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Filmkritik
Als Goethe „Dichtung und Wahrheit“ veröffentlichte, verriet er seiner Leserschaft bereits durch den Titel, dass nicht alles, was in dieser Schrift steht, sich tatsächlich so zugetragen haben muss. Der Dichter fühlte sich einer poetischen Wahrheit verpflichtet, er erfand Dinge hinzu, verdichtete und überhöhte. Wenn ein Autor seine Memoiren aber „Wahrheit ohne Dichtung“ betitelt, muss er sich an diesem Anspruch messen lassen. So kann man den Naturforscher Theodor Wolf (1841-1924) ruhig der Flunkerei bezichtigen, oder zumindest dessen, einen Teil der Wahrheit verschwiegen zu haben. Wolf ging als 23-jähriger Jesuit nach Ecuador, wo er die Natur erforschen und gleichzeitig seinen theologischen Auftrag erfüllen sollte. Zweites gelang ihm schon deshalb nicht, weil er aus seinem Orden austrat und eine Familie gründete. Der Geologe, Kartograf und Botaniker hinterließ in der ecuadorianischen Stadt Guayaquil fünf Kinder, als er 1891 nach Deutschland zurückkehrte. Doch seiner späteren Familie erzählte er davon kaum etwas.
Ein Fleck in der Biografie
Im Laufe der Jahrzehnte sei Wolfs ecuadorianische Nachkommenschaft auf etwa 500 Mitglieder angewachsen, erfährt man in dem aufschlussreichen Dokumentarfilm „Wir, die Wolfs“ von Dario Aguirre. Der Filmemacher ist einer der südamerikanischen Nachfahren von Wolf, sein Ururenkel. Doch warum hinterließ der deutsche Ahne diesen Fleck in seiner Biografie? Er schmückte zwar seinen beruflichen Werdegang aus, verheimlichte aber seine ecuadorianische Familie. In Ecuador ist Wolf bis heute eine bedeutende historische Figur. Schulen, Straßen, eine Insel und sogar der kleinste Tintenfisch der Welt, der „Octopus wolfi“, sind nach ihm benannt. Die Nachkommen Wolfs in Ecuador erforschen seit geraumer Zeit ihre Familie, haben Stammbäume erstellt und wollen vor allem wissen, mit welcher Frau Wolf die Kinder bekommen hat.
So besucht Aguirre die Cousins, Tanten und Onkel und tauscht sich im Laufe der Jahre, welche die filmische Suche in Anspruch nimmt, auch mit seiner Großmutter Gloria aus. Sie wird während der Dreharbeiten immer dementer und stirbt schließlich mit über 90 Jahren. Doch auch sie liefert kostbare Informationen und Erinnerungen und besticht mit ihrem temperamentvollen Charme. Was Gloria nicht gefällt, andere Familienmitglieder aber brennend interessiert, ist die indigene Abstammung der Familie. Denn die Mutter von Wolfs südamerikanischen Kindern ist eine Ureinwohnerin namens Jacinta, von der es allerdings keine Fotos gibt. Womöglich war sie seine Angestellte. Doch ob sie wirklich die einzige Mutter seiner Kinder war?
„Albania“ statt „Alemania“
Voller Spannung verfolgt man immer neue Wendungen in der Familiengeschichte. Aguirre lässt seine Verwandten zu Wort kommen, von denen einige sehr genaue Vorstellungen über die Wurzeln der Familie haben und sich von neuen Erkenntnissen nicht beirren lassen. Andere sind überraschenden Entwicklungen gegenüber offener. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, ob man offiziellen Dokumenten mehr trauen soll als der mündlichen Überlieferung. So wird Wolfs Herkunftsland in den Papieren einmal irrtümlich mit „Albania“ statt „Alemania“ angegeben. Aguirre selbst fungiert als Filmemacher, Akteur und Bindeglied zwischen verschiedenen Familienstandpunkten. Er lebt seit 20 Jahren in Deutschland und knüpft auch neue Bande zu seiner deutschen Verwandtschaft.
In Ecuador reist Aguirre an die Orte, an denen Wolf gewirkt hat. Die von ihm erstellten Karten waren jahrzehntelang wegweisend für die Forschung. Oft ertönen zu den Bildern der Landschaften, in denen der Regisseur sich bewegt, im Off – und auf Deutsch – Ausschnitte aus Wolfs Memoiren. Dazu sieht man Bilder von Bergen, reißenden Flüssen, dem Meer und dem Dschungel. Wolf war von diesen Landschaften fasziniert, weshalb die Bilder nicht nur ästhetischer Selbstzweck, sondern zugleich auch Anknüpfungspunkt an Wolfs Schaffen sind.
Indigene Kultur und europäischer Dünkel
Parallel zu seiner Familiengeschichte erforscht Aguirre auch die Historie. Die indigene Kultur in Ecuador kommt dabei genauso zur Sprache wie der europäische Dünkel, den Wolf trotz allen Interesses für seine südamerikanische Wahlheimat nicht abstreifen konnte. So mag seine Überhöhung der deutschen Hausfrau und ihrer vermeintlichen Tugenden ein Grund gewesen sein, dass er noch in Ecuador die Rostockerin Bertha heiratete und mit ihr nach Deutschland zurückkehrte. Dort ist der umfassend erforschte Stammbaum des deutschen Zweigs der Familie auch durch die unrühmliche Auflage des „Ahnenbaums“ ab 1933 begründet. Damit mussten im nationalsozialistischen Deutschland Familien nachweisen, ob sie „arischer“ Herkunft waren.
Obwohl einige weiße Flecken in der Geschichte der umfangreichen Wolf-Familie getilgt werden, bleibt das eine oder andere Rätsel bestehen. Nichts ist wirklich eindeutig in diesem Film. Aguirre wertet nicht und behält sich Zweifel vor, sodass man sich ein eigenes Bild machen und womöglich auch Parallelen zu eigenen biografischen Zusammenhängen ziehen kann. Selbst in Zeiten von angeblichen Gewissheiten durch DNA-Tests bleibt bei der Erforschung von Familiengeschichte eben doch einiges im Dunkeln. Aguirres unterhaltsame und aufschlussreiche filmische Spurensuche demonstriert dies auf anschauliche Weise.










