Vorstellungen
Filmkritik
Es gibt Horrorszenarien im Leben, die zu schlimm sind, um wahr zu sein. Dazu gehört der Verlust der eigenen Kinder. Die Clownin Barbara Pachl-Eberhart hat so eine Tragödie erlebt, und es traf sie besonders hart. An einem einzigen Tag verlor sie ihren Mann und ihre beiden Kinder bei einen Verkehrsunfall. Regisseur Adrian Goiginger hat das autobiografische Buch von Pachl-Eberhart verfilmt und begibt sich in ein sehr spezifisches Milieu – das der Clowns. Barbara (Valerie Pachner) und ihr Mann Heli (Robert Stadlober) arbeiten in diesem wenig bürgerlichen Beruf. Er tritt als klassischer August auf, während sie in Krankenhäusern junge Patienten bespaßt. Das Paar hat zwei Kinder: den Jungen Timo und das Mädchen Fini. Die Familie lebt auf dem Lande in einem renovierten Bauernhaus und kommt gerade so über die Runden. Denn Heli ist ein Träumer, glaubt an die wahre Kunst und bringt nicht viel Geld nach Hause. Barbaras Auftritte sind besser und regelmäßiger bezahlt.
Aus heiterem Himmel ereilt Barbara schließlich der fatale Anruf einer Freundin, die den verunglückten Minibus von Heli entdeckt hat. Als Barbara an der Unfallstelle eintrifft, sagt man ihr, dass Heli tot sei. Die Kinder wurden schwerverletzt in ein Krankenhaus geflogen. Dort sterben auch sie. Barbara ist benommen vor Schmerz, muss sich aber um die Formalitäten der Beerdigung kümmern. Sie will das vergangene Leben ihrer Familie durch Lebensfreude ehren und verwandelt das Begräbnis in eine Feier, bei der Clowns und Weggefährten fröhlich an die Verstorbenen erinnern.
Die Trauer mit voller Wucht
Barbara will so bald wie möglich wieder ihre Arbeit aufnehmen. Doch ihr Schicksal ist ortsbekannt. Im Krankenhaus gilt sie nun als trauernde Mutter und darf – angeblich zum Schutz der jungen Patienten – nicht mehr auftreten. War sie einige Wochen nach dem Verlust noch handlungsfähig und gefasst, erwischt sie die Trauer später mit voller Wucht. Wie soll sie weiterleben in dem verwaisten Haus, in dem sie alles an ihre toten Kinder erinnert?
Aus dem Buch „Vier minus drei“ hat Drehbuchautor Senad Halilbašić eine Vorlage geschaffen, die Adrian Goiginger in eine sehr filmische Erzählweise übersetzt. Im Mittelpunkt steht die um Orientierung ringende Frau, die tapfer nach vorne schaut und zwischendurch doch ihren Lebenswillen verliert. Damit die Heldin nicht nur als passiv Trauernde gefilmt wird und das Publikum ihren Verlust fassen kann, optiert der Film für eine Struktur mit zahlreichen Rückblenden. Neben innigen Momenten mit Mann und Kindern erlebt man aber auch Ehestreit, der vornehmlich durch die schwierige finanzielle Lage der Familie bedingt ist. Nichts wird durch die rosarote Nostalgie-Brille gesehen, sondern ein ganz normales Familienleben mit Höhen und Tiefen bebildert. Die Übergänge zwischen Jetztzeit und Vergangenheit sind fließend. Manchmal erkennt man die Rückblenden erst spät. Doch das fördert die Dynamik des Films, der das Elend seiner Heldin nicht ausnutzt und sie als aktive Frau im Heute und Gestern schildert.
So vermittelt der Film auch die quälende Einsamkeit seiner Heldin in der Jetzt-Ebene. Freundinnen und Freunde kümmern sich zwar, doch ihre Unbeholfenheit ist stets spürbar. Sie wollen Barbara Gutes tun, treten dabei aber immer wieder ungewollt in Fettnäpfchen, etwa wenn eine Freundin sie mit dem geschiedenen Schauspieler Friedrich (sehr überzeugend: Hanno Koffler) verkuppeln will. Der entpuppt sich nach anfänglichem Imponiergehabe als sensibler als gedacht und wird Barbara zu einer wichtigen Stütze.
Einmal verliert sie vollkommen die Fassung
Zwar ist es eine Binsenweisheit, dass ein Verlust wie Barbaras für Außenstehende nur bedingt nachvollziehbar ist. Doch der Film macht dies an konkreten Situationen fest. Einmal verliert Barbara vollkommen die Fassung, als sie mit Friedrich einige Spielsachen der Kinder aussortiert. Als er dann einen Anruf am Handy entgegennimmt, fühlt sie sich verraten und schreit ihn fassungslos an. In diesem Moment, in dem sie sehr verletzlich war und viele Emotionen hochkamen, fühlt sie sich von Friedrich verraten. Die Schauspieler vermitteln sehr glaubhaft die unterschiedlichen Positionen ihrer Figuren. Ihm merkt man das Mitgefühl und die Ratlosigkeit an, während die oft so beherrschte und nach vorne schauende Barbara von ihren Gefühlen übermannt wird.
Überhaupt wäre der Film kaum denkbar ohne die herausragende Leistung Valerie Pachners. Nuancierter kann man diese aus dem Gleichgewicht geworfene Frau kaum spielen. In zahlreichen Nahaufnahmen sieht man ihr Gesicht, auf dem stets ein latentes Lächeln liegt. Tapfer schaut sie in die Zukunft, will das Leben nicht aufgeben und muss ihre Trauer doch ständig mit Alltag, Unverständnis und etlichen Rückschlägen privater und beruflicher Natur teilen. Wie Barbara trotz alledem eine große Portion Pragmatismus mitbringt, dann wieder apathisch auf dem Sofa liegt, zeigt Pachner ohne Pathos und falsche Mimik – und beweist damit große Schauspielkunst.
Auf den einen oder anderen klischeehaften Trick wie den jähen Übergang von Freude zu Leid greift die Regie dennoch zurück, etwa wenn eine optimistische Barbara im Krankenhausgarten spazieren geht, nur um postwendend die Nachricht vom Tod ihrer Tochter zu erhalten. Auch beim Warten im Hospital schürt der Film eine Spannung, bei der es um das Leben von Kindern geht. Andererseits gibt der Film damit auch die Gefühlslage seiner Protagonistin wieder. Diese hat sich im Krankenhaus bei einem Sturz eine Kopfverletzung zugezogen. Davon behält sie eine Narbe an der Stirn zurück, die im Laufe des Films heilt, die sie aber immer an die Zeit des Bangens erinnern wird.
Eine souveränere Sicht auf das Leben
Vor allem aber bewegt sich das Drama in der im Kino selten gezeigten Welt der Clowns. Diese haben eine souveränere Sicht auf das Leben, wollen es immer wieder neu entdecken, oder, wie der von einer Sioux-Clownsfigur beeinflusste Heli sagt: Es gibt immer einen anderen Weg. Vielleicht hilft diese Lebenseinstellung Barbara auch, weiterzuleben. Denn – und auch das zeigt der Film – Trauer ist ein Prozess. Jede/r hat eine andere Art, mit ihr umzugehen. Anhand des tapferen Nachvorneschauens der Heldin, in deren Herzen ihre verlorene Familie immer weiterleben wird, liefert der Film auch ein Plädoyer für einen Neuanfang nach einem unfassbaren persönlichen Verlust.






