Vorstellungen
Filmkritik
Das Erben ist privat wie gesellschaftlich eine äußerst delikate Angelegenheit. Schon Goethe, respektive Faust, wusste: „Was du ererbt von deinen Vätern hast / Erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.“ Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Seit den 2000er-Jahren vererbt die wohlhabende Nachkriegsgeneration ihren Wohlstand an die nachfolgende Generation. Der soziale Status der nach 1970 Geborenen hängt damit oft weniger vom Selbst-Erarbeiteten ab als vielmehr davon, ob und wie viel ver- und ererbt wird. Ein Erbe ist ein konkreter „Startvorteil im Wettlauf des Lebens“, heißt es in „Wir Erben“ einmal dementsprechend. Es ist ein Pfund, mit dem man planen kann, das Sicherheit gibt.
Eine Schweizer Vorzeige-Familie
Dem Filmemacher Simon Baumann gelingt es meisterhaft, beide Aspekte des Erbens zusammenzuzurren, wobei er wiederum Kapital aus seiner eigenen Familiengeschichte zu schlagen versteht. Die Eltern, die hier vererben wollen, sind keine Unbekannten. Ruedi Baumann und Stephanie Baumann-Bieri waren das erste Ehepaar im Schweizer Nationalrat. Der Vater, Jahrgang 1947, stammt aus einer alten Bauerndynastie. Nach einer Landwirtschaftslehre holte er am Abendgymnasium das Abitur nach, um anschließend Agrarwissenschaften zu studieren. Nach kurzer Berufstätigkeit in der Verwaltung übernahm er den elterlichen Hof in Suberg und verwandelte ihn in einen Bio-Hof. Die Mutter, Jahrgang 1951, ein Arbeiterkind, besuchte die Handelsmittelschule und später die Kunstgewerbeschule in Bern. Beide Eltern sind als 68er Bildungsgewinner und soziale Aufsteiger, die sich ab Anfang der 1980er-Jahre auch politisch – in unterschiedlichen Parteien – engagierten. Er als eine Art Vorzeige-Grüner; sie als Sozialdemokratin. Als praktizierende Bauern standen sie der Agrarlobby und dem Schweizer Geschäftsmodell insgesamt kritisch gegenüber. Nach dem Ende ihrer politischen Karriere um die Jahrtausendwende beschloss das Ehepaar, nach Südfrankreich auszuwandern, um dort nach seinen eigenen Vorstellungen ökologisch zu landwirtschaften. Den Schweizer Bio-Bauernhof übernahm der jüngere Sohn Kilian, der auch die Tradition des politischen Engagements bei den Grünen weiterführt. Der ältere Sohn Simon ging eher auf Distanz und wurde künstlerisch tätig: als Filmemacher. Er lebt mit seiner Familie in einer alten Ölmühle in Suberg, die ihm die Eltern offenbar günstig verkauft haben.
Inzwischen sind die Eltern Mitte 70; es stellt sich die Frage, was mit dem Hof in Südfrankreich geschehen soll. Das Leben in der Abgeschiedenheit wird allmählich schwierig. Auch die Bewirtschaftung dürfte künftig zum Problem werden. Und was passiert, wenn Krankheit und Pflegebedarf anklopfen? Einem Drehbuchautor hätte man diese idealtypische Konstellation, die ein profundes soziologisches Experiment gestattet, wohl kaum durchgehen lassen. Hier aber gilt: Das Private ist politisch – und die Widersprüche zwischen den Generationen und Geschlechtern werden auf eine Weise aufgefächert, die nicht nur lehrreich, sondern auch noch humorvoll ist. Die Familien Baumann haben das Problem, eine Luxusdiskussion führen zu müssen, weil so viel Besitz angehäuft wurde, dass es Schwierigkeiten bereitet, über das Auf- und Verteilen zu sprechen. Simon Baumann sagt: „Wir müssen reden, aber ich bringe meine Kamera mit!“ Was soll mit dem Hof und den Ländereien in der Gascogne geschehen, die 1200 Kilometer von der Lebenswelt der Erben entfernt liegen? Vererben? Verkaufen? Verpachten? Verschenken?
Schaffe, schaffe, Häusle-Baue
Letzteres ist keine Option, weil die Eltern eine Wohnung fürs Alter brauchen. Vielleicht in der Schweiz? Vielleicht sogar in der Stadt? In den Gesprächen und Diskussionen innerhalb der Familien werden nicht nur unterschiedliche Haltungen und Prägungen sichtbar, die mitunter sogar klassistisch determiniert sind. Für Vater Ruedi, der als Patriarch alter Schule gerne in sich hineinlächelt und an der Pfeife zieht, ist eigentlich alles ganz klar. Der Hof ist sein Lebenswerk, er bleibt im Familienbesitz. Und was die Zukunft angeht: Hatte die Schwiegertochter nicht mal von einem Mehr-Generationen-Haus gesprochen? Das, so Simon, sei wohl eher aus Höflichkeit geschehen. Hatte Kilian, der auch fürs Vererben ist, nicht gesagt, wenn Vater Ruedi nach Suberg zurückkehre, sei dies der Zeitpunkt für ihn, in die Gascogne zu ziehen? Kilian ist es dann auch, der von der „Schaffe, schaffe, Häusle baue“-Mentalität der älteren Generation spricht, die immer mehr Besitz angehäuft habe, worüber leider der Planet ruiniert wurde. Aus diesen Fehlern müsse man lernen.
Letztlich geht es auch um eine kritische Reflexion der eigenen Privilegien, die einen Unterschied zwischen den Generationen bezeichnet. Simon bringt diese Haltung auf den Punkt: „Ich erbe von meinen Eltern Eigentum und ein Bewusstsein von Gerechtigkeit. Aber die zwei Sachen passen nicht zusammen. Wo ist die Gerechtigkeit, wenn ich Eigentum erbe, und andere nicht?“ Dass man für seine progressiven-visionären Ideen auch mit einer konsequenten persönlichen Haltung bürgen sollte, lehnt selbst die erfrischend pragmatische Mutter Stephanie entschieden ab, „weil es nichts bringt, solange es keine allgemeinen Regelungen gibt“. Simon provoziert das irgendwann zu der großartigen Replik: „Ich finde eure Entschuldigungstrategie für eure Widersprüche nicht ideal!“ Was ein allgemeines Schmunzeln evoziert.
Was man sich leisten kann
Auf diese Weise verschiebt „Wir Erben“ ständig die Perspektiven, entdeckt und benennt einen Komplex von Widersprüchen, die durchaus einsichtig sind, aber trotzdem nicht gelöst werden. Weil auch ein freischaffender Künstler wie Simon Baumann zwar eine moralische Haltung artikulieren, es sich aber eigentlich nicht leisten kann, ein (weiteres) Erbe auszuschlagen. Eine Pointe spart sich der Film bis zum Ende auf: Man sieht Stephanie und Ruedi bei der Besichtigung einer Stadtwohnung. Erstbezug. Stephanie benennt die offensichtlichen Qualitäten: „Einbauschränke. Alles vorhanden! Das kennen wir von uns sonst nicht.“ Ruedi blickt derweil aus dem Fenster ins Suburbane: „Trist, trist, trist.“






