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Filmkritik
Virginia Woolf zählte ihren 1919 erschienenen zweiten Roman „Night and Day“, ein komplex satirisches, wenn auch konventionell geschriebenes Werk, in das sie Reflexionen über das Frauenwahlrecht mit einem Reigen missglückter Liebesbeziehungen verknüpfte, nicht zu ihren gelungensten. Es hat auch vielleicht deswegen gedauert, bis sich jemand an eine Adaption wagte. Das Drehbuch stammt von Justine Waddell, die zuvor an zahlreichen Literaturverfilmungen im Serien-Format mitgewirkt hatte. Auch wenn die im Iran geborene Regisseurin Tina Gharavi durch den Titel „Virginia Woolf’s Night & Day“ ihre Treue zur Vorlage betont, hat sie sich für eine Abgrenzung zum britischen Genre des historischen Kostümdramas à la Merchant-Ivory entschieden: Sie greift Woolfs flüchtige Anspielung auf die Astronomie auf und macht sie zum Kern der Sehnsucht der Protagonistin.
Die Sinnkrise einer jungen Frau aus gutem Hause
Statt der komplizierten Beziehungsgeflechte des Originals setzt sie außerdem neben einer hochkarätigen Besetzung auf eine Feier weiblicher Selbstbestimmung und verführerisch fotografierte traumartige Sequenzen, flankiert von überaus ambitionierten Schnittfolgen. Im Mittelpunkt des zwischen Komödie und Drama balancierenden Stoffs steht die Sinnkrise einer eigensinnigen jungen Frau aus gutem Hause im London der Edwardianischen Ära. Eigentlich hätte Katherine Hilbery längst heiraten müssen, weswegen sie sich mit ihrem Vater – zugespitzt von Timothy Spall bis zur patriarchalen Karikatur – regelmäßig Streitgefechte liefert.
Der Amerikanerin Haley Bennett steht als dem einzigen Kind wohlhabender Eltern die Zerrissenheit ihrer Figur nicht nur in ihrem chronisch zu Tränen neigendem Gesicht geschrieben, sondern auch in jeder ihrer impulsiven Bewegungen. Sie legt Katherine als eine romantische Kämpferin an, die lieber zugrunde geht, als den frauenfeindlichen Zwängen der Gesellschaft nachzugeben.
Ohnehin leiden ihre Eltern unter dem Ruf ihres verstorbenen Großvaters, eines Dichters und Kritikers, dessen Biografie ihre Mutter seit Jahren zu verfassen versucht. Katherine ist Autodidaktin und strebt ein Mathematikstudium in Cambridge an. Beinahe ein Skandal, denn zu jener Zeit wurde Studentinnen der Studienabschluss verweigert, selbst wenn sie zum Studium zugelassen worden waren. Unterstützt von ihrem pazifistischen Cousin Cyril, dessen Homosexualität sie vor lauter Fixierung auf ihre eigene Diskriminierung erst spät erkennt, verkleidet sie sich als Mann, um sich Zutritt zu einer rein männlichen astronomischen Gesellschaft zu verschaffen. Eine ernüchternde Erfahrung misogynen Spotts, nach der sie die Entscheidung trifft, ihren Jugendfreund William Rodney zu heiraten, um ihre Ambitionen im Schutz der Ehe ausleben zu können.
Migrantische Aufsteiger und woke Feministinnen
Die Verlobung ist jedoch von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn Rodney ist ein liebenswerter Trottel, der schwülstige Essays über elisabethanische Lyrik verfasst und Katherine geistig und menschlich weit unterlegen ist. Nicht so der von Elyas M’Barek bemüht facettenreich verkörperte migrantische Aufsteiger Ralph Denham, der ihrer Mutter als persönlichen Sekretär beim Redigieren ihres Buchs hilft. Bevor sich Katherine der universitären Auswahljury stellt, widmet sie sich astronomischen Experimenten in einem Fabrikgebäude, in dem linke Feministinnen ihre Flugblätter drucken.
Angeführt wird diese „woke“ Gruppe von Mary Datchet, einer Verfechterin des Frauenwahlrechts, die von der Sängerin Lily Allen mit leuchtend rot gefärbten Haaren und glitzerndem Lidschatten verkörpert wird. Ihre selbstbewusste Art zu sprechen und ihr extravagantes Auftreten wirken, als wären sie direkt aus dem 21. Jahrhundert angereist, zumal ihr im Roman, im Gegensatz zu den männlichen Figuren, erheblich weniger Raum zugestanden wurde.
Nicht für Woolf-Puristen
Der Verweis auf heutige Kulturkämpfe wird passenderweise vom Synthie-Soundtrack von Simon Goff begleitet, was zwar etwas allzu deutlich an Sally Potters Stilmittel in „Orlando“ von 1992 anschließt, aber auch nicht weiter stört. Für Woolf-Puristen ist diese ihre Modernität zur Schau stellende, im Gegensatz zur Vorlage politisch explizit Position beziehende und die Figurentiefe, bis auf Katherine und Cyril, verflachende Verfilmung eine Zumutung – für Liebhaber und Liebhaberinnen des britischen „Heritage Cinema“ aber ein so mitreißender wie intelligenter Augenschmaus.






