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Filmkritik
Deutsche Vorschriften: Tagtäglich muss Evin (Bayan Layla) diese Geißel über sich ergehen lassen. Dabei zieht sie immer den Kürzeren. Es fängt damit an, dass die aus dem kurdischen Teil von Syrien geflüchtete Frau ihre Berechtigungskarte für eine Lebensmittelausgabe vergessen hat und nicht in die Einrichtung gelassen wird, obwohl man sie dort kennt. Bitten und der Appell an die Vernunft helfen nichts, und so muss sie unverrichteter Dinge wieder abziehen. Davor kommt es allerdings zu einem Tumult. Denn als ein anderer Bedürftiger Evin in der Schlange rassistisch beleidigt, schreitet Laura (Luise Aschenbrenner) aggressiv ein. Sie ist seit Kurzem Freigängerin aus dem Gefängnis und sollte sich eigentlich unauffällig verhalten; doch sie will gegen die Ungerechtigkeit ankämpfen. Schließlich wird die Polizei gerufen, und die junge Beamtin Julia (Lea van Acken) muss schlichten.
Schwer nachvollziehbare Notlagen
In den ersten Minuten des Dramas von Milena Aboyan und Constantin Hatz treffen die drei Protagonistinnen aufeinander. Sie kannten sich vorher nicht und haben auch im Laufe des Films nur entfernt durch Dritte miteinander zu tun. Der Film begleitet die drei jungen Frauen fortan zu gleichen Teilen und schildert ihren Alltag und ihre Probleme. Alle befinden sich in Notlagen, die für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar sind. Evin wohnt mit ihrer Familie in einem Flüchtlingsheim. Sie lernt Deutsch, ist als Ringerin in einem Sportverein aktiv, und doch sind ihr die Hände gebunden. Sie hat zwar eine Duldung für Deutschland, aber keine Arbeitserlaubnis.
Laura dagegen hat sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht; eine Person kam dabei zu Tode. Laura ist unbeherrscht, gerät scheinbar aus dem Nichts in wütende Zustände und randaliert dann wild. Dennoch ist sie auf ihre Reintegration in die Gesellschaft gut eingestellt. Sie macht ein Praktikum in einem Tierheim und würde dort weiterbeschäftigt werden. Aber nicht zuletzt eine schwierige Beziehung zu ihrer strengen Mutter lastet wie ein dunkler Fluch auf ihr.
Julia wiederum wohnt mit ihrem Mann in einer schicken Wohnung, hat ein kleines Kind und scheint im Leben angekommen. Doch wenn sie zu Hause ihre Polizeiuniform abstreift, sieht man blaue Flecke an ihrem Körper. Ihr Ehemann Christian (Louis Nitsche), ein Deutschlehrer, schlägt sie – und Julia hat keine Handhabe dagegen. Nach außen hin ist ihr Gatte jovial und hilfsbereit. Doch hinter der Fassade steckt ein schwacher, gewalttätiger Mann.
In Deutschland fühlt sie sich nutzlos
Auf ihre Weise schwanken alle drei Protagonistinnen zwischen Hoffnungen und der Realität. Alle sollten aufgrund ihres Alters und ihrer Talente bestens für das Leben ausgestattet sein. Doch sie nehmen das Leben schwer, und das aus guten Gründen. Kriege sind eine Ursache für ihr Leid. Evin war einst Kämpferin in einer kurdischen Frauenarmee. Regelmäßig zoomt sie mit ihrer ehemaligen Kommandeurin, erhält aber nur schlechte Nachrichten von der Front. In Deutschland fühlt sie sich nutzlos. Das Engagement ihres Bruders, hier für die kurdische Sache zu demonstrieren, kann sie nicht ernst nehmen.
Lauras Mutter (Valery Tscheplanowa) wiederum hat im Jugoslawienkrieg Schlimmes erlebt, ihrer Tochter aber nie Konkretes erzählt. Wegen ihres jugoslawischen Namens musste Laura in der Schule Referate über den Krieg halten, von dem sie genauso wenig wusste wie ihre Mitschüler. Das Mutter-Tochter-Verhältnis ist angespannt, die beiden können kaum miteinander reden. Auch hat die Mutter Laura nie im Gefängnis besucht. Sie ist sehr streng mit ihr und nimmt sie gegen ihren Willen zu Sitzungen in ihrer Gemeinde mit.
Beide junge Frauen fühlen sich allein gelassen und missverstanden. Beide reagieren durch ihre Hilflosigkeit aggressiv. Julia geht es nicht anders. Sie lebt in ständiger Angst vor Christian, der ein komplexbehafteter und dadurch besonders dominanter Mann ist. Doch wegen des Kindes und weil ihr wohl niemand glauben würde, kann sie nicht aus dem Ehegefängnis ausbrechen. „Wovon sollen wir träumen“ untersucht die psychologischen Mechanismen, die die Figuren hemmen. Evin und Laura leiden an den Traumata, die sie in zweiter Generation durch direkte Kriegshandlungen oder deren Folgen durchleben. Julia fühlt sich allerdings nicht minder ohnmächtig.
Wie klein die Welt ist
Zwischendurch kreuzen sich die Wege der drei Frauen indirekt durch gemeinsame Weggefährten, Familienmitglieder oder Bekannte. So muss Evin für eine Sprachprüfung bei Christian vorsprechen; Julia schaut einen Dokumentarfilm an, in dem Laura interviewt wird, weil sie mit der Regisseurin befreundet ist. Julia muss eine Abschiebung in Evins Flüchtlingsheim durchsetzen, während Julias Mutter in einer Eisdiele versucht, sich für Evin einzusetzen, die schon wieder an deutschen Vorschriften verzweifelt. Die Drehbuchautoren wollen damit veranschaulichen, wie klein die Welt ist, wie eng wir miteinander oder aneinander vorbeileben und wie wenig wir unsere Geschicke bestimmen können.
Dabei thematisiert der Film wichtige Themen wie Rassismus, vom deutschen Staat mitverursachte Integrationsprobleme oder die Tabuisierung von häuslicher Gewalt. Er übertreibt es allerdings mit dem Elend der Heldinnen. Die Lebensentwicklungen von Evin, Laura und Julia nehmen immer dunklere Züge an. Die Ballung von Trübsal, Kummer und Leid führt dazu, dass man nach der Hälfte des Films Mühe hat, den stets wütenden und geplagten Protagonistinnen länger zuzusehen. Zwar klären sich einige persönliche Geheimnisse auf, doch das vertieft die Gräben eher noch mehr. Dass die drei dann jede auf ihre Weise ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, erscheint am Ende wenig plausibel. Nichts deutet darauf hin, dass die Schicksalsgeplagten plötzlich den Weg zur Selbstbestimmung finden.
Doch ganz eindeutig geht es am Ende nicht zu. Zwischen filmisch stilisiertem Wunschdenken und weiblicher Selbstermächtigung ist es manchmal nur ein schmaler Grat. Am Ende gilt das Motto eines kurdischen Sprichworts: „Es ist nicht die Last, die dich zerbricht, sondern deine Art, sie zu tragen.“






