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Ungeduld des Herzens

104 minDramaFSK 12
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Ein Bowlingabend, ein Missverständnis – und ein Moment, der zwei Leben verändert. Der junge Bundeswehrsoldat Isaac will der Schwester imponieren, als er die mürrische Edith zum Spielen auffordert. Erst als sie schlaff zu Boden sinkt, erkennt er den Rollstuhl an der Seite. Von Scham getrieben sucht Isaac die Nähe der Frau, die er verletzt hat. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Beziehung – voller Mitgefühl, Hoffnung und wachsender Abhängigkeit. Doch je stärker Isaac versucht, Edith „zu heilen“, desto tiefer verstricken sich beide in ein Geflecht aus Schuld, Selbsttäuschung und Sehnsucht.
Mit eindrucksvollen Bildern und großer emotionaler Präzision erzählt Ungeduld des Herzens von der gefährlichen Grenze zwischen Liebe und Mitleid – und davon, wie leicht Hilfe zur Bevormundung werden kann.

Als Isaac (Giulio Brizzi) abends in der Bowlinghalle in bierseliger Runde mit seinen Bundeswehr-Kameraden abhängt, ahnt er nicht, dass ihn eine schicksalhafte Begegnung erwartet. Weil er seiner Freundin nachtrauert, die drei Wochen nach der Trennung bereits einen Neuen hat, spricht er Ilona (Livia Matthes) an, eine junge Frau an der Bar. Die sitzt mit ihrer Schwester Edith an einem anderen Tisch. Voller Übermut fordert Isaac Edith auf, mit ihm eine Runde zu bowlen, zieht sie hoch und ist dann erschrocken, dass sie auf dem Boden zusammensackt. Denn Edith (Ladina von Frisching) ist querschnittsgelähmt. Den Rollstuhl, der neben ihr stand, hatte Isaac im Halbdunkel nicht gesehen.

Das Motorrad bringt die beiden zusammen

Von seinen Kumpeln erfährt er, dass Edith und Ilona die Töchter des Bauunternehmers Schwartz sind, „dem hier alles gehört“. Am nächsten Tag fährt Isaac mit seinem Motorrad zur Villa Schwartz und bringt Edith Blumen, um sich zu entschuldigen. Bei Gesprächen im Haus und bei einem Badeausflug lernen sich Isaac und Edith kennen. Die junge Frau ist verbittert, hadert mit sich und ihrer Situation, die auch ihre Schwester und ihren Vater (Thomas Loibl) belastet. Früher war Edith eine echte Draufgängerin und fuhr Motocross-Rennen, wo es auch zu dem folgenschweren Unfall kam. Isaacs Motorrad bringt die beiden zusammen. Auch der Vater der Schwestern, der sich Isaac gegenüber überzogen kumpelhaft verhält, findet Gefallen an dem jungen Bundeswehrsoldaten.

Doch Isaac verzeiht sich seinen Fauxpas immer noch nicht und will ihn durch eine enge Beziehung zu Edith wiedergutmachen. Sie entwickelt Gefühle für ihn, doch ob er diese erwidert, bleibt unklar. Isaac hat in der Vergangenheit einige Fehler gemacht. Bei der Armee glaubt er, durch Disziplin wieder auf die richtige Bahn zu gelangen. Doch er durchlebt auch Momente von Verzweiflung, was sich in Wutausbrüchen spiegelt. So spielt er sich und anderen etwas vor und flüchtet sich öfters in Notlügen. Als Edith auf eine Stammzellenbehandlung pocht, bestärkt er sie und macht ihr auch in dieser Beziehung falsche Hoffnungen.

In ein Sozialdrama verwandelt

Die Geschichte des Soldaten und der gelähmten jungen Frau aus gutem Hause basiert auf dem einzigen vollendeten Roman von Stefan Zweig. Seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1939 wurde er schon fünfmal verfilmt. Die jetzige Version des deutschen Regisseurs Lauro Cress ist die sechste – und fest in der Gegenwart verankert. Cress hat das Pathos von Zweigs Vorlage, in der es zum Schluss einen Tod zu beklagen gibt, zurückgenommen und den Stoff in ein Sozialdrama verwandelt. So spricht eigentlich nicht viel für die Verbindung von Isaac und Edith. Der muskulöse, tätowierte junge Mann definiert sich sehr über seine Physis. Mit seinen Kameraden bewegt er sich in einem betont machohaften Ambiente – auch wenn eine Frau zu seiner Militärclique gehört. Der Ton ist rau, man spricht über „Weiber“ und geht nach dem Dienst in der Kaserne einen trinken. Über Isaacs Herkunft erfährt man nur Bruchstücke, die man zu einem unfertigen Puzzle zusammensetzen muss. Mit seiner Mutter spricht er am Telefon Italienisch. Zu seinem Vater hat er offenbar nur wenig Kontakt.

Edith dagegen stand alles im Leben offen. Materiell hat sie keine Einschränkungen – ihr Vater ist reich. Doch auch bei ihr hat die Kindheit Narben hinterlassen. Das hat sie mit Isaac gemein. Er verfügt – neben der Zweisprachigkeit – offenbar über viele Talente, spielt Klavier, ist handwerklich begabt, sportlich. Doch sein Potenzial hat er noch nicht ausgeschöpft, jedenfalls nicht in den Augen seiner Eltern, wie man zwischen den Zeilen erfährt. Das färbt auf sein Selbstbild ab.

Der Zwiespalt ist offensichtlich

Seine ausgeprägte Hilfsbereitschaft Edith gegenüber ist nicht nur uneigennützig. Denn er will sich durch die junge Frau aus gutem Hause auch selbst verwirklichen, endlich einmal etwas richtig machen und etwas vorzeigen können. Sein Zwiespalt ist offensichtlich. Zwar tut er viel dafür, dass sie wieder am Leben teilhaben kann. Es gibt Szenen der Idylle zwischen Isaac und Edith. In der Natur und auf dem Motorrad atmen beide freier und können ihr Umfeld zeitweise vergessen. Dann wiederum trägt er sie in etlichen Szenen auf den Armen, sei es ins Wasser oder die Treppe hoch in ihr Zimmer. Das zementiert Klischees vom starken Mann und der zerbrechlichen Frau und demonstriert gleichzeitig ihre Abhängigkeit. Doch trotz ihrer Gebrechlichkeit ist Edith qua ihrer Herkunft fordernd und selbstbewusst, im Gegensatz zu Isaac. Der kann durch seine zupackende Art zunächst ihren Vater beeindrucken. Doch dann will er beweisen, dass er sich durchsetzen kann und handelt dabei fahrlässig.

Eingebettet ist der Film in eine grüne, flirrende Sommerlandschaft in der Provinz zwischen der mehrstöckigen Schwartz’schen Villa, der bescheidenen Wohnung Isaacs, der Kaserne und bodenständigen Freizeiteinrichtungen wie der Bowlinghalle sowie kantinenartigen Gaststätten. Der Klassenkonflikt ist dadurch gut sichtbar und tritt immer häufiger zutage. Isaacs bester Freund Holzer ist Edith gegenüber latent aggressiv; er hat Minderwertigkeitskomplexe und macht sich auf einer Feier öffentlich über die „echte Schwartz“ lustig. Isaac steht in der Öffentlichkeit nicht immer, oder nicht sofort, zu seiner Freundin. So gerät er zwischen die Fronten, ist weder in dem einen Kreis heimisch noch in dem anderen. Irgendwann verliert er sich in dem von ihm selbst geschaffenen Kosmos aus Mitleid, Helfersyndrom und Minderwertigkeit, in dem aber auch Idealismus, Gutmütigkeit und Ehrgeiz Platz haben.

Bitterer Lernprozess

Die Lebenswirklichkeiten der wohlhabenden Familie und der von Exerzieren, Gehorsam und materieller Bescheidenheit geprägten Truppe sind schlicht zu verschieden. Sie zeigen, dass es Klassenunterschiede durchaus noch (oder wieder) gibt. Das spiegelt sich auch in der Zerrissenheit des Helden wider, den Giulio Brizzi zwischen Wut, Verschlossenheit und Sensibilität gibt und zu einem komplexen Charakter formt. Die gesamte Besetzung überzeugt und trägt dazu bei, diese filmische Adaption, eine Mischung aus Sittenbild und Sozialdrama, authentisch und glaubhaft zu gestalten. Der Film handelt von den Lehrjahren eines jungen Mannes, doch im Unterschied zu den idealistischen Bildungsromanen von einst ist der Lernprozess dieses Helden ein bitterer.

Veröffentlicht auf filmdienst.deUngeduld des HerzensVon: Kira Taszman (27.1.2026)
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