Vorstellungen
Filmkritik
Dieses "Auklärungsunternehmen" einer radikal linken Theatertruppe hat schon vor Jahren Aufregungen ausgelöst, die Abfilmung kommt also recht spät. Die Fragwürdigkeit aber ist geblieben. Man muß es dem Ensemble "Rote Grütze" bescheinigen: es trifft den richtigen Tonfall; weder die überlegene Herablassung Erwachsener noch die falsche, pseudojugendliche Anbiederung, sondern eine unbefangene, fröhliche Tonlage. Sie gebrauchen den Vulgärjargon, ohne damit aber direkt ordinär zu wirken, und optisch gibt es schon gar nichts "zu sehen". Die Fragwürdigkeit liegt denn auch nicht in dieser Richtung, sondern in der keineswegs geheimgehaltenen Tendenz. Diese Absicht ist nicht eigentlich Aufklärung, also Information - ein biologisches Grundwissen wird vorausgesetzt -, sondern die Befreiung von Ängsten vor der Handhabung der Sexualität, also Hilfe zur Überwindung von Unsicherheiten, um den größeren `Spaß` am Tun. Der Themenkatalog beginnt mit einer Anleitung zur Selbstbefriedigung, setzt sich fort mit gleichgeschlechtlicher Liebe, dann schiebt sich eine bösartige und die Wirklichkeit in keiner Weise mehr treffende Persiflage auf den Religionsunterricht dazwischen. Im zweiten Teil geht es um die Stufen des Kennenlernens, den ersten Kuß und ein bißchen Petting, bis zum mit viel Schüchternheit absolvierten "ersten Mal" und einem allzu ausführlichen Kabarett über den Orgasmus. Was das Ensemble "Rote Grütze" hier bietet, ist eine Mischung von Kabarett, Stegreifspiel und Kellerbühne. Man spürt, daß sie den jungen Menschen, die sie ansprechen, helfen wollen. Auf der anderen Seite werden besorgte Eltern und konservative Ansichten keineswegs toleriert, sondern der Lächerlichkeit in einer Weise preisgegeben, die nichts mehr mit Fairness zu tun hat; Toleranz wird also nur eingefordert, nicht geboten. Offen ist die Indoktrination zu einem "freieren Umgang mit der Sexualität". Zitate aus Religionsbüchern werden aus dem Zusammenhang gerissen und im Litaneien-Singsang so geboten, daß auch ihr Wahrheitsgehalt lächerlich gemacht wird. Daß die `allermodernste` Pädagogik hier schon wieder eine Kehrtwendung gemacht hat und zum Thema Jugendsexualität bereits vorsichtigere Positionen einnimmt, wird selbstverständlich nicht erwähnt. - Die Abfilmung einer Originalaufführung verzichtet auf alle spezifisch filmischen Mittel. Immer bleibt das Zirkuszelt eingrenzender Spielort. Die Spontaneität der Darsteller, die sich immer wieder selbst in das Spiel mit einbringen, läßt trotzdem den Funken auch von der Leinwand herab überspringen. Dennoch: Man muß kein prüder Reaktionär oder saurer Moralist sein, um gegen dieses Unternehmen stärkste Bedenken zu haben. Vor allem greift es einschneidend in den Anspruch der Familie ein, selbst die Tendenz einer Erziehung zur Handhabung der Sexualität zu bestimmen.(In der Schule wird ja nur Information geboten, auch kann der Lehrer darauf Rücksicht nehmen, wie weit die Reife seiner Schüler geht.) So wichtig Sexualaufklärung grundsätzlich ist - der Mensch ist ein Leib-Seele-Wesen und diese Seite des Themas, die mit Liebe, mit Bindung, mit Hingabe zu tun hat, wird durch die sporadische Betonung der Notwendigkeit, zärtlich miteinander umzugehen, nicht abgedeckt. Wenn ein so wichtiger Bereich der menschlichen Beziehung ausgeklammert bleibt, wird die ganze Darstellungsweise schief, einseitig, gefährlich. Denn der hier gelehrten fröhlichen Unbefangenheit fehlt die Verantwortung.
