Vorstellungen
Filmkritik
Ihr Name ist nur ein Buchstabe. Nicht von ungefähr. Denn M (Rachel Weisz) hat Grund zur Diskretion. Der Grund hat einen Namen, denselben Namen wie Julia May Jonas’ Roman und die gleichnamige Serie: Vladimir. Der ist bereits in der ersten Szene an einen Stuhl gefesselt. Bevor man erfährt, warum der junge, gutaussehende Mann sich in Ms Gefangenschaft befindet, gibt die Protagonistin, eine anerkannte Literaturprofessorin, mit direktem Blick in die Kamera eine Tour durch ihr Leben.
Sie leitet den gefragtesten Kurs in der Fakultät: kreatives Schreiben. Sie macht den besten Salat. Zumindest war es mal so. Die Bilder erzählen nämlich etwas anderes: Der Salat bleibt unangetastet, und ihre Student:innen stolpern nicht mehr übereinander beim Versuch, sie zu beeindrucken. M ist alt geworden. Ihre falsche Erzählung ist dennoch keine Lüge. Sie ist Fiktion. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Denn die Fiktion ist der Grundbaustein von „Vladimir“. Der doppelte Boden, auf dem Showrunnerin Kate Robin die Protagonistinnen ihr kleines, gemeines Spiel spielen lässt. Die Fiktion ist Ms Beruf: früher in Romanform – das erste Buch war ein Hit, das zweite wurde kaum beachtet –, heute in Form der Lehre. Kreatives Schreiben und ein Seminar zu Frauenliteratur des frühen 20. Jahrhunderts sind ihr täglich Brot.
Fantasien mit dem Neuzugang
Fiktion ist das, was sie den Zuschauern erzählt. Sogar ihr Name – M – ist eine Anspielung auf den Buchstaben als Platzhalter der Literatur der letzten Jahrhunderte. Nur eins ist die Fiktion eben nicht: Realität. Die sieht folgendermaßen aus: M begehrt Vladimir (Leo Woodall), genannt Vlad. Der Nachwuchsdozent und seine Frau Cynthia (Jessica Henwick) sind die Neuzugänge in der Literaturabteilung. Sie sind junge Eltern und Autor:innen; modern, erfolgreich, charmant und verdammt sexy. Das sieht nicht nur M so, die bei der ersten Begegnung mit Vlad direkt in die erste von zahllosen sexuellen Fantasien abgleitet. Sogar Ehemann John (John Slattery) meint, der neue Dozent sähe noch besser aus als er damals.
John hat einen Blick für schöne Körper. Das ist alles andere als unproblematisch. Der ehemalige Fachbereichsleiter für Lyrik hatte diverse Affären mit Studentinnen, die sich gerade in Form einer Anhörung wegen sexuellen Fehlverhaltens manifestieren. Für M sind die Eskapaden des Ehemanns nichts Neues. Ihre Ehe war immer offen für Seitensprünge, Affären und alle Arten von außerehelichen Abenteuern. „Open Marriage“ nennen es die Student:innen. Für M und John steht mehr dahinter – mehr Schmerz, mehr Pragmatismus, mehr Komplikationen, vor allem aber auch mehr moralischer Spielraum. Für die aktuelle Generation von Studierenden, die sexuell deutlich verschlossener erscheint und sich über für M gänzlich fremde Begriffe wie gynosexuell definiert, ist eben dieser Spielraum deutlich kleiner geworden. Oder eben klein genug, um Beziehungen zwischen Dozent:innen und Student:innen nicht mehr als einvernehmlich und damit akzeptabel anzunehmen.
Karrieren stehen auf dem Spiel
Die dazugehörige Diskrepanz treibt den Plot von „Vladimir an“: Die Karrieren von M und John stehen auf dem Spiel. Seine aus offensichtlichen Gründen, ihre, weil sie nach Meinung der Fakultät und der Studentenschaft ihrem Ehemann allzu sehr den Rücken deckt. Was die achtteilige Serie aber eigentlich umtreibt, ist die Fiktion, in die sich M verliert, statt sich selbst um einen moralischen Standpunkt zu bemühen. Die Fiktion wird eben dort interessant, wo es über die Grenzen der Moral hinausgeht.
Tatsächlich ist auch die Serie deutlich spannender, wenn der diskursive Unterbau der Fiktion des Begehrens weichen muss. Sie füllt Ms Leben, das fast unmerklich im Alter, in den Routinen und in der Schreibblockade festgefahren schien, mit neuem Leben. Jede Begegnung mit Vladimir löst neue Wellen sexueller Fantasie aus: Seine Waden, seine unter dem perfekt anliegenden Wollpullover sichtbare Körperdefinition, sein Adamsapfel werden unausweichliche Fixpunkte für die Kamera, die sich Ms Fantasie verschreibt. Jedes Aufeinandertreffen zwischen M und Vlad bekommt eine eigene, imaginierte sexuelle Eskapade, Ms Leben erhält endlich neue Leidenschaft, und die ansonsten eher dahinplätschernde Erzählung von Midlife-Crisis, Sexualmoral, Alter und moderner Weiblichkeit bekommt die notwendige zusätzliche Ebene.
Manchmal reicht ein schlichtes Emoji
Es ist an M, alles beiseitezuräumen, was ihrer Erzählung von sich und Vlad in den Weg kommt. Er selbst scheint ihr zugeneigt genug. Doch die Fantasie stößt wieder und wieder in gehoben bösartiger Form des Humors an ihre Grenzen: Der schnarchende Ehemann stört bei der Selbstbefriedigung, die übereifrige Kollegin torpediert die Zweisamkeit mit Vlad in der für M sonst völlig uninteressanten Arbeitsgruppe für achtsamen Umgang mit den Studierenden, und manchmal reicht ein schlichtes Emoji, um der gerade wieder aufflammenden erotischen Imagination einen Riegel vorzuschieben. Am Ende wird dennoch jemand gefesselt. Moralisch vertretbar ist das freilich nicht, aber immerhin ein wenig sexy.