Vorstellungen
Filmkritik
„Das ist unser Mörser“, erklärt Hasan dem Filmemacher Kamal Aljafari, den er durch den Gazastreifen begleitet. Mehrere Minuten lang knallen immer wieder Schüsse durch die Nacht. Hier von israelischer Seite, da von palästinensischer – Hasan kann den Unterschied am Klang der Patronen erkennen. Zu sehen ist wenig; der unruhig geführte Camcorder liefert in der Dunkelheit nur krisselige Bilder. Doch die Anspannung ist spürbar. Nach einer Weile filmt Aljafari ein Kinderzimmer, während draußen weiter geschossen wird. Dann einen Anwohner, der auf dem Boden vor einem Fernsehgerät sitzt und Basketball schaut. Der Schrecken hat offenkundig eine gewisse Alltäglichkeit. Entstanden sind diese Aufnahmen aus Gaza im Jahr 2001, zur Zeit der Zweiten Intifada.
Die Suche nach einem Freund
Gut zweieinhalb Jahrzehnte nach ihrer Erstellung hat der in Berlin lebende palästinensische Regisseur Kamal Aljafari die drei MiniDV-Kassetten wiederentdeckt, die er bei seiner Reise durch Gaza aufgenommen hat. Ursprünglich war das Material als interne Dokumentation seiner Suche nach einem Freund gedacht, den er 1989 im israelischen Jugendarrest kennengelernt hatte. Vor dem Hintergrund des aktuellen Israel-Gaza-Kriegs gewinnen die damals aufgenommenen Szenen eine neue Dringlichkeit als Dokumente einer verlorenen Zeit. Ein Großteil der im Bild anwesenden Menschen lebt wahrscheinlich nicht mehr. Die Häuser liegen in Trümmern. „Das ganze Gebiet hier waren Bäume“, sagt Hasan schon 2001. Die gegenwärtige Situation im Gazastreifen schwingt bei der Betrachtung der alten Bilder immer mit – und verleiht dem Dokumentierten Relevanz.
Die Suche nach dem Freund, die vom Norden in den Süden führt, verläuft im Sand, bietet aber den Anlass für einen Streifzug durch den Gazastreifen. Hasan fährt den Regisseur zwei Tage lang mit dem Auto durch das Gebiet. Die Reise beginnt an einem Grenzübergang, führt über kleinere Camps und ein Industriegebiet nach Gaza-Stadt, wo sich auf dem Markt Menschen zwischen Gemüse drängen. Die wenigsten Geschäfte würden nicht öffnen, erklärt Hasan, „weil niemand kommt.“ Die ökonomische Situation sei schlecht seit der Intifada. Am Strand spielen Kinder mit einem toten Fisch.
Zufällige Begegnungen wie mit den Kindern prägen den Verlauf des Roadtrips, den der Film „Mit Hasan in Gaza“ chronologisch zeigt. Von der Stadt führt der Weg weiter in verschiedene Flüchtlingslager. Unverputzte Betonwände, Zelte, ein Panzer, lose Steine, Staub, Trümmer. Nach und nach entsteht eine Topografie des Gazastreifens, der seit Jahrzehnten vom Krieg gezeichnet ist. „Die ganze Situation ist schrecklich“, sagt Hasan, während Bilder der untergehenden Sonne mit einem palästinensischen Liebesschlager unterlegt sind.
Auf den Spuren des Direct Cinema
Die visuelle Dokumentation steht dem Direct Cinema nahe. Die verwackelten Camcorder-Bilder sind so roh und direkt wie die weitgehend unbehandelte Tonspur. Aljafari filmt vom Rücksitz des Autos aus mit, schwenkt zum Seitenfenster raus oder durch die verschmutzte Frontscheibe. Immer wieder ist die Kamera auf den Boden gerichtet und sucht erst ein passendes Bild. Reißschwenks, Unschärfen, Zooms. Alles wirkt spontan. Wie in Echtzeit.
Manche Straßen sind menschenleer, auf anderen versammeln sich viele Menschen, die meisten davon sind jung. Hie und da kommt es zu kurzen oder längeren Interaktionen. „Kann ich euch filmen?“, fragt Aljafari ein paar Männer, die auf Plastikstühlen in einem improvisierten Café sitzen, Karten spielen und rauchen. „Das ist kein Leben“, klagen ein paar Frauen, die seit dem Ausbruch der Intifada in Zelten schlafen und das Loch in der Decke ihres Wohnhauses dokumentiert wissen wollen, in das letzte Nacht eine Granate eingeschlagen ist. Fröhlich und unbeirrt wirken nur die Kinder, die häufig in Gruppen die Nähe der Kamera suchen. „Mach ein Foto von uns!“
Die Politik bleibt lange außen vor, schwingt aber in jedem Bild mit. „Nimm die Kamera runter“, sagt Hasan dem Regisseur in der Nähe eines israelischen Militärpostens, weil die Soldaten die Kamera für eine Waffe halten könnten; dazu läuft eine spannungssteigernde Musik, die die Soldaten als Bedrohung für Leib und Leben markiert. Die Palästinenser werden einmal als „Häftlinge ohne jegliche Verwaltung“ bezeichnet, Gaza als „das größte Gefängnis der Welt“. Mit solchen Einlassungen prangert Kamal Aljafari das humanitäre Leid im Gazastreifen immer offener an. Unhinterfragt bleiben die Hamas und ihr Terror im Zuge der Intifada.
Von den Betroffenen ist eine abwägende Sicht wohl eher nicht erwartbar. Auch wenn die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen durchaus ausreichen, um das von beiden Seiten verantwortete Unrecht gleichermaßen zu benennen. „Mit Hasan in Gaza“ aber wandelt sich von einer reinen Bestandsaufnahme zu einer Anklage gegenüber Israel. Die eigentliche Stärke des Films, als historisches Dokument Gedanken anzustoßen, geht dabei etwas unter.










