Vorstellungen
Filmkritik
Aus dem Off dringen Stöhnen und metallenes Quietschen. Reingefallen! Kein Sex. Stattdessen: Ein Mann wird auf einem Marktplatz öffentlich gehängt. Die Menge, darunter Catherine Earnshaw (Margot Robbie), ein wildes Gör mit blonder Lockenmähne, begafft das Spektakel mit einer Mischung aus Schauer und Lust. Kurz bevor der Körper, über den man einen Sack gestülpt hat, zu zappeln beginnt, regt er sich mit einer Erektion, dann strömt Urin. Die Party beginnt. „It’s fucking hanging day!“
„Wuthering Heights“ von Emerald Fennell zählt nicht zu den Literaturverfilmungen der feinen oder gar feinfühligen Sorte. Kurz nach der Eröffnungssequenz, die auf die folgenden Erregungen und Zerstörungen einstimmt, wird erst mal das Erbrochene des polternden Hausherrn eimerweise aus der Stube gekippt. Das im kargen Hochland Yorkshires gelegene Gut Wuthering Heights, in dem die düstere Geschichte um Catherine und den vom gewalttätigen Vater auf den Straßen aufgelesenen Heathcliff (Jacob Elordi) ihren Anfang nimmt, ist mehr Fantasy-Kulisse als Historienbild. Schiefe, expressionistische Architekturen und Blickwinkel, dunkle Farben, Gothic-Atmosphären, dazu donnernde Musik. Das Setting erinnert zunächst an die Filme von Tim Burton.
Gestutzt & aufgepimpt
Schon der in Anführungszeichen geschriebene Titel, aus gezwirbelten blonden Haarsträhnen ins Bild gesetzt, signalisiert Distanz zur literarischen Vorlage. Fennells Interpretation steht den romantischen Verklärungen früherer Adaptionen ebenso entgegen wie der rauen und gleichermaßen taktilen Nüchternheit der Adaption von Andrea Arnold aus dem Jahr 2011. Die englische Regisseurin Emerald Fennell, bekannt für hintergründige visuelle Opulenz, hat den gleichnamigen Roman von Emily Brontë gleichermaßen gestutzt wie aufgepimpt. Eine Rahmenhandlung existiert nicht mehr. Catherines gewalttätiger Bruder wurde gestrichen und in die Vaterfigur inkorporiert, der Zeitrahmen, der sich bei Brontë über drei Generationen erstreckt, radikal eingedampft.
Viel Aufregung gab es schon im Vorfeld über die Besetzung. Zu weiß, zu blond, zu alt. Andrea Arnold hatte die als „dunkel“ beschriebene Heathcliff-Figur, die nicht frei von Stereotypen über das „Wilde“ ist, in ihrem seinerzeit gegenwärtig anmutenden Film mit einem schwarzen Schauspieler besetzt und so sein Außenseitertum mit einer Rassismus-Erfahrung verknüpft. Der schöne Australier Jacob Elordi dagegen, der beim Holzhacken auch mal sein Hemd ablegt, verkörpert mit wildem Haar, Goldzahn und Ohrring eher eine exotische Fantasie, eine Art Pin-up. Bei strömendem Regen – und es regnet hier oft – auch in der Version „Wet Look“.
Sex, Abhängigkeit und Zerstörung
Historisch inkorrekt, protzig, offensiv seifenopernhaft und vor allem über alle Maßen „horny“ ist Fennells freie Interpretation von „Wuthering Heights“. Während der Roman die Seelenverwandtschaft zwischen den beiden Figuren ins Zentrum rückt, wühlt sich der Film genussvoll in die Wechselbeziehung von Sex, Abhängigkeit und Zerstörung. Die heimliche Beobachtung des Dienstpersonals beim sexuellen Spiel mit Pferdegeschirr – Heathcliff wirft sich dabei auf Catherines Körper und hält ihr Augen und Mund zu – entfacht das Begehren und beherrscht fortan jedes sinnliche Bild: vom Teigkneten über eine kriechende Schnecke bis zum Fisch in Aspik, in den Catherine, von Heathcliff fantasierend, ihren Finger hineinbohrt.
Mit dem Auftauchen des reichen Nachbarn Linton (Shazad Latif), den Catherine gegen ihre Gefühle heiratet, ändert der Film sein visuelles Register. „Wuthering Heights“ kippt in Jeff-Koons-haften High Kitsch. Catherines neues Heim, Thrushcross Grange, ist ebenso wie ihre Garderobe eine Ansammlung irrealer Geschmacklosigkeiten. Lackroter Fußboden, hautfarbene, mit feinen Äderchen durchzogene Wände, Riesenerdbeeren und übergroße Diamantenklunker, Korsagen und Dekolletés zwischen Royal Glamour und Barbie.
Langeweile im Pop-Schloss
Während Heathcliff, von Catherines Standesdünkel tief verletzt, verschwindet, langweilt sich Catherine in ihrem Pop-Schloss. Nach seiner Rückkehr flammt die Liebe umso heftiger auf; Momente von Liebesglück wechseln sich mit Zurückweisung, Demütigung und grausamen Racheakten. An Sexszenen herrscht in diesem Film kein Mangel. „Wuthering Heights“ gibt sich dabei immer ein wenig verrucht und kinky, die Entfesselung bleibt aber stets hochkontrolliert und am dekorativen Bild orientiert. Selbst Lintons einfältige Schwester lässt sich von Heathcliff freiwillig misshandeln – es turnt sie an, ihre Zustimmung wurde vorher eingeholt.
„Wuthering Heights“ umarmt den Groschenroman, doch zum Camp fehlt der Witz – und zum Abgrund der Mut. Sicher gibt es ein paar herausragende Momente: etwa wenn Heathcliff wie im Fieberwahn aufs Pferd steigt und sich der Himmel hinter ihm in glühendes Rotorange färbt. Doch der ausgestellte Exzess nutzt sich schnell ab und ist irgendwann nur noch Dekor. Am Ende möchte der Film beides sein, eine zerstörerische und doch auch romantische Liebesgeschichte.










