Vorstellungen
Filmkritik
Was früher als lustig galt, ist inzwischen womöglich ein Affront. Zumal bei heutigen Bewertungen vergangener Dekaden neue Sensibilitäten hinzukommen; oft verbunden mit dem Reflex, Kulturgüter für ihre Verfehlungen abzukanzeln. Natürlich trifft das auch den Humor, der ein scharfes Schwert sein kann. Der Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ klopft nun das Humorverständnis der deutschen Fernsehlandschaft der 1990er- und frühen 2000er-Jahre ab. Ihr Augenmerk legen die Regisseurinnen Eva Müller und Isabel Schneider auf Frauen, die das zuvor männlich dominierte Feld der TV-Komik betraten. Namentlich kommentieren die fünf Protagonistinnen Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins alte Fernsehausschnitte und ihre Karriereanfänge.
Es war nicht alles so spaßig
Die im Titel anklingende Ironie legt nahe, dass früher nicht alles so spaßig war, wie „wir“ dachten. In der Tat gleicht die Rückschau den damaligen Humor mit aktuellen Standards ab und prangert vieles davon an; auch als Gegenprobe für die Debüts der ersten weiblichen Fernsehstars. Die meinungsstarke Hella von Sinnen boykottiert frühere Clips von Harald Schmidt, denn sie habe sich schon genug darüber aufgeregt. Kroymann findet den bekannten Moment, in dem der Entertainer Brausepulver aus dem Bauchnabel des Models Monica Ivancan leckt, „einfach nur widerlich“, Köster attestiert ein „reaktionäres Witzverhalten“. Und Böttinger konfrontiert Schmidt in seiner Sendung, nachdem dieser sie mit einer Toilettenbürste verglichen hat.
Ein weiteres Segment ist Thomas Gottschalk und „Wetten, dass...?“ gewidmet: Der Verrufene tätschelt Steffi Graf das Knie oder erfreut sich noch 2009 an der Wette, in der ein Gast unter Zeitdruck Büstenhalter öffnet. „Er war nicht anders als andere“, ordnet Kroymann fair ein. Rudi Carrell tritt den Beweis an, als er auf der Fernsehcouch das Äußere einer Frau bewertet: Haare, Zähne, Augen, „alles toll“. Und dann gab es auch noch „Tutti Frutti“.
Oft auf ihre Attraktivität reduziert
Der einleitende und immer wieder eingestreute Rundumschlag zu streitbarer 1990er-Jahre-Unterhaltung offenbart die Verfasstheit der damaligen Fernsehwelt, in der viele Männer auf wenige Frauen kamen. Letztere erhielten meist Rollen als Ansagerinnen und Assistentinnen, oft genug auf ihre Attraktivität reduziert. Esther Schweins nennt ihre Normschönheit in diesem Kontext „meine Misere“ und ist ganz ergriffen davon. Ein anderes Beispiel dafür ist die „Glücksrad-Fee“ Maren Gilzer.
Die Bestandsaufnahme steckt den Rahmen für die ersten und weitere Fernsehauftritte der Frauen ab: Hella von Sinnen ab 1988 an der Seite von Hugo Egon Balder in der RTL-Show „Alles nichts oder?!“, die vorherige WDR-Moderatorin Bettina Böttinger mit ihrer 1993 gestarteten Talkshow „B. Trifft...“, ebenfalls ab Anfang und Mitte des Jahrzehnts Maren Kroymann mit ihrer Satiresendung „Nachtschwester Kroymann“, Esther Schweins als Ensemblemitglied von „RTL Samstag Nacht“, Gaby Köster in der RTL-Show „7 Tage, 7 Köpfe“.
Die Frauen erkämpften sich eigene Texte und brachten neue Perspektiven in ihre Sketche ein. Teils schwere Themen wie Abtreibung oder Vergewaltigung, meist Leichteres wie die gekünstelten Posen der Models im „Quelle“-Katalog oder eine Parodie der Werbung, die Periodenblut als blaue Flüssigkeit darstellt. Von Sinnen kassiert für ihre Ausführungen zu lesbischer Sexualität Zwischenrufe aus dem Publikum, Verona Feldbusch gibt sich bei einer Persiflage auf ihre Erotikshow „Peep!“ schmerzfrei selbstironisch. Keine hohe Relevanz für das Thema haben die biografischen Abrisse, die sich bereits im Vorspann andeuten, wenn die Akteurinnen ihre Namen handschriftlich in ein Notizbuch schreiben. Die Kurzporträts mit Kinderfotos, Familienvideos und der geteilten Anekdote, dass die eigene Mutter die erste „lustige Frau“ im Leben war, bleiben verzichtbar.
Herzstück: Zusammenschnitte zur Fernsehgeschichte
Das Herzstück und Highlight der Doku sind die Zusammenschnitte zur Fernsehgeschichte, auch wenn die TV-Produzentinnen Müller und Schneider sie formal eher fernseh- denn kinotauglich aufbereiten. Von den gängigen TV-Clip-Shows, bei denen die Köpfe der Gäste von unten ins Bild poppen, unterscheidet sich die Collage lediglich durch die Sichtung des Materials auf einer kleinen Leinwand. Das wirkt abgedroschen, ist jedoch schwer variierbar. Alternativ wären die Archivbilder indes auch ganz ohne Kommentar aussagekräftig.
„Du singst dein Lied, gehst zweimal über die Bühne und wackelst mit dem Arsch,“ wies ein Redakteur Maren Kroymann einmal an. Solche internen Einsichten und Zitate legen die Machtstrukturen und Rollenmuster der damaligen Zeit unmissverständlich offen. Die Dokumentation verhandelt implizit die Feststellung, dass Humor eine Weltsicht demonstriert. Und dass die Mattscheibe gesellschaftliche Wertesysteme beeinflusst. Das bietet einen kurzweiligen Anlass, darüber und nicht zuletzt auch über die eigene Prägung durch alte Fernsehformate nachzudenken. Vieles ist heute überholt; damals war es aber alles, was wir hatten.
