Vorstellungen
Filmkritik
Man sollte Heavy Metal schon mögen. Wenn man den Film „Wolves“ anschaut, sieht man einen Erlebnisbericht über Proben, Touren, Konzerte einer Black-Metal-Band, einem Subgenre des Heavy Metal, das so laut und dröhnend daherkommt, wie Metal das eben macht. Es gibt also viel krachende Musik, gleichzeitig allerdings bekommt man eine Milieustudie, einen Einblick in die Metal-Kultur und deren Unterschiede. Man lernt etwas über die Eigenarten innerhalb des Genres, denn gerade Black Metal arbeitet mit politischen Inhalten. Es gibt anarchische, linke Bands, das wird hier durchaus erwähnt. Aber die Idee, die den Film von Jonas Ulrich vorantreibt, ist der Schritt nach rechts – Bands oder deren Mitglieder, die sich weit an den rechten Rand stellen, die mit Texten, Symbolen und sonderbar esoterischer Welterklärung auf den Nationalsozialismus zurückgreifen.
Die Schallplatte mit dem Hackebeil zerlegt
Vorerst allerdings ist Ideologie dem Musikerlebnis so fern wie möglich, es gibt bloß eine harmlose Fan-Perspektive: Luana (Selma Kopp), eine junge Frau um die zwanzig, mit wenig sozialen Kontakten, hat als einziges Amüsement in ihrem Leben die Band ihres Cousins Domi (Fabian Künzli). Die heißt WLVS, der Stil ist Black Metal, er ist Schlagzeuger, und Luana fährt gern in den Übungsraum, um zuzuhören, wie er mit seinen Freunden Krach macht. Dabei kommt es einmal zu einem kurzen Gespräch über NSBM-Bands, über die nationalsozialistisch orientierte Richtung der Musik also, und das endet, indem Domi eine Schallplatte solcher Herkunft mit dem Hackebeil zerlegt. Da ist die Haltung von WLVS klar.
Luanas Interesse steigt sprunghaft, als die Band einen neuen Sänger ausprobiert, Wiktor aus Polen (Bartosz Bielenia). Er macht seine Sache nicht schlecht, benimmt sich wie ein Hexenmeister, schreit messianisch im Bühnennebel herum, die Dramatik seines Auftritts geht an Luana nicht vorüber. Die Geschichte spielt in Zürich, das muss man dazusagen, dieser extrem undramatischen Stadt, in der jeder Metal-Song noch wilder erscheint als anderswo, besonders, wenn man wie Luana tagsüber in einer Kita arbeitet und abends bei der grauen Mutter in der Wohnung sitzt. Wiktor verspricht Rettung aus der anbrandenden Biederkeit, das kann man schon verstehen.
Nicht wirklich zuhause zwischen den derben Musikern
Entsprechend hartnäckig bemüht sich Luana um den Mann. Er ist nicht sonderlich willig, das hält sie nicht ansatzweise ab. Andererseits ist sie schüchtern, nicht wirklich zuhause zwischen den derben Musikern, das spielt der Film über lange Zeit als schönen Kontrast aus. Luana setzt ihren Willen durch, mit der Band auf eine kleine Tour zu gehen, auf eine Schweiz-Reise, bei der sie den Social-Media-Auftritt der Band überhaupt erst herstellt. Das ist der offizielle Grund ihrer Anwesenheit. Die Wahrheit ist, dass sie eine Chance braucht, möglichst unauffällig um Wiktor herumzulungern, immer mit Desinteresse im Blick, Verletzlichkeit an den Mundwinkeln. Man blickt sehr realistisch auf ihre Jugend und den Kampf um Selbstbewusstsein, an Schmerz lässt es Regisseur Jonas Ulrich dabei nicht mangeln.
Der Film ist in drei Kapitel eingeteilt. „Rituals“, „Symbols“, „Void“ heißen sie, und der Name ist Programm. Man ist mit den WLVS auf ein paar recht authentischen Konzerten, das Publikum ist angetan, die Band auch. Dann verschiebt sich etwas, Wiktor gibt häufiger den Ton an, das führt zu Auftritten, bei denen die Band verunsichert wird. Er bringt sie in Räume, die sonderbar wirken, mehr Garage als Livemusik-Kneipe, mit ähnlich sonderbarem Publikum. Neben den Ritualen eines Konzerts werden Symbole einer politischen Haltung sichtbar, in den Postern an der Wand, in den Tattoos von Wiktor, in den Nazi-Gesten der Fans. Da ist der Film spannend, er deckt das alles zögerlich auf, wie man eben in Situationen eindringt, in die man nicht hereingebeten wird.
Sie treibt es ordentlich weit
Danach verlässt die Band die Geschichte, Domi hat kein Interesse an Nazis, wie man ja schon weiß. Es ist Luana, die den Rest des Films tragen wird. Mit derselben Hartnäckigkeit, mit der sie sich Wiktor näherte, behält sie den Zugriff auf ihn. Natürlich ignoriert sie Ratschläge aller Art, aber sie ignoriert auch die Ereignisse, in denen sie drinsteckt. Sie ist willens, Wiktor zu folgen, und sie treibt es ordentlich weit. Man trifft mit ihr Wiktors Umfeld – internationale Musiker, Schweizer Bauerntöchter, Freunde okkulter Feierlichkeiten, ein breites Spektrum politisch rückwärtsgewandter Idioten.
Dabei bleibt der Film nah am Erwartbaren, er bringt keine bisher undokumentierten Geheimnisse der rechten Black-Metal-Szene ins Spiel. Aber darum geht es gar nicht vordringlich. Jonas Ulrich will lieber zeigen, wie lang eine Frau die Augen verschließen kann, bevor sie die endlich selbstbestimmt öffnet und aus dem, was sie sieht, die richtigen Schlüsse zieht.


