



- RegieRúnar Rúnarsson
- ProduktionFrankreich (2024)
- Cast
- IMDb Rating6.7/10 (244) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Bekifft und verträumt schaut die junge Una (Elín Hall) dem Horizont entgegen. Für einen kurzen Moment scheint der Sonnenuntergang über dem Atlantik zur romantischen Projektionsfläche ihrer Träume zu werden. Bei dem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft ist Unas Freund Diddi (Baldur Einarsson) explizit mitgemeint. Wenn sich die beiden später im Bett aneinanderkuscheln, flüstern sie sich zu, wohin ihre erste gemeinsame Reise gehen könnte. Vielleicht zu den Färöer-Inseln? Oder sogar nach Japan?
Der isländische Regisseur Rúnar Rúnarsson lässt in „Wenn das Licht zerbricht“ zunächst nur in einem Nebensatz fallen, dass die Liebe des jungen Paares bisher nur im Verborgenen möglich war. Offiziell ist Diddi nämlich mit einem anderen Mädchen zusammen, das er nun aber für Una verlassen will. Die intime Szene im Abendrot markiert das Ende der Heimlichtuerei und damit auch den Beginn eines neuen und schöneren Lebens.
Doch alles kommt anders. Zunächst kann man die lange Kamerafahrt durch einen Autobahntunnel, der plötzlich von einer Feuersbrunst erfüllt wird, nicht richtig einordnen. Erst als Una am nächsten Tag wieder an der Uni erscheint, merkt sie an den Reaktionen ihrer Mitstudenten, dass etwas Schreckliches passiert ist. Wenig später wird sie mit der erschütternden Gewissheit konfrontiert, dass Diddi bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.
Geheimnisse isolieren, Trauer verbindet
Damit aber beginnt die Geschichte erst richtig, die davon handelt, wie Geheimnisse Menschen isolieren und die Trauer sie letztlich wieder verbindet. „Wenn das Licht zerbricht“ lebt von Unas Zwiespalt zwischen innerer Verzweiflung und der Gefasstheit, die sie nach außen verkörpern muss. Nachdem sie vermutlich gerade noch die wichtigste Person in Diddis Leben war, wird sie plötzlich zur angeblich lesbischen Bandkollegin degradiert. Una darf zwar traurig sein, aber nicht zu mitgenommen wirken, weil sie sonst das Misstrauen der anderen wecken könnte.
Die Einsamkeit der Protagonistin betont Rúnarsson, indem er sie durch Glasscheiben filmt oder so nahe fokussiert, dass sie sich aus ihrem unscharfen Umfeld herausschält. Vom Tod ihres Geliebten erfährt Una nur aus der Distanz. Daran, wie sich Diddis Freunde weinend in die Arme fallen, merkt sie, dass jede Hoffnung vergebens ist. Doch statt zur Gruppe zu gehen und Theater zu spielen, beschließt sie, mit ihrem Schmerz allein zu sein. Noch verlorener wirkt die junge Frau, wenn sie sich wie ferngesteuert durch Reykjavik begibt, während im Hintergrund Studenten in albernen Kostümen das Ende des Semesters feiern.
„Wenn das Licht zerbricht“ besteht überwiegend aus längeren, entschleunigten und minimalistischen Szenen, in denen sich mimische Ereignisse wie auch soziale Dynamiken behutsam und nuancenreich entfalten. Die Bilder sind manchmal sehr kühl und geordnet, doch die reduzierte Ästhetik passt auch zu Unas beharrlicher Selbstkontrolle. Rúnarsson interessiert sich dafür, wie Heimlichtuerei Menschen dazu bringt, sich vor anderen zu verstellen. Wie weit wir uns öffnen, hängt davon ab, wieviel unser Gegenüber von uns weiß oder wissen darf. Als Una von ihrem Vater (Þorsteinn Bachmann) abgeholt wird, verbünden sich die beiden, indem sie jeweils ein Geheimnis des anderen hüten. Weder soll die Mutter erfahren, dass ihre Tochter heimlich raucht, noch dass ihr Gatte während seiner veganen Diät zwei Hotdogs gegessen hat.
Die Wirkung geteilten Leids
Trotz seiner kurzen Laufzeit von 81 Minuten wirkt der Film manchmal ein wenig zu klein gedacht. Die sehr detailliert und handlungsarm gezeigte Trauerarbeit kreist über manche Strecken etwas monoton um das Versteckspiel der Protagonistin. Erst in der zweiten Hälfte, wenn Diddis offizielle Freundin Klara (Katla Njálsdóttir) auftaucht und Una in der Hierarchie der Hinterbliebenen noch einmal weiter nach unten rutscht, verschiebt sich der Schwerpunkt des Films. Nun geht es mehr um das gemeinsame Trauern; um die Herausforderung, dass jeder individuell mit seinem Verlust umgehen muss, aber auch um die heilende Wirkung geteilten Leides.
In einem Performance-Workshop, den Una zu Beginn des Films besucht, findet sich dafür ein einprägsames Bild. Für eine Darbietung haben sich Studenten in Klebeband eingewickelt und fallen sich in die Arme. Dabei haften sie so fest aneinander, dass sie letztlich stürzen. Auch Una stellt fest, dass man sich bei der gemeinsamen Trauerarbeit mitunter gegenseitig behindert, aber auch, dass Nähe und Verständnis den Schmerz lindern. Richtig offen kann Una unter Diddis Freunden zwar nicht sein, aber sie geben ihr trotzdem Halt und heben sie buchstäblich auf, wenn sie stürzt.
Letztlich versucht Rúnarsson seine Geschichte ein wenig gewaltsam und unplausibel so hinzubiegen, dass sich Anfang und Ende seines Films exakt spiegeln. Trotzdem findet er dabei schöne Bilder für die verbindende Kraft, die zwischen gebrochenen Herzen entstehen kann. In einer Glasscheibe überlagern sich die Gesichter von Una und Klara; sie verschmelzen teilweise, aber eben nicht ganz. Und manches ist am Schluss doch ganz anders. Wieder geht die Sonne unter, doch diesmal ist der Blick zum Horizont nicht mehr von Hoffnung, sondern von Unsicherheit geprägt.
