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Vaterland

82 minDrama, HistorieFSK 0
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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begeben sich Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika (Sandra Hüller), auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern – von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar. Zum Goethe-Jubiläum wünscht man sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Worte des Trostes, der Zustimmung und der Vergebung vom größten aller Erzähler. Zwischen euphorischen Wagner-Erben und literarisch versierten Generälen wird Deutschlands wichtigster Schriftsteller hofiert und manchmal auch beschimpft, während das Drama seiner eigenen Familie leise eskaliert. Es ist das erste Mal seit dem Krieg, dass Thomas Mann in sein Heimatland zurückkehrt, aus dem er einst ins Exil geflohen war. Eine Reise in die verwundete deutsche Seele, die heilen soll – sie wird für Erika und den Zauberer, wie seine Kinder Thomas Mann oft nannten, zu einer Reise ins Innerste.
Nach dem Oscar-prämierten IDA und dem vielfach ausgezeichneten Drama COLD WAR – DER BREITENGRAD DER LIEBE (Beste Regie in Cannes, fünf Europäische Filmpreise, darunter für den Besten Film) erzählt Paweł Pawlikowski in überragenden Kinobildern eine große deutsche Familiengeschichte im Tumult der Nachkriegszeit. Mit zarter Unerbittlichkeit überblendet VATERLAND den Nullpunkt der deutschen Geschichte mit dem Finale einer Familiensaga. Eine intensive filmische Erfahrung, getragen von einem überragenden Ensemble.
  • Veröffentlichung03.09.2026
  • Paweł Pawlikowski
  • Deutschland (2026)
  • Untertitel, Audiodeskription, Tonverstärkung
  • 7.1/10 (619) Stimmen

Er spürt, und das merkt man ihm auch an, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Klaus Mann (August Diehl) spricht allzu rasch in die Muschel, wie gehetzt, manche Wörter nachlässig verschleifend. Dabei kauert er nackt am Boden – neben dem, was sein Vater wohl ein Lotterbett genannt hätte. Er telefoniert aus Cannes mit seiner Schwester Erika (Sandra Hüller), dem wichtigsten Menschen in seinem Leben und zugleich seiner Vertrauten, die soeben aus Los Angeles in Frankfurt eingetroffen ist. Es geht um letzte Dinge. Hier spricht ein Flüchtling, der nirgendwo mehr eine Heimat hat oder gar ein „Vaterland“, todessehnsüchtig und gerade heimgesucht von einer großen Niederlage. Denn sein bester Roman, „Mephisto“, über die Karriere des Schauspielers Gustaf Gründgens auch während des Nationalsozialismus, soll in Westdeutschland nicht erscheinen (dürfen), aus Gründen neuer politischer Opportunität.

So macht er seiner Schwester den verzweifelt-makabren Vorschlag: Sollten wir Manns nicht alle kollektiven Selbstmord begehen, und wir beide machen den Anfang? Was wären die Alternativen für sie als lange Vertriebene beziehungsweise nun potenzielle Remigranten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges? Klaus Mann bringt es beiläufig-beißend auf den Punkt: „Stalin oder Micky Mouse!“

Eine tastende neue Landnahme

Es wird viel telefoniert in diesem quasi-altmeisterlichen Schwarz-weiß-Film im Format 4:3 von Paweł Pawlikowski. Auch ein behäbiges Buick-Automobil spielt eine nicht unwichtige Rolle. Es ist eine zögerlich-tastende neue Landnahme unter Zuhilfenahme mancher moderner technischer Mittel, die Thomas Mann (Hanns Zischler), der hier statt von seiner Ehefrau Katia von seiner „Wotanstochter“ Erika begleitet und assistiert wird, im Sommer 1949 mit einigem Unbehagen unternimmt.

Diese leichte historische Verschiebung erweist sich als sinnvoller und tragfähiger Drehbucheinfall: Erika Mann war und ist auch in „Vaterland“ eine Frau vieler Eigenschaften und Talente. Einerseits gerade so sehr Manns Tochter, dass sie das enorme emotionale Wetterleuchten, durch welches sie jene Deutschlandreise hindurchjagt, scheinbar stoisch und in zusammengenommener Haltung erduldet (bis auf einige wenige, jedoch geradezu eruptive Ausnahmeszenen). Andererseits von ihrer Mutter her so weltklug, pragmatisch und resilient, dass jenes Unterfangen logistisch überhaupt erst glücken konnte. „Vaterland“ präsentiert in seiner Exposition wahrhaftige und psychologisch stimmige Porträts zweier besonderer Kinder eines Vaters, der das eher stille Kraftzentrum einer kurzen, gleichsam novellistischen historischen Handlung bildet.

Zwei Goethepreise als Anreiz

Thomas Mann ist zu jener Zeit 74 Jahre alt und gilt als einer der größten, wenn nicht der größte lebende Schriftsteller weltweit. Aus regional-deutschen und eher ästhetizistischen Anfängen wuchs er zu einer internationalen Autorität des humanistischen Geistes empor. 1929 erhielt er den Literaturnobelpreis. Spät akzeptierte er auch für sich so etwas wie ein gesellschaftliches Gewissen, gar eine politische Verantwortung des Schriftstellers. Und von früh an rückte er sein Werk in eine gedankliche Nähe und thematische Parallelität zu dem von Goethe. Seit 1933 hatte er Nazi-Deutschland nicht mehr betreten; 1938 emigrierten er und ein Großteil seiner Familie in die USA.

Nun jährt sich 1949 Goethes Geburtstag zum 200. Male. Das nehmen die Repräsentanten der beiden neuen deutschen Staaten zum Anlass, Thomas Mann jeweils ihren Goethepreis zu verleihen. Sie verbinden dies ganz offenkundig mit der Absicht, dass der große alte Mann der deutschen Sprache und Kultur durch die einmalige historische Situation genötigt werde, versöhnliche Worte zu finden, Vergangenes zu verzeihen und Zukünftiges durch seinen Zuspruch zu legitimieren. Ein Danaergeschenk und eine klassische Dilemmasituation für die Manns, die von diesen auch klar als solche erkannt wird. Sie fahren dennoch. Es wird nicht weniger als eine Reise ins Herz der Finsternis.

Deutschland zur Stunde null

Während der langen Autopassage vom Flughafen in die Frankfurter Innenstadt malt sich angesichts der auch 1949 noch radikalen Verheerungen der Stadt Beklemmung und Bestürzung in Manns Zügen. Hanns Zischler mimt das bei aller darstellerischen Ökonomie sehr glaubwürdig und anrührend. Und obwohl sich draußen noch Deutschland zur Stunde null erleben lässt, herrscht „drinnen“ bereits wieder emsiges Treiben. Man applaudiert angeregt Manns warmen Worten zu Goethe, überhört geflissentlich, was wehtun könnte, und kommt alsbald als echte Konjunkturritter bei Tanzmusik und Häppchen vom Büfett zum Eigentlichen: zum Geschäft. „Wie wäre es, Herr Mann, wenn Sie nun Präsident der Bayreuther Festspiele würden; niemand versteht doch so viel von Wagner wie Sie …?“, bedrängen ihn Wieland und Wolfgang Wagner (Enno und Theo Trebs), die extra dazu angereist sind. Hier wird der alte Mann das erste und einzige Mal kalt und schneidend; es ist der Zumutung zu viel – und das Gespräch rasch beendet.

Thomas Mann reiste stets mit Komfort; hier ziert ein solides Grammophon sein Hotelzimmer, von dem er, der einmal sagte, wo er sei, sei Deutschland, nun deutsche Musik genießt. Auch Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff) ist unter den Gästen, glänzend gelaunt und bereits wieder obenauf als Generalintendant in Düsseldorf. Wie man fundamentales zwischenmenschliches Missverstehen aus Künstleregoismus unheimlich schnell und präzise zur emotionalen Eskalation bringen kann, führen Hüller und Meyerhoff hier meisterlich vor – bis hin zu einer schallenden Ohrfeige. Man gewinnt den Eindruck, dass Gustaf Gründgens die lebenslange Personifizierung von Goethes tiefsinnigem Wort sei: „Alle Fehler des Menschen verzeih ich dem Schauspieler, keine Fehler des Schauspielers verzeih ich dem Menschen.“

Verpanzert in einem Schloss aus Wörtern

Während Thomas Mann sich bereits zurückgezogen hat, und die Geräuschkulisse erneut vom Grölen des Ungeistes vor den Fenstern des Frankfurter Römers bestimmt wird, erreicht Erika die Nachricht vom Tod ihres Bruders. Der existenzielle Schrei, der sich ihr daraufhin entringt, dokumentiert nachdrücklich, dass das Zentrum ihrer inneren Welt nun endgültig leer und verwaist ist. Bei Thomas Mann hat es hingegen den Anschein, als verpanzere sich der Schriftsteller mehr denn je in einem „Schloss aus Wörtern“, so ein Vorwurf seiner Tochter, und pflege seine Unfähigkeit zu trauern – wohl um vollenden zu können, wozu er sich gleichermaßen berufen wie genötigt fühlt. Hanns Zischler gemahnt an seine Figur vor allem durch die Anverwandlung von Manns stets etwas pompös-prätentiösem Auftreten bei gleichzeitig oft wie gehemmtem Bewegungsspiel. Auch die Kadenzen der fein gedrechselten Sätze, die in den ausgedehnten Redebeiträgen zu Gehör gebracht werden, erklingen in authentischem Thomas-Mann-Sound. „Vater“ wurde er von seinen Kindern kaum genannt; er war zumeist der „Zauberer“ oder einfach Z.

Dennoch herrscht zwischen Erika und ihm großes Einvernehmen in allen wesentlichen Dingen. Ob sie ihn allerdings tatsächlich jemals rasiert hat, wie der Film vorführt, bleibt biografisch zweifelhaft, macht jedoch sehr sinnfällig, wie weitgehend und vertrauensvoll der Alternde sich ihr ‚in die Hände gibt‘. Zum Dank zaubert er für sie eine Zigarre hervor – eine der ganz seltenen Szenen von Comic Relief in der allumfassenden schwarz-weißen Beklemmung.

Auch im Osten umworben

Trotz der Nachricht vom Selbstmord Klaus Manns geht es dann Richtung Osten, in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands. Was machen die Menschen dort anders, und, vor allem, was machen sie besser als die in Frankfurt, unter denen sich Thomas Mann sichtlich unwohl fühlte und wo er sich nur mit diskretem Begleitschutz durch die CIA sicher bewegen konnte? An der Zonengrenze werden die beiden Manns von Johannes R. Becher (Devid Striesow), einem aufstrebenden, klugen und feinsinnigen Kulturfunktionär, in Empfang genommen. Man kennt sich, von „vorher“. Noch während der Autofahrt nach Weimar versucht Becher, Thomas Mann für das Ideal eines humanen, aufgeklärten Sozialismus zu gewinnen; Mann schenkt ihm Gehör, nicht ohne Sympathie, bleibt jedoch skeptisch. Und obwohl ihm auch der Osten sogleich eine Präsidentschaft anträgt – die der Akademie der Künste –, und man sich alle ersichtliche Mühe gibt, den weltbekannten Künstler wie einen großen Staatsmann zu empfangen, inklusive eines rührenden Kinderchors mit Bechers DDR-Hymne in spe – muss Thomas Mann sich letztlich eingestehen, dass er auch hier sein Vaterland nicht mehr hat.

Deutlich macht dies eine grotesk-skurrile Szene, die, lange gehalten und in streng symmetrischer Totale gefilmt, das deutsch-sowjetische Festbankett im Freien vor Goethes Gartenhaus vorführt, orchestriert vom unheimlich belesenen Oberst Tjulpanow (Daniel Wagner). Hier reichen sich stalinistische und altpreußische Traditionen aufs Unheilvollste die Hand; das kleine Häuschen im Hintergrund, der eigentliche Fluchtpunkt, scheint darüber beinahe in sich zusammensinken zu wollen. Zugleich bildet sich hier durch die paramilitärische Ordnung selbst der kulturellen Dinge ein sinnfälliger Kontrast zum polyphonen Getriebe des „freien Westens“.

Das Land besitzt noch Kraftquellen

Die Manns haben genug; sie rüsten sich zur Abreise. Doch das so ganz am Boden liegende Land gebietet noch über starke, erdgebundene Kraftquellen, und die erschließen sich Thomas Mann gegen Ende des Films jäh und unerwartet und daher umso überwältigender. Von allen Künsten hatte die Musik von jeher auf Mann den stärksten Eindruck gemacht. Nun darf er, eher zufällig, einen epiphanischen Moment erleben; und endlich darf sich auch die tiefe innere Erschütterung von Vater und Tochter zeigen, in einer Träne auf des Alten Angesicht. Die emotionale Urkraft der Musik vermag den Krampf zu lösen; sie transzendiert alle irdischen Schlacken und lässt diese zerstörte mitteldeutsche Kulturlandschaft für Mann ästhetisch mit jener ideellen geistigen Heimat zusammenfließen, die trotz aller erlittenen Schmach und beinahe gegen seinen Willen für ihn doch Ewigkeitswert verbürgt. In seinem deutschesten Buch, „Doktor Faustus“, steht die fiktive Stadt Kaisersaschern für eine solche geistige Heimat und ein unverlierbares Vaterland.

Den beiden Drehbuchautoren Hendrik Handloegten und Pawel Pawlikowski gelingt die novellistische Verdichtung des Stoffes auf den historischen Augenblick. Die leicht veränderten biografischen Fakten sind hinnehmbar angesichts der aufmerksamen, ja geradezu liebevollen fiktionalen „Betreuung“ der Figuren, die beinahe so etwas wie höhere poetische Wahrhaftigkeit erschafft. Auch sind die formalen Eigenarten des Films durch die Wahl des Sujets, von Zeit und Raum mehr als gerechtfertigt; sie erscheinen nie als Manierismus, sondern erschließen vielmehr sinnlich das Spezifische der Epoche. Szenografie und Kamera kreieren beklemmende Innenräume – in den historischen Gebäuden, aber auch in den engen Automobilen –, die einen unwillkürlich den Kopf einziehen und jeden Moment unter freiem Himmel herbeisehnen lassen. Die Abmischung der Tonspur ist in ihrer Diskretion besonders lobenswert. Doch vor allem das überragende Schauspielerensemble, dem man unbedingte Hingabe für das Projekt bis in die Nebenrollen hinein anmerkt, macht dieses handwerkliche Meisterwerk zu einem modernen Klassiker. Eine seltene Kostbarkeit!

Veröffentlicht auf filmdienst.deVaterlandVon: Karsten Essen (4.9.2026)
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