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Filmkritik
Am Ende geht alles gut aus. Wenn auch nur im Film. Der Schotte John Davidson, der seit seiner Kindheit mit dem Tourette-Syndrom leben muss, wurde im Sommer 2019 für sein Engagement als „Tourette-Botschafter“ in den britischen Ritterorden MBE aufgenommen. Königin Elisabeth II. überreichte ihm bei einer feierlichen Zeremonie persönlich den Orden. Gewürdigt wurde Davidson für seine jahrelange Aufklärungsarbeit an Schulen und öffentlichen Einrichtungen sowie für die Organisation von Camps und Workshops für betroffene Kinder und Jugendliche. Davidson traute sich zunächst kaum, den Saal zu betreten, aus Angst, dass sein Tourette ihn etwas Falsches sagen lässt. „Fuck the Queen!“, brüllte er dann, als er die Halle betrat. Den Orden erhielt er trotzdem.
Ein Tic, den er nicht mehr loswird
Mit diesem Happy End beginnt das von der Lebensgeschichte des echten John Davidson inspirierte Biopic „Verflucht Normal“ von Kirk Jones, ehe es den langen und harten Weg nachzeichnet, der dorthin führte. Anfang der 1980er-Jahre, als John (Scott Ellis Watson) zwölf Jahre alt ist, scheint das Außergewöhnlichste an dem Jungen sein Torwarttalent zu sein. Sein Vater steht am Spielfeldrand, als er für seinen Heimatverein in der schottischen Kleinstadt Galashiels mal wieder einen Elfmeter pariert. Ein Talentscout eines Proficlubs hat sich für das nächste Spiel angekündigt. Da fängt John mitten im Schulunterricht auf einmal an, unkontrolliert mit dem Kopf zu zucken; ein Tic, den er nicht mehr loswird. Schnell und unaufhaltsam kommen weitere dazu: Er beginnt zu spucken, mit der Hand auszuschlagen, zu fluchen. Der Scout reist genervt wieder ab, als er den vermeintlich behinderten Jungen hilflos im Tor zappeln sieht.
Johns Vater ist enttäuscht von seinem Sohn, der Schuldirektor will die „Frechheiten“ aus ihm herausprügeln, aber es wird alles nur noch schlimmer. Als wäre er von Edgar Allan Poes „Teufel der Verkehrtheit“ besessen, schreit John immer das geradeheraus, was in dem Moment am unpassendsten, am peinlichsten oder am verletzendsten ist.
An jeder Ecke peinliche Ausfälle
Johns Vater verlässt die Familie. Die Mutter zwingt den Sohn wegen seiner Spuckattacken, am Boden vor dem offenen Kamin zu essen. Sie liebt ihn, ist aber überfordert. Nach einem ersten Zeitsprung, John ist mittlerweile Mitte zwanzig, hat sich nichts verbessert. Davidson lebt immer noch bei seiner Mutter. Trotz der starken, mit heftigen Nebenwirkungen verbundenen Medikamente, die er einnimmt, schlägt und spuckt er weiterhin um sich und grölt obszöne, sexistische, homophobe und rassistische Beleidigungen.
Dass er sich hinterher sofort dafür entschuldigt, dass er nie jemandem wirklich etwas Böses möchte, dass er selbst am meisten darunter leidet, glauben ihm die wenigsten. Kaum jemand in Galashiels hat von Tourette gehört. Jeder Einkauf mit seiner Mutter wird zum Horrortrip. Wie grausige Jump-Scares lauern an jeder Ecke die peinlich-deplatzierten Ausfälle. Die meisten Menschen fühlen sich persönlich angegriffen, reagieren empört, angewidert oder auch aggressiv. Als John Polizisten beleidigt, wird er verhaftet. Nachdem er eine junge Frau als „Schlampe“ beschimpft hat, schlagen ihn ihre Freunde mit einem Brecheisen krankenhausreif.
Erst als er seinen Schulfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith) wiedertrifft, der aus Australien zurückgekehrt ist, weil die Ärzte seiner krebskranken Mutter Dottie (Maxine Peake) nur noch wenige Monate geben, ändert sich etwas. John begleitet Murray nach Hause, und Dottie bittet ihn zum Essen herein. John begrüßt sie mit den Worten „Du stirbst an Krebs“, aber seltsamerweise nimmt Dottie ihm das nicht übel. Die erfahrene Krankenschwester schließt den verzweifelten jungen Mann hinter den Tics in ihr Herz und nimmt sich vor, die Zeit, die ihr noch bleibt, zu nutzen, um ihm zu helfen. Ab jetzt geht es aufwärts. Nicht ohne Rückschläge, auch nicht ohne gruselig-peinliche Abgründe oder manche Abwege, aber auch nicht mehr ohne befreienden Humor und Selbstironie und überraschend verständnisvolle, offenherzige, wohlmeinende Mitmenschen.
Du bist okay, so wie du bist
Du bist okay, so wie du bist! Du musst dich nicht dafür entschuldigen. Selten hat ein Film diese kitschig-schöne Botschaft so überzeugend, glaubwürdig und unpathetisch transportiert wie „Verflucht Normal“. Fast schon altmodisch inszeniert Kirk Jones seinen ersten Spielfilm nach „My Big Fat Greek Wedding 2“ (2016) und einer beinah zehnjährigen Pause. Ganz traditionell, mit epischem Atem, nostalgisch verwaschenen Rückblenden, einer ruhigen, diskreten Kameraführung, einer emotionalen, aber unaufdringlichen Filmmusik und einem überwältigenden Ensemble, aus dem Robert Aramayo als erwachsener John und Shirley Henderson in der Rolle seiner schwermütigen Mutter herausragen. So entwickelt sich dieser nervenaufreibende, tragikomisch verstörende Film zu einem der schönsten, lustigsten und ermutigendsten Wohlfühlfilme seit „Harold und Maude“.
Und obwohl der Film ja auf einer wahren Geschichte beruht, ist er am Ende schöner als die Wirklichkeit. Denn dort folgte auf das Happy End eine weitere Preisverleihung, zu der John Davidson eingeladen wurde, dabei aber auf Unverständnis stieß. Bei den „BAFTA Awards“ 2026 war „Verflucht Normal“ für fünf Filmpreise nominiert und wurde mehrfach ausgezeichnet. Davidson saß in einer der hinteren Reihen und löste einen veritablen Skandal aus, als er beim Bühnenauftritt der schwarzen Schauspieler Delroy Lindo und Michael B. Jordan mehrfach das N-Wort brüllte. Davidson verließ die Veranstaltung, bei der ein Film über sein Leben mehrfach prämiert wurde, früher als geplant, um nicht weiter zu stören.










