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Filmkritik
Die 19-jährige Alyssa (Eya Bellagha) geht noch zur Schule, muss sich aber um ihre jüngere Schwester Zeineb (Zeineb Neji) und ihre labile Mutter (Lobna Mlika) kümmern, die den Tod ihres Mannes nicht verkraftet. Seitdem steht die Schreinerei leer, in der sich Alyssa oft aufgehalten hat. Die impulsive Oberschülerin sieht in Tunis keine Zukunft mehr und möchte nach Europa. Sie verbringt viel Zeit mit ihrem 23-jährigen Nachbarn Mehdi (Slim Baccar), der ihrem sterbenden Vater versprochen hat, sich um sie zu kümmern. Mehdi hat einen IT-Hochschulabschluss, findet aber trotz vieler Anläufe keinen ordentlich bezahlten Job. Dafür muss er sich von seiner Familie heftige Vorwürfe anhören. Der zurückhaltende junge Mann ist ein begabter Zeichner und hofft, eines Tages von seiner Kunst leben zu können.
Als Alyssa ein Plakat zu einem Kunstwettbewerb auf der Insel Djerba entdeckt, bei dem ein sechsmonatiger Aufenthalt ausgelobt wird, überredet sie Mehdi, sich zu bewerben. Und entwickelt eine kühne Idee: Wenn der Autodidakt den Hauptpreis gewinnt, soll er nach Deutschland gehen, sie heiraten und nachholen. Sobald Medhi für den Wettbewerb zugelassen wird, brechen die beiden Träumer nach Djerba auf. Da jedoch die Busfahrer streiken und sie kaum Geld haben, stiehlt die clevere Alyssa dem Gangsterboss des Viertels spontan die Schlüssel seines Autos. Es ist nicht das letzte Abenteuer auf ihrem Roadtrip.
Ebenso intensiv wie platonisch
Anders als man zunächst annehmen würde, sind Alyssa und Mehdi kein Liebespaar. Die beiden kennen sich seit Kindesbeinen, hängen gemeinsam ab und vertrauen sich viele Geheimnisse an. Sie behandeln einander wie Geschwister. In ihrem ersten langen Spielfilm „Wohin der Wind uns trägt“ wollte die Regisseurin Amel Guellaty gezielt von keinem Liebesdrama, sondern einer geschlechterübergreifenden Freundschaft erzählen, die ebenso intensiv wie platonisch ist. Im arabischen Kulturkreis, in dem oft eine klare Trennung zwischen den Geschlechtern herrscht, ist das ein prägnantes gesellschaftskritisches Statement. Bei Guellaty hier dürfen Mann und Frau Freunde sein, ohne eine sexuelle Beziehung zu haben.
Weil Mehdi und Alyssa aber so konträre Persönlichkeiten sind, entspringen ihrer Freundschaft viele Reibungsflächen und Konflikte, die nicht zuletzt die Filmhandlung vorantreiben. Mehdi ist hilfsbereit und geduldig; er handelt vorsichtiger und vernünftiger als Alyssa und übernimmt für beide Verantwortung. Die temperamentvolle junge Frau handelt dagegen in ihrer Naivität oft spontan, eckt damit an, kann sich aber trickreich mit großem Einfallsreichtum aus Notlagen befreien. Eya Bellagha und Slim Baccar spielen das ungleiche Duo mit bemerkenswerter Intensität; sie machen ihre außergewöhnliche Vertrautheit jederzeit glaubhaft. Beachtlich ist vor allem die Souveränität, mit der sie die Stimmungslagen wechseln. So können sie auch das Wechselbad der Gefühle zur Anschauung bringen, das der schmerzhafte Prozess der Selbstfindung und das Herantasten ans Selbstvertrauen mit sich bringt.
Von Europa träumen
Mit ihren Ambitionen und Sehnsüchten stehen Alyssa und Mehdi zugleich für die junge Generation in Tunesien, einem Land, das nach dem kurzen Aufblühen während des sogenannten Arabischen Frühlings wieder demokratische Rückschritte erlebt hat. Vor dem Hintergrund der politischen Stagnation wirkt die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten umso frustrierender. Vor allem Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen finden seit Jahren nur schwer oder gar keine adäquate Arbeit. Auch deshalb träumen viele Tunesier von Europa oder wandern dorthin aus.
Dass Medhi und Alyssa repräsentativ zu verstehen sind, weil sie zwischen Tradition und Fortschritt einen Platz im Leben suchen, bestätigt sich in einem Statement eines deutschen Kunstexperten. Als Juror lobt er bei dem Wettbewerb Mehdis surreal überhöhtes Porträt von Alyssa, das wegen einer Beschädigung einen schwarzen Klebstreifen über ihrem Mund trägt: „Dieses Bild steht für sie und eine ganze Generation.“
Bei Alyssa entlädt sich der Frust über die begrenzte Freiheit als Frau und die männliche Dominanz gelegentlich in surreal anmutenden Fantasien, die durch leuchtende Farben markiert sind. Die Bandbreite reicht dabei von eher spielerisch wirkenden Imaginationen, wenn dem Ohr eines schlafenden Jungen farbig schillernde Dämpfe entsteigen, bis zu satirischen Zuspitzungen, wenn die Männer in einem Café plötzlich pastellfarbige Kleidung tragen, weil sie Alyssa und ihrem bauchfreien roten T-Shirt nachgestarrt haben. Noch drastischer wirkt eine Szene, in der Alyssa bei einem Besuch Medhis reiche Verwandte mit Schweineköpfen imaginiert – eine echte Provokation in einem muslimisch geprägten Land.
Soziale Verwerfungen & politische Misere
Begleitet werden Alyssas Tagträume wie auch die lange Autofahrt entlang der Küste durch mal klassische arabische Lieder, mal zeitgenössische Indie-Musikstücke. Insgesamt wirkt das Road Movie in seinem Erzählton aber etwas uneinheitlich. Während anfangs komödiantische Töne vorherrschen, verschieben sich die Akzente über dramatische Intermezzi bis zum melancholischen Finale. Diese Stimmungswechsel beeinträchtigen das Generationenporträt aber nur marginal, da es die sozialen Verwerfungen und die politische Misere des Landes mehrfach anreißt, ohne diese in den Vordergrund zu zerren.




