Vorstellungen
Filmkritik
Ein wohnungsloser Mann zieht einen schwerbeladenen Einkaufswagen hinter sich her. An einem mit Stacheldraht verstärkten Zaun hat sich allerhand Plastikmüll verfangen, auf dem Gelände dahinter wirbt ein Billboard für eine neue Drama-Serie mit dem Titel „I’m Dying Up Here“, in der Ferne prangt der allgegenwärtige Hollywood-Schriftzug.
Von Promi-Porträts zu den gesellschaftlichen Rändern
Auf den Straßen der Millionenmetropole Los Angeles offenbaren sich die Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft oftmals mit zeichenhafter Deutlichkeit. Davon zeugt auch das Werk von Martin Schoeller. Bekannt wurde der seit 30 Jahren in den USA lebende Fotograf für seine Porträts berühmter Persönlichkeiten. Angela Merkel, Brad Pitt, Angelina Jolie, George Clooney, Christopher Walken, Usain Bolt, Marina Abramovic, Donald Trump: Die Liste an Prominenten, die Schoeller schon vor seiner Linse hatte, ist endlos, von Staatsoberhäuptern und Hollywoodstars bis hin zu Sportikonen.
In seinen freien Projekten wendet sich Schoeller dagegen den gesellschaftlichen Rändern Amerikas zu. Er fotografiert Wohnungslose, ehemals Inhaftierte, Drogensüchtige. Sein mobiles Foto-Studio, das er Seite an Seite mit Obdachlosenbehausungen installiert, zeigt sich in „We All Bleed Red“ vor allem als Bekenntnisraum. Wo kommst du her? Was bringt dich nach L.A.? Wo schläfst du? Hast du ein Zelt? Ein paar Fragen von Schoeller und die Menschen vor seiner Kamera kommen sofort ins Erzählen. Ihre Geschichten handeln von Gewalt, Missachtung und erlittenem Schmerz.
Nichts als das „reine“ Gesicht
In den weiten Räumen eines Düsseldorfer Ausstellungshauses installiert Schoeller seine Fotografien, die Wände sind mit seinen signaturhaften „Close Ups“ gepflastert: großformatige Porträts von Menschen vor neutral weißem Hintergrund, der Kopf eng kadriert, in der Regel frontal. Kein Raum, keine Kleidung, die Auskunft gibt, nichts als das „reine“ Gesicht. Schoeller, ein eher zurückhaltend auftretender Mann mit kurzen Dreadlocks, ist noch unzufrieden: „Wir brauchen ein paar nicht berühmte Leute.“ Auf die Egalität der Modelle gründet sich sein künstlerisches Konzept. Ob weltberühmt oder wohnungslos: die „Close Ups“ folgen den gleichen Bild- und Aufnahmeprinzipien.
Schoellers Arbeiten für große Magazine, die ihm neben der Bekanntheit das Kapital eingebracht haben, ein kleines Unternehmen mit mehreren Mitarbeiter:innen am Laufen zu halten, sind eher beiläufig präsent. Etwa wenn in seinem New Yorker Studio der Blick auf die mit prominenten Namen beschrifteten Archivschachteln fällt. Regisseurin Josephine Links interessiert an Schoeller (der ihr Halbbruder ist, was das Presseheft, nicht aber der Film erwähnt) eher der sozial engagierte „Straßenfotograf“, der ehrenamtlich für die Heilsarmee kocht und für den jede Aufnahme mit einer intimen menschlichen Interaktion verbunden ist.
Ein Film, der Schicksale sammelt
Ein Mann, der sich gerade sein Zelt einrichtet, erzählt von seinem Traum, einmal Kinder zu haben und „Papa“ genannt zu werden. Er war im Knast, arbeitete als Escort, geriet in die Drogenabhängigkeit. Mit Flaschensammeln kommt er gerade so über den Tag. Eine intersexuelle Person berichtet von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und dem Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit. Aus Begegnungen wie diesen entwickelt sich bald ein separates Projekt zu wohnungslosen *trans-Personen. Andere Projekte befassen sich mit ehemals zum Tode verurteilten und später freigesprochenen Insassen, flamboyanten Dragqueens und Native Americans, die vor der Kamera ihre Tradition und Geschichte in Erinnerung rufen.
Aus einer Vielzahl von Gesichtern und Erzählungen, die relativ eng getaktet aufeinander folgen, setzt sich ein gesellschaftliches Kaleidoskop eines „anderen“ Amerikas zusammen. „We All Bleed Red“ ist aber auch ein Film, der Schicksale sammelt und auf ein paar Sätze und Momentaufnahmen verkürzt. Die individuelle Lebensgeschichte droht in der Serialität zu verschwinden.










