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Filmkritik
Vaianas Blick schweift regelmäßig aufs weite Meer hinaus. Die Teenagerin (Catherine Laga’aia), die mit ihrem Stamm auf einer polynesischen Insel wohnt, sehnt sich danach, die Welt außerhalb ihres Zuhauses kennenzulernen. Doch das nahe der Küste befindliche Riff markiert eine Grenze, die niemand überschreiten darf. Die mythologische Vorgeschichte erzählt bereits der Prolog: Der Halbgott Maui hat einst der Göttin Te Fiti einen strudelförmigen Jadestein gestohlen. Dadurch mutierte sie zu einem feuerspeienden Monstrum, das die fruchtbare Umgebung allmählich in ein unwohnlich karges Schattenreich verwandelte. Langsam beginnt nun auch Vaianas Insel zu verdorren.
Der Film erzählt vom Kampf gegen die Dunkelheit und von einer mutigen Heldin, die sich in ein spektakuläres Abenteuer stürzt, bei dem sie nicht nur ihr Volk retten muss, sondern sich im Rahmen eines strapaziösen Reifeprozesses auch selbst findet. Angespornt von der unangepassten Großmutter (Rena Owen), begibt sich die furchtlose Häuptlingstochter mit ihrem Boot ins Ungewisse. Als Sidekicks dienen ihr ein schielendes, höchst ungeschicktes Huhn sowie der eitle Halbgott Maui (Dwayne Johnson), der die ganze Misere verursacht hat, aber trotzdem nicht daran denkt, dem Mädchen zu helfen.
Träume, Ängste, Naturmystik
Mit „Vaiana“ setzt Disney seine scheinbar endlose Reihe an Realfilm-Remakes seiner Animations-Hits unbeirrt fort. Der Erfolg scheint dem Konzern zwar rechtzugeben, aber auch diese Neuverfilmung des gleichnamigen Animationsfilms aus dem Jahr 2016 krankt optisch an einem grundsätzlichen Problem. Die in ein Wohlfühldrama gebettete Coming-of-Age-Geschichte des Originals bleibt die gleiche, doch den fantasievollen Übertreibungen und Stilisierungen sind im Realfilm engere Grenzen gesetzt. Durch seinen enormen technischen Apparat ist „Vaiana“ zwar zumindest teilweise auch ein Animationsfilm, aber so mancher Versuch, lebensechter zu wirken, lässt den Film eher künstlicher erscheinen.
Die Heimatinsel der Protagonistin ist ein aus erhabenen, saftig grünen Bergen und leuchtend türkisfarbigem Wasser zusammenfantasiertes Naturparadies, das etwas zu makellos und kitschig wirkt. Wenn die Einheimischen ihre mit polynesischen Elementen verzierten Gute-Laune-Hymnen zum Besten geben, bleibt die Umgebung bloße Kulisse. Die von Träumen, Ängsten und reichlich Naturmystik handelnden Musical-Songs verstärken die bühnenhafte Wirkung zusätzlich.
An anderer Stelle zahlt sich die aufwändige Ästhetik des unter der Regie von Thomas Kail entstandenen Films aber aus. Besonders in den rasanten und immersiven Actionszenen wird man zusammen mit der Heldin derart durch die polynesische Märchenwelt geschleudert, dass einem Hören und Sehen vergeht. Feindliche Pfeile schießen um Haaresbreite am Zuschauer vorbei. Mal umhüllen einen Feuersbrünste, mal die Gischt brechender Wellen. Sobald Maui seinen magischen Fischerhaken wieder besitzt und sich beliebig in Tiere verwandeln kann, wirkt „Vaiaana“ zuweilen regelrecht entfesselt.
Wenn die Tattoos lebendig werden
Das Charakterdesign besticht bei dem bedrohlichen vulkanartigen Ungeheuer wie auch bei den wuselnden, wie Kokosnüsse aussehenden Kriegern Kakamora, die es ihrem niedlichen Äußeren zum Trotz in sich haben. Die diebische Riesenkrabbe Tamatoa büßt durch ihre kleinteilig realistische Gestaltung etwas von ihrem Charme ein, sorgt aber mit ihrer blasierten Art für ein paar Lacher. Und Mauis Tattoos, die immer wieder zum Leben erwachen und das Geschehen kommentieren, sorgen für visuelle Dynamik.
Über die Notwendigkeit eines solchen Remakes lässt sich wie schon bei den Vorgängern lange streiten. Der Einsatz von Schauspielern aus Fleisch und Blut hat aber zumindest teilweise eigene Qualitäten. Hauptdarstellerin Catherine Laga’aia schafft es als trotzige Jugendliche, den Film auch in den ruhigeren und ernsteren Passagen zu tragen. Zwischen ihr und Dwayne Johnson, der in den beiden animierten „Vaiana“-Filmen bereits die Rolle des Maui sprach und hier mit einer üppigen Lockenperücke auftritt, entwickeln sich immer wieder komische Reibungen. Meist beruht der Humor auf der Zwangsgemeinschaft zweier Sturköpfe, die sich auf den Tod nicht ausstehen können. Zumindest bis sich herausstellt, dass der egoistische Angeber in Wahrheit auch einen weichen Kern hat.






