrigen, an Barockmusik orientierten Klängen eine Weltabgeschiedenheit, womöglich auch einen nicht mehr zeitgemäßen Geniebegriff transportiert, der wohl auch an der Kunstauffassung von Michael Triegel vorbeigeht. Neben der Neukomposition kommen Musikstücke von Johann Sebastian Bach und Arvo Pärt zum Einsatz, die weniger aufdringlich wirken.

Cranachs originale Seitenflügel mit den Porträts von Stifterbischöfen und Heiligen wurden nach dem Bildersturm im Jahr 1541 im Naumburger Domschatzgewölbe gelagert. Schon zu Anfang des Films wird betont, warum der Cranach-Altar in den Westchor des Doms, seinen ursprünglichen Standort, gehört. Die in Sandstein gehauenen, ungewöhnlich naturalistischen Stifterfiguren aus dem 13. Jahrhundert – darunter die berühmte Uta von Naumburg, die Walt Disney zu seiner bösen „Schneewittchen“-Königin inspirierte – blicken auf ein spirituelles Zentrum: den Altar. Smaczny zeigt die feierliche Einweihung des komplettierten Altars im Westchor vom 3. Juli 2022.

Der Welterbestatus ist in Frage gestellt

Doch die Freude ist getrübt, denn das UNESCO-Fachgremium ICOMOS hat jüngst Bedenken gegen den Cranach-Triegel-Altar im Naumburger Dom erhoben. Der Altar habe „beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom“, heißt es darin; er beeinträchtige die Sichtachsen auf die berühmten Stifterfiguren. Seither wurde der Altar in Naumburg abgebaut, wieder aufgebaut und wieder entfernt, um ab Sommer 2025 „für zwei Jahre Zuflucht im Vatikan“ – im Campo Santo Teutonico – zu finden, wie eine Texteinblendung informiert. Die evangelische Landeskirche in Sachsen-Anhalt und Thüringen riskiert mit einem erneuten Aufbau, dass die UNESCO den Welterbestatus des Naumburger Doms aberkennt. Wobei die Sichtachsen-These ziemlich fadenscheinig klingt. Niemand würde die Entfernung des Cranach-Altars aus dem Westchor fordern, wäre er noch im Originalzustand von 1519 erhalten, obwohl beide Altäre – der ursprüngliche und der von Triegel ergänzte – dieselben Abmessungen aufweisen. In Naumburg hofft man jedenfalls auf die Rückkehr des Altars – und auf ein Umdenken der Verantwortlichen.

Am Ende des schönen Dokumentarfilms „Triegel trifft Cranach“ ist eines klar: Mag die Kunst auch noch so vollendet sein, sie ist nie „fertig“; ihr Gehalt und ihre Qualität stehen immer wieder zur Disposition. Wahrscheinlich hat der Videokunst-Pionier Nam June Paik recht, der einmal anmerkte: „When too perfect, lieber Gott böse.“ Was wohl auch für Denkmalschützer gilt.

 

Veröffentlicht auf filmdienst.deTriegel trifft Cranach (AT)Von: Jens Hinrichsen (20.11.2026)
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