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Was an Empfindsamkeit bleibt

91 minDokumentarfilm
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Vierzehn Jahre nachdem die Filmemacherin den versuchten Femizid eines Mitschülers überlebt hat, kehrt sie zu den prägenden Momenten und Menschen von damals zurück. Es sind Erinnerungen voller Wärme und Zuversicht, aber auch von Kälte und Brutalität. In einer fragmentarischen, selbstreflexiven Erzählform nähert sie sich dem Erlebten erneut an und begegnet den Personen, die in den drei Jahren um die Tat für sie eine wichtige Rolle spielten: einer Lehrerin, einer ehemaligen Mitschülerin, einem Arzt, einem Staatsanwalt, einer Kommissarin, ihrer Halbschwester und einer Freundin in Brasilien. In den Gesprächen sucht sie nach deren Erinnerungen an die damaligen Situationen – und nach Antworten auf die Fragen, die sie all die Jahre begleitet haben. Die Reise führt sie von München bis nach Rio de Janeiro.
  • Veröffentlichung14.05.2026
  • Daniela Magnani Hüller
  • Deutschland (2026)

Die nächtliche Bushaltestelle, die am Beginn des Films zu sehen ist, zeigt nicht den Tatort. Sie könnte es aber sein, so wie jede andere Bushaltestelle, so wie jeder andere Ort. Ebenso hätte der Femizidversuch, den die Filmemacherin Daniela Magnani Hüller vor 14 Jahren überlebte, eine andere Frau treffen können. So sagt es die unerträgliche Zahl der versuchten und vollendeten Morde an Mädchen und Frauen. Das soziale Umfeld trägt die Gewalt oft mit, im Wegschauen und Nichthandeln, in einer dahingesagten Bemerkung, in der die Täter-Opfer-Umkehr unbewusst internalisiert wurde. Als sie von dem bedrängenden Starren eines Mitschülers erzählt, antwortete die Mutter der Filmemacherin, dass sie sich nicht zu wundern brauche, wenn sie sich für die Schule so hübsch mache.

Ein Raum, der sich beständig verzweigt

„Was an Empfindsamkeit bleibt“ ist ein Rekonstruktionsversuch, der sich in zirkulären Bewegungen vollzieht. Ausgehend von dem eigenen Erleben und entlang von Institutionen und ihren Repräsentant:innen vermisst er einen Raum, der sich beständig verzweigt und erweitert. Körpererinnerungen, einzelne Sätze, die vor und nach der Tat fielen und sich im Gedächtnis festsetzten, Menschen, deren Sprechen und Handeln im (Weiter-)Leben wichtig waren, der Absurdismus bürokratischer Schleifen in Form eines Reenactments mit Puppe und Plastikkrokodil. Es sind Bewegungen, die sich der Rhetorik und Faktizität einer polizeilichen Protokollierung – konkrete Schauplätze, genaue Daten und Zeiten – widersetzen: mit der eigenen Stimme, dem eigenen Blick.

„Bevor die Momente leise verschwinden, will ich sie noch einmal betrachten und die Menschen wiederfinden, die darin vorkommen“, erklärt die Filmemacherin, die über weite Strecken des Films der Kamera abgewandt bleibt. Die Spuren der Tat sind nicht in ihrem Gesicht zu suchen, sondern überall. „Was an Empfindsamkeit bleibt“ widersetzt sich der Repräsentation; er setzt Räume als Platzhalter ins Bild und belässt auch den Täter als Chiffre. Einmal blättert die Filmemacherin in extremer Nahaufnahme durch ihre Akte: formatfüllende schwarze Linien, Unschärfen, Verzerrungen. Bildliche Abstraktion anstelle abstrakter Verwaltungssprache.

Es geht um Wissen und Verstehen

Der versuchte Femizid, verübt von einem Mitschüler, war angekündigt; eine Anzeige blieb folgenlos. In distanziert gefilmten Gesprächen mit einer Lehrerin, einer Schulfreundin, einer Kriminalbeamtin, dem Arzt und dem Staatsanwalt rekonstruiert die Filmemacherin die Vorgänge. Ihre Fragen sind klar und fordernd; es geht um Wissen und Verstehen, auch um das Benennen von Versäumnissen, jedoch nicht um ein Urteil. Eine Lehrerin unternahm nichts; sie wollte der Machtausübung des Täters nicht noch mehr Raum geben. Eine Aufarbeitung seitens der Schule unterblieb auch dann, als Magnani Hüller nach dem Messerangriff in den Unterricht zurückkehrte. Sie sei beeindruckend gefasst und klar, bekam die Filmemacherin immer wieder zu hören. Vielleicht habe ihr starkes Nach-Außen-Gefühl ihr den notwendigen Schutz verwehrt, gibt sie einmal zu bedenken.

„Ich weiß, du hast heute etwas Furchtbares erlebt, etwas Ungerechtes, aber es ist wichtig, dass du jetzt nicht den Glauben an die Menschen verlierst“, war das Erste, was sie beim Aufwachen im Krankenhaus hörte. Dieser Satz eines Polizisten war wichtig, erzählt Hüller im Gespräch mit der Kriminalbeamtin; vielleicht hätte sie ohne ihn nur schwer wieder ins Leben zurückgefunden. Wichtig war auch eine Mitschülerin, die im Klassenraum versuchte, sie gegen die Blicke zu schützen. Für den Heilungsprozess der „Geschädigten“, wie es in der Rechtssprache heißt, macht es einen Unterschied, ob etwas gesagt und getan wurde oder nicht.

Uhrzeiger, die sich in Gegenrichtung bewegen

Zwischen den Interviewszenen stehen flüchtige Momentaufnahmen, in denen das Empfinden widerhallt. Zwei Uhrzeiger, die sich in Gegenrichtung bewegen, das Präparieren eines Schmetterlings, taumelnde Blicke und abtastende Bewegungen über Oberflächen. Die haptischen Super-8-Bilder, die im Film neben fahlen Digitalaufnahmen stehen, führen in die sensuelle Wahrnehmungsebene, die auch den retrospektiven Blick durchdringt. Nicht unähnlich der präzisen Erinnerungsarbeit von Annie Ernaux, versucht Magnani Hüller die Gegenwart des vergangenen Moments gleichsam räumlich zu durchschreiten. Sätze beginnen mit „Ich sehe …“ oder „Ich spüre …“. Erst am Ende gibt es einen Perspektivwechsel von der ersten in die dritte Person (die Frau).

Auf die Schauplätze der Schulgelände folgt irgendwann Bewegung und Licht. Eine Reise nach Brasilien wird zur Wiederbegegnung mit einem Reparationsprozess, der vor vielen Jahren an diesem Ort seinen Anfang nahm. Als die Filmemacherin eine anonyme Drohnachricht erreicht, setzt sich die Erzählung noch einmal neu in Bewegung. Ein Aufbegehren tritt in den filmischen Raum, mit tonloser Stimme „gesprochen“, aber alles andere als leise.

Veröffentlicht auf filmdienst.deWas an Empfindsamkeit bleibtVon: Esther Buss (20.4.2026)
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