Filmplakat von KINO IM BESTEN ALTER: WAS DEIN HERZ DIR SAGT

KINO IM BESTEN ALTER: WAS DEIN HERZ DIR SAGT

87 min | Drama, Komödie
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Als die 43-jährige Friseurin Suze Trappet erfährt, dass sie schwer krank ist, beschließt sie, ein Kind zu suchen, das sie mit 15 Jahren verlassen musste. Auf ihrer verrückten bürokratischen Suche trifft sie auf JB, einen 50-jährigen Mann, der mitten in einem Burnout steckt, und auf Mr. Blin, einen blinden Archivar, der zu übermäßigem Enthusiasmus neigt. Das ungleiche Trio begibt sich auf eine witzige und ergreifende Reise quer durch die Stadt auf der Suche nach Suzes lange verlorenem Kind.

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Filmkritik

„Ganz schön blöd, meine Antikörper!“ Es ist bitterer Galgenhumor, mit dem die Friseurin Suze reagiert, als ihr Arzt ihr die fatale Erklärung für ihre Attacken von blutigem Husten gibt: Sie leidet an einer Autoimmunkrankheit, Suzes Antikörper bekämpfen ihren Organismus, statt ihn zu verteidigen. Laut dem Arzt hat das Haarspray, das Suze in ihrem Salon jahrelang eingesetzt hat, sie unfruchtbar gemacht und ihre Bronchien zersetzt. Mit Anfang 40 steht Suze damit vor der Aussicht, dass ihr Leben in Kürze qualvoll zu Ende gehen wird und als ziemlich verpfuscht betrachtet werden muss. Was ihr allein noch bleibt, ist die Hoffnung, zumindest an einem ihrer Fehler eine kleine Korrektur vorzunehmen. Als 15-Jährige war sie schwanger geworden und musste das Baby auf Druck ihrer Eltern zur Adoption freigeben; nun will sie wenigstens erfahren, was aus ihrem ungekannten Sohn geworden ist. Dazu bräuchte es nur ein Entgegenkommen der Gesundheitsbehörde, deren Vertreter aber nicht mitspielt. Wenn überhaupt, könne sie erst in Monaten mit einer Antwort rechnen.

Zwei Underdogs gegen Behörden-Ignoranz

Franz Kafka hätte wohl wissend genickt, wenn er mit dem Verhalten der Behörden in „Was dein Herz dir sagt – Adieu ihr Idioten!“ konfrontiert worden wäre. Das Amt für Gesundheit ist in diesem Film wahrlich kein Einzelfall, agiert aber besonders umständlich und unkooperativ. Das merken nicht nur Besucher wie Suze, sondern auch ein langjähriger Mitarbeiter wie der IT-Direktor Jean-Baptiste „JB“ Cuchas, der sich als Experte für Sicherheitsprogramme und -lücken zu Recht als Stütze des Amtes betrachten konnte. Für ein neues Prestigeprojekt hat er die gesamte Vorarbeit geleistet, doch umsetzen soll es ein Jungspund frisch von einer Elite-Universität. Das ist zu viel für den schon über 50-Jährigen: Entschlossen besorgt er sich ein Gewehr und will mit einem Knalleffekt aus dem Leben scheiden, Videoaufzeichnung seines Selbstmords inklusive.

Das aber misslingt gründlich, denn statt ihn zu töten, durchschlägt der Schuss seine Bürowand und verletzt den Berater, der just mit Suze im Gespräch ist. In der darauffolgenden Massenpanik und -flucht aus dem Haus verliert JB das Bewusstsein; so kann ihn Suze, die als einzige nicht geflohen ist, unter Mühen aus dem Büro, in den Fahrstuhl und bis in die Tiefgarage zu ihrem Auto schaffen. Als JB wieder ansprechbar ist, schlägt sie ihm einen Handel vor: Wenn er bei ihrer Suche hilft, will sie aufklären, dass er mitnichten der gemeingefährliche Amokläufer ist, als der er inzwischen von der Polizei gesucht wird.

Schrille Geschmacksüberschreitungen

Neben seiner erfolgreichen Schauspielkarriere verfolgt der Franzose Albert Dupontel bereits seit den 1990er-Jahren auch Regie-Ambitionen, deren Erfolg allerdings bislang auf seine Heimat beschränkt war. Ein Grund dafür ist sicherlich der gewöhnungsbedürftige Tonfall von Werken wie „Bernie“ (1996) oder „Le Vilain“ (2009), mit denen Dupontel durchgeknallte Komödienszenarios mit schrillen Geschmacksüberschreitungen inszenierte und sich selbst regelmäßig als instabilen Psychopathen besetzte. Auch „Was dein Herz dir sagt“, mit dem sich erstmals ein deutscher Kino-Verleih an eine von Dupontels Regie-Arbeiten wagt, scheint zunächst mit JBs „Unfall“ in eine ähnliche Richtung zu gehen, doch ist die recht blutige Szene im Gesundheitsamt keineswegs der Auftakt für eine Serie ähnlicher Vorfälle.

Stattdessen wendet sich Dupontel dem ungleichen Paar Suze und JB zu, die auf dem Weg zu der gewünschten Aktennotiz ein ums andere Mal mit den Tücken einer ignoranten Bürokratie zu ringen haben. Allerdings erwächst den beiden auch ein unerwarteter Helfer in dem blinden Archivar des Rathauses: Dieser hat sein Augenlicht durch einen fehlgeleiteten Polizeieinsatz verloren und reagiert seitdem panisch auf die Vertreter des Gesetzes; so ist er trotz seines fehlenden Sehsinns schnell eifriger Dritter bei der Suche nach Suzes Sohn, während die Polizei den drei Unverstandenen dicht auf den Fersen ist.

Gruß an Monty Python

Dupontel setzt seine Figuren immer wieder Begegnungen mit Menschen aus, die grotesk an den Aufgaben ihrer Berufe vorbei agieren und das Gespür für ein mitfühlendes Verhalten verloren zu haben scheinen. Damit geht er noch nicht unbedingt über die Traditionslinien konventionellerer Komödien hinaus, doch bringt „Was dein Herz dir sagt“ die Auftritte selbstbezogener Politiker, verquerer Psychiater oder unsensibler Ärzte mit einem besonderen Gespür für satirische Zuschnitte auf den Punkt. Dupontels Verehrung der britischen Komikertruppe Monty Python ist nicht nur hierin offenkundig, obendrein ist der Film dem verstorbenen Terry Jones gewidmet, Terry Gilliam hat – nicht zum ersten Mal bei Dupontel – einen schrägen Gastauftritt, und der Geist von Gilliams „Brazil“ schwebt deutlich über der Bürokratie-Satire des Films.

Stilistisch allerdings eifert Dupontel diesem Vorbild nur in Ansätzen nach, wenn die Flucht der zentralen Figuren auch durch einige Büro-Labyrinthe führt oder menschenfeindlich-moderne Bauten zu Schauplätzen werden. Seine Version einer Schreckenswelt in der Nachfolge von Gilliam (und natürlich auch George Orwell) gewinnt ihre Eigenständigkeit durch unvermutete Konter, etwa durch den Kontrast warmer Farben mit den für solche Geschichten an sich naheliegenden Grautönen und insbesondere durch den unberechenbaren Wechsel der Stimmungen.

Wärme und Empathie trotzen dem Irrsinn

Denn auch wenn „Was dein Herz dir sagt“ auch als Komödie ein starker Genrevertreter ist – mit nur wenigen lascheren Gags und Klamauk-Momenten –, am einprägsamsten ist der temporeiche Film in seinen ruhigeren Sequenzen. Dem Irrsinn und der potenziellen Bedrohlichkeit der gezeigten Welt stellt Dupontel als Regisseur eine beachtliche Wärme und Empathie entgegen. Mit Virginie Efira hat er eine Hauptdarstellerin, die durchweg die Sympathie für die verzweifelte Lage ihrer Figur hochhalten kann, aber auch Dupontels eigene Interpretation von JB lässt immer wieder dessen Einsamkeit und Enttäuschung aufscheinen, genauso wie sich bei Nicolas Mariés skurrilem Archivar beständig die angenehmen Erinnerungen an die Zeit vor seiner Erblindung mit der ernüchternden Gegenwart reiben.

In dieser allerdings macht der Film immer wieder auch den begründeten Glauben an tröstliche Nischen aus; dass es dazu über hochemotionale Demonstrationen von Liebe kommt, mag vielleicht nicht die alleroriginellste Idee sein, wird von Dupontel aber mit außerordentlicher inszenatorischer Kraft und Konzentration vorangetrieben. So viel Spannung, wie sie hier mitunter entsteht, wenn zwei Menschen in einem Raum stehen und ihre Gefühle füreinander (wieder)entdecken, gelingt kaum einem Krimi, geschweige denn üblichen Romanzen. In diesen Augenblicken präsentiert sich dieser Film um eine Todgeweihte und einen Lebensmüden, die sich mühsam durch eine feindselige Welt schlagen, mit einem Mal bemerkenswert lebensbejahend.

Erschienen auf filmdienst.deKINO IM BESTEN ALTER: WAS DEIN HERZ DIR SAGTVon: Marius Nobach (2.1.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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