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Weltkarriere einer Lüge: Die Protokolle von Zion

90 minDokumentationFSK 12
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Eine obskure Schrift aus dem zaristischen Russland prägt bis heute den modernen Antisemitismus. Der Film folgt den Spuren der sogenannten Protokolle der Weisen von Zion von ihrer Entstehung bis zu ihrer globalen digitalen Wiederkehr. Er zeigt, wie Verschwörungsmythen gesellschaftsfähig wurden und bis heute Hass und Gewalt an- stacheln. Ein aufrüttelnder Blick auf die Ent- stehung der gefährlichsten antisemitischen Erzählung der Moderne – die angebliche „jüdische Weltverschwörung“.
  • Veröffentlichung04.12.2025
  • Felix Moeller
  • Deutschland (2025)

Es beginnt mit Bildern des Jüdischen Friedhofs von Prag, einem der ältesten jüdischen Begräbnisorte in Europa. Der Friedhof ist zugleich auch der Ort, von dem eine der widerwärtigsten und zugleich wirkungsvollsten antisemitischen Hetzschriften ihren Ursprung genommen haben soll: die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, jenes angebliche Dokument einer jüdischen Weltverschwörung. Der Regisseur Felix Moeller rekapituliert in dem Dokumentarfilm „Weltkarriere einer Lüge: Die Protokolle der Weisen von Zion“ die vermutliche Entstehungs- und tatsächliche Wirkungsgeschichte dieser Schrift. Obwohl das Buch bereits 1921 als reines Fantasieprodukt enttarnt wurde, hält sich die Behauptung einer jüdischen Weltverschwörung bis in die unmittelbare Gegenwart.

Die Genese einer „Hass“-Schrift

Die „Protokolle“ sind ein Amalgam aus unterschiedlichen Texten und Textsorten. Mit vielen kleinen thematischen Abstechern skizziert Moeller in der ersten Hälfte des Films die Genese des Buchs. Dessen Quellen reichen von den antijakobinischen Werken des Abbé Barruel über Eugène Sues „Die Geheimnisse des Volkes“ und eine in ihr Gegenteil verkehrten Satire von Maurice Joly auf Napoleon III. bis zu Hermann Goedsches rassistischem Schauerroman „Biarritz“. Seine letztendliche Gestalt erhielt die Schrift vermutlich durch die zaristische Geheimpolizei Ochrana um 1900 in Paris. Ihr Ziel war es, den russischen Juden ein weitverzweigtes Komplott unterzuschieben, um in der Krise des Zarenreichs einen Sündenbock zu finden und die Pogrome zu rechtfertigen. Die Revolution gegen den Zaren wurde dadurch zwar nicht verhindert, doch die obskure, nicht sehr subtil gehaltene Schrift entwickelte sich seitdem zu einem der folgenreichsten Propagandatexte der Weltgeschichte.

Die „Protokolle“ haben die Struktur eines Schauerromans, sagt der Bochumer Historiker Michael Hagemeister, der sich intensiv mit der Schrift befasst hat. Hagemeister betont auch, dass man hier eigentlich nicht von einer „Fälschung“ reden könne, da sich „diese Texte ja auf nichts beziehen, was man fälschen könnte“. Es seien auch keine „Protokolle“, denn es gab nie jene Versammlung, die man hätte protokollieren könnten. Vielmehr ist die Schrift ein Plagiat aus verschiedenen Texten, reine Erfindung, Fake News und Lüge.

Worum geht es in diesem Text? In 24 „Protokollen“, die angeblich bei einem Treffen der Vertreter der zwölf Stämme Israels auf dem Judenfriedhof in Prag entstanden sind, wird freimütig eine „jüdische Weltregierung“ skizziert. Ein vermeintliches Mitglied dieser „Weisen von Zion“ plaudert Einzelheiten des Programms zur Übernahme der Weltregierung aus. In der Außenpolitik schüre man Kriege, im Inneren sozialpolitischen Kämpfe, um das für die endgültige Machtübernahme günstige Chaos zu erzeugen. Seit 1789 habe es keine Revolution mehr gegeben, die nicht auf die Intrigen der „Weisen“ zurückzuführen gewesen sei.

Karriere einer „Bibel der Massen“

Die Protokolle sind ein offener Text, der sehr viele Zuschreibungen ermöglicht. Die Kapitel strotzen von Widersprüchen. Gegensätzliche Rollen werden von den „Weisen“ gleichermaßen besetzt: der Börsenhai und der Bolschewist, der Demokrat wie der Diktator, der Atheist neben dem Theokraten. Die Leser konnten sich an allem bedienen. Dementsprechend haben auch die gegensätzlichsten politischen und sozialen Interessengruppen diese „Protokolle“ ausgeschlachtet: Zaristen und Nazis, Klerikale wie Gottlose, Antikommunisten und antisemitische Kommunisten.

In der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg machten die „Protokolle“ dann Karriere. Der US-Automagnat Henry Ford gehörte zu ihren frühen Lesern; kurios ist, dass ausgerechnet der Erzkapitalist Ford in Zeitungskommentaren gegen den jüdischen Finanzkapitalismus wetterte. Heute ist Fords Idee, dass „die internationalen Finanzleute hinter jedem Krieg stehen“, nicht nur bei Rechtsextremen, sondern auch unter globalisierungskritischen Linken und sogar bis in die linksliberalen Milieus westlicher Demokratien sehr populär. Gleichzeitig rangieren Termini wie „internationales Finanzsystem“, „Wall Street“, „Kosmopolit“ und „Weltbank“ an der Spitze antisemitischer Pamphlete.

Anfang der 1930er-Jahre entstand auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise eine insbesondere von US-Amerikanern befeuerte antisemitische Internationale. Die schillernde Kalifornierin Lesley Fry wurde hier mit ihrem Bestseller „Waters Flowing Eastward“ zu einer Schlüsselfigur. Zu den frühen Lesern der „Protokolle“ gehörten auch die Nationalsozialisten. In Deutschland erschien die erste Übersetzung; Hitler zitierte sie bereits 1924 in „Mein Kampf“ und erwähnte sie danach immer wieder in seinen Reden. Dass sie nicht authentisch waren, kümmerte nicht weiter; zu sehr bestätigten sie die vorhandenen antisemitischen Weltbilder; Goebbels sprach deshalb von einer „inneren, aber nicht faktischen Wahrheit der Protokolle“. Auch der Mord an dem jüdischen Reichsaußenminister Walther Rathenau im Jahr 1922 steht wohl in Zusammenhang mit den „Protokollen“, da der Industrielle in einigen tendenziösen Begleittexten der deutschen Ausgabe als einer der Weisen von Zion bezeichnet wurde.

Felix Moeller dokumentiert auch den Gebrauch der „Protokolle“ in der eigentlichen NS-Propaganda. Er zitierte dazu einige Klassiker des nationalsozialistischen Kinos, die die antisemitischen Klischees wiederholen, allerdings ohne die „Protokolle“ beim Namen zu nennen: „Die Rothschilds“, „Jud Süß“ und „Der ewige Jude“. Dazu analysiert er viele Ausschnitte aus Wochenschauen. Dabei gelingt ihm auch dort, wo er auf die bekannten Werke zurückgreift, ein neuer, überraschender Zugriff. Etwa wenn er direkt nach den Passagen zum Nationalsozialismus eine erhellende Aussage aus dem Buch der Philosophin Hannah Arendt über „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ zitiert. Arendt notiert darin spitz, wie schnell der NS-Staat doch dem in den „Protokollen“ geschilderten diktatorischen Systemen ähnlich geworden sei.

Das Schimpfwort „Zionist“

Sehr genau verfolgt der Film, wie sich die „Protokolle“ als eine global zirkulierende Idee in unterschiedlichen Kontexten wandeln und ganz andere Wirkungsgeschichten entfalten. Kurz streift der Film dabei auch den linken Antisemitismus, der insbesondere die Bezeichnung „Zionist“ zu einem Schimpfwort machte, damit aber eigentlich jeden Juden und auch noch deren Verteidiger meinte.

Die eigentliche Pointe des Films aber ist seine Aktualität. Denn Möller scheut sich nicht, auf die kontroverse Fragen der akademischen und insbesondere arabischen Positionierung im aktuellen Konflikt zwischen Arabern und Israel einzugehen. Zentrale Propagandatexte, aber auch tagesaktuelle Veröffentlichungen der Hizbullah wie der Hamas beziehen sich direkt auf die „Protokolle“.

Neben solchen, nicht völlig unerwarteten Momentaufnahmen gibt es auch schockierende Einzelheiten. So präsentierte der Neubau der Bibliothek von Alexandria bei der Eröffnung für jede Kultur und Religion zentrale, besonders wichtige Werke. Die Auswahl für das Judentum enthielt auch die „Protokolle“. Wenn man keine infame Provokation unterstellen will, muss man davon ausgehen, dass die ägyptischen Kuratoren offenbar nicht wussten, dass es sich bei der Schrift um eine böswillige Erfindung handelt. Auch ein Schulbuch der Palästinensischen Autonomiebehörde im Gazastreifen, das von der Europäischen Union finanziert wurde, lehrt "Pläne von der jüdischen Weltherrschaft".

In der gegenwärtigen Populärkultur stößt man ebenfalls immer wieder auf die „Protokolle“. Ein Film wie „Matrix“ fällt zwar nicht unter verschwörungsideologische Vorbehalte, bietet mit seinem manichäischen Dualismus von "wahrer" Welt und "falscher" Scheinwelt, "roter" und "blauer" Pille sowie seinem Messianismus zahlreiche Anknüpfungspunkte für solche Ideen von auserwählten Wahrheitskämpfern gegen eine universale Verschwörung. Moeller erwähnt auch die Rap-Kultur, in der häufig antisemitische Anspielungen anzutreffen seien, sowie die „Tech Bros“ aus dem Silicon Valley, insbesondere Elon Musk, der regelmäßig verschwörungstheoretische Gedanken und antisemitische Anspielungen auf seinen Netzwerken verbreitet oder von anderen verbreiten lässt.

Eine jüdische Studentin aus München berichtet von ihren Erfahrungen. Sie erzählt vom Antisemitismus im Alltag und zeigt auf, wie konfuse Narrative und Hirngespinste oft reale, sehr bedrohliche Folgen haben.

Vermeintliche „Opfer“ werden zu Tätern

„Weltkarriere einer Lüge“ ist ein kluger, wichtiger Dokumentarfilm, der historische Tiefenschärfe mit zeitgenössischer Relevanz verbindet. Nur gelegentlich merkt man dem Film an, dass er fürs Fernsehen entstand. Moeller gelingt das Kunststück, eine der gefährlichsten Fälschungen der Moderne nicht nur zu entzaubern, sondern ihre Mechanismen für die Gegenwart zu benennen – und damit aufzuklären, ohne zu simplifizieren. Auch wenn diese Entmystifizierung eingefleischte „Protokoll“-Gläubige kaum umstimmen wird, ist es wichtig zu erkennen, dass der unverhohlen „eliminatorische“ Antisemitismus in den „Protokollen“ eine paranoide Rationalisierung fand. Seit jeher dient der Verfolgungswahn dazu, dass selbsternannte „Opfer“ zu Tätern werden können.

Veröffentlicht auf filmdienst.deWeltkarriere einer Lüge: Die Protokolle von ZionVon: Rüdiger Suchsland (16.12.2025)
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