Vorstellungen
Filmkritik
Der Fischkutter SAS 316 Heringshai ist 26,5 Meter lang, 6,7 Meter breit, hat einen Laderaum für 45 Tonnen Fisch und wird von einer Besatzung mit acht Personen bedient. Gebaut auf der Elbewerft Bolzenburg als Teil der insgesamt 50 Schiffe umfassenden 26-Meter-Kutter-Serie, fuhr er von 1959 bis zur Wende im Dienst des VEB Fischkombinats Saßnitz zum Fischfang durch Nord- und Ostsee und bis vor die westafrikanische Küste. Jahrzehntelang bot das Schiff DDR-Hochseefischern eine zweite Heimat, verlangte ihnen harte Arbeit ab und ließ sie für guten Lohn etwas von der Welt sehen, wie der Dokumentarfilm „Vom Traum, unsinkbar zu sein“ von Tom Fröhlich verrät.
Kutter, Museumsschiff, Seenotretter
Nach der Wiedervereinigung wurde der Kutter von der Treuhand verscherbelt. Ole Schmidt, ein junger Bootsbauer und Ingenieur, kaufte das Schiff aus Liebhaberei und einem unüberlegten Impuls heraus. Mit einigen Freunden gründete er eine Eignergemeinschaft, die an Bord auf einem Sofa oder im Matratzenlager in der Messe schlief und das Schiff restaurierte. Ein abenteuerliches Unterfangen. Sie tauften den Kutter in „Seefuchs“ um und betrieben ihn 24 Jahre lang als Museums-, Reise- und Forschungsschiff. Dann tat sich unerwartet die Chance auf, ihn in andere Hände zu geben. 2017 verkauften die Freunde das Schiff an die NGO Sea-Eye, die es für die Seenotrettung im Mittelmeer tauglich machte und in „LIFE“ umbenannte.
Von 2018 an war die LIFE zwischen Malta und Libyen im Einsatz. Sie bewahrte Menschen auf überfüllten Schlauchbooten vor dem Ertrinken. Die Besatzung versuchte, italienische Häfen anzulaufen, musste katastrophale hygienische Zustände an Bord meistern, Kranke und Traumatisierte versorgen und nach etlichen Rettungsaktionen irgendwann abdrehen und Menschen in Seenot hilflos zurücklassen. Das Schiff wurde vorübergehend beschlagnahmt, saß monatelang vor Malta fest. 2019 wurde es an die spanische NGO Proem Aid verschenkt, die es als Trainingsschiff für die Seenotrettung verwendete, ehe es abermals weiterverkauft wurde und vorübergehend von der Bildfläche verschwand.
Zwei Jahre später stürmte eine Spezialeinheit der spanischen Guardia Civil das ursprünglich rote, jetzt blau umlackierte Schiff in einem spektakulären Anti-Drogen-Einsatz. Im Hafen von Huelva stattet Schmidt der von der Polizei beschlagnahmten ehemaligen Seefuchs noch einmal einen – vielleicht letzten – Besuch ab.
Es ließen sich unzählige Filme darüber drehen
So viele Geschichten: DDR-Hochseefischer, die Wende- und Treuhandjahre, das abrupte Abwickeln ganzer Lebensentwürfe und Identitäten, das unverhoffte Seefahrerkollektiv in den Nachwendejahren, die dramatischen und traumatischen Seenotrettungen, der Drogenschmuggel; es ließen sich unzählige Filme darüber drehen. Der Dokumentarfilmer Tom Fröhlich packt all das in einen einzigen 87-Minüter und erzählt gleich noch die Geschichten dreier weiterer Schiffe aus der DDR-Hochseeschifffahrt dazu: von der Stubnitz, der Blauwal und der Nida. Dazu kommen ein Kapitän, der nach der Wiedervereinigung sein eigenes Schiff kaufte, ein ukrainischer Matrose, der auf See der Front entkam, ein Maschinist, der glaubte, dass auch eine Maschine lebt, und ein Seemann, der über Bord ging. Das alles ist zu viel, und am Ende von allem auch zu wenig.
Als Künstler, Filmemacher oder einfach auch nur als Geschichtenerzähler überhebt sich Fröhlich an der Fülle des hochspannenden und einzigartigen Materials. Es gelingt ihm nicht, die faszinierenden, berührenden, mitreißenden und erschütternden Geschichten so zu collagieren, dass sich daraus ein poetisches Gesamtbild ergibt oder die einzelnen Elemente zumindest ihre Strahlkraft bewahren. Sie stehen sich gegenseitig im Weg und lassen einander kaum Raum, sich zu entfalten.
Das Augenzwinkern muss man dazu denken
Der Film beginnt und endet mit dem Betriebschor des VEB Fischfang Rostock, „Luv und Lee“, der in einer leeren Halle des ehemaligen Kombinatsgeländes sein eigenes „Hochseefischerlied“ singt. Eine nette narrative Klammer. Dazwischen werden die vier Schiffe und ihre Geschichten wie in einem Schiffsquartett aneinandergereiht. Das Augenzwinkern muss man sich allerdings dazu denken. Die ästhetische Krux besteht vor allem darin, dass mit Ausnahme einiger weniger Archivaufnahmen fast alles, was interessant, aufregend und aufwühlend ist, unsichtbar bleibt. Der Grundmodus des Films ist das Voice-Over: Interviews oder von Schauspieler Charly Hübner vorgetragene Tagebuch- und Logbucheinträge.
Visuell wird über die sprechenden Köpfe hinweg illustriert: Mal wandert die Kamera durch die Schiffsräume, mal über ein in die Jahre gekommenes Poster halbnackter Frauen; immer wieder geht der Blick über einen stählernen Bug hinaus ins offene Meer. Doch statt imposant zu sein, wirkt das meist eher beliebig. Der von eindrücklichen Erinnerungen eigentlich überquellende Film schleppt sich dementsprechend zäh dahin.
Sehenswert bleibt die Dokumentation aber dennoch, und sei es auch nur als historisches Zeitzeugnis. „Heute“, resümiert Filmemacher Fröhlich im Presseheft, könnte er „denselben Film nicht noch einmal drehen: Viele der alten Seeleute, die mir ihre Geschichten erzählten, sind längst verstorben, die Hälfte der porträtierten Schiffe ist verschrottet.“










