Vorstellungen
Filmkritik
Das kleine Dorf Lützerath, westlich von Köln unmittelbar an der Abbruchkante zum Braunkohletagebau Garzweiler II gelegen, existiert nicht mehr. Im Unterschied zum Hambacher Forst, der Anfang der 2020er-Jahre nach monatelangen Protesten von der „Abbaggerung“ verschont blieb, wurde der kleine Weiler im Januar 2023 von der Polizei geräumt und in den Wochen danach dem Erdboden gleichgemacht; Bilder aus dem besetzten Dorf, in dem sich Aktivist:innen und Klimaschützer:innen zusammen mit dem Landwirt Eckardt Heukamp gegen den Abriss wehrten, dominierten damals wochenlang die Medien. Zu Beginn des Dokumentarfilms „Wolken über Lützerath“ sieht man solche Fernsehaufnahmen von martialisch gerüsteten Hundertschaften der Polizei, die Menschen aus Baumhäusern zerren oder in weiße Maureranzüge gekleidete Demonstranten zusammenprügeln, während am Himmel Hubschrauber kreisen oder im Hintergrund bereits die Bagger ihre Schaufeln in Dächer krachen lassen.
Erinnerungen für die Zukunft
Doch das sind nur Momentaufnahmen, denn der Filmemacher Lukas Reiter beabsichtigt keine historische Dokumentation über den Widerstand. Er bedient auch keine nostalgische „Lützi lebt“-Folklore und will auch nicht mit denen abrechnen, die schuld am Ende von Lützerath – und damit am steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre – sind. Es geht ihm, der das letzte halbe Jahr selbst in dem Dorf lebte und filmte, vielmehr um eine Erinnerung, die produktiv werden kann. Deshalb entwirft er ein sehr lebendiges, vielfältiges und differenziertes Bild der Monate vor dem Ende des „letzten Dorfes“, vor allem von den Menschen in den besetzten Häusern, aber auch vom Zeitgeschehen und was man aus der Niederlage im Kampf gegen die Klimakatastrophe lernen kann.
Das wichtigste Element ist dabei zweifellos die unaufgeregte Leichtigkeit des Films, die jedes Pathos und jede Verbissenheit meidet, gepaart mit einer Prise Humor und mitunter durchaus selbstkritischen Reflexionen des Filmemachers über seine Position zwischen Teilnahme und distanzierter Beobachtung. Scheinbar mühelos verbindet Lukas Reiter Szenen aus dem Dorfleben, atmosphärische Momentaufnahmen, Interviews, Begegnungen und Diskussionen sowie Ausschnitte aus Fernsehnachrichten oder dem Bundeskongress der Grünen im Herbst 2022, als ein Antrag, die Räumung des Dorfes zu verschieben, nur hauchdünn scheiterte.
Dazu kommen drei clever ausgewählte Protagonistinnen, die für entscheidende Dimensionen des Kampfs um Lützerath als ein Symbol der „1,5-Grad-Grenze“ stehen: die Aktivistin Blinker, die „Pressefrau“ Ronni Zeppelin sowie die Grünen-Politikerin Kathrin Henneberger als parlamentarischer Arm des Protestes. Blinker, die ihr Gesicht stets mit einem ockergelben Schal verhüllt, steht für die aktivistische Energie, sich nicht dem Schicksal zu ergeben, sondern tatkräftig anzupacken, um den Bau von Barrikaden zu koordinieren oder die Logistik im Dorf zu organisieren. Die Bundestagsabgeordnete Henneberger verdeutlicht den Spagat zwischen zivilem Ungehorsam und dem Rechtssystem, wozu nicht nur Einfallsreichtum, Witz und Beharrungsvermögen gehören, sondern auch die Kunst, an Niederlagen nicht zu zerbrechen.
Bilder und kluge Slogans
Die wichtigste Gesprächspartnerin aber ist Ronni Zeppelin, die schon im Hambacher Forst Erfahrungen mit den Medien sammelte und in Lützerath zum Gesicht des Widerstands wurde. Mit sympathischer Klarheit legt sie die Strategien offen, mit denen sie die Anliegen der Klimabewegung medial platziert. Und demonstriert mit einer Fülle von Beispielen die Kunst, immer wieder auf die fundamentalen Anliegen des Widerstands gegen die Braunkohle zu sprechen zu kommen: die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels, globale Klimagerechtigkeit und der Kampf um das Überleben des Planeten. Deutlich wird dabei auch, wie sehr politische Prozesse von Bildern, Aufmerksamkeiten und geschickten Slogans abhängen, die komplizierte Zusammenhänge auf griffige, leicht zu kommunizierende Formeln bringen.
Hinzu kommen Ausschnitte aus Diskussionsrunden und Veranstaltungen mit politisch Verantwortlichen, in denen auch argumentativ Aspekte anklingen, warum der Beschluss des Bundestages, die Braunkohleverstromung bis zum Jahr 2030 einzustellen, angesichts des russischen Ukraine-Überfalls dem RWE-Konzern aber das Gebiet um Lützerath zur Ausbeutung zu überlassen, ein fauler Kompromiss war.
Das größte Verdienst von „Wolken über Lützerath“ liegt jedoch darin, dass dem Film der Spagat zwischen Klima-Aktivist:innen und einer bürgerlichen Öffentlichkeit gelingt. Exemplarisch blitzt das in einer „Tagesschau“-Meldung auf, die von einigen Dutzend verletzten Beamten bei der Räumung des Dorfes berichtet, während man als Zuschauer längst um das Heil der Menschen in den Baumhäusern fürchtet. Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel, der den Widerstand um Lützerath und die damit verbundenen Themen aus der Ecke verbohrter Idealisten holt und für weitere Kreise anschlussfähig macht. Die Rebellion von Aussteigern wie Blinker, Ronnie & Co., die es mit mächtigen Konzernen und den politischen Entscheidungen der Parlamente aufnehmen, erscheint plötzlich in einem anderen Licht.









