






- Veröffentlichung13.06.2001
- RegieEdward Yang
- ProduktionJapan (2000)
- IMDb Rating8.1/10 (32489) Stimmen
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Filmkritik
Im 19. Jahr seines Schaffens wird nun endlich auch Edward Yang, der neben Hou Hsiao-Hsien zweite herausragende Filmemacher des modernen taiwanesischen Kinos, dem deutschen Publikum über einen regulär verliehenen Film bekannt. Seine früheren Werke waren, wenn überhaupt, nur im Fernsehen zu sehen oder tourten mit einer Festivalkopie durch die Kommunalen Kinos. Und das auch gleich mit einem neuerlichen Meisterwerk.
Hätte das Leben auch anders verlaufen können?
„Yi Yi – A One and a Two“ erzählt eine Geschichte über die Wirrungen einer Durchschnittsfamilie in Taipeh, die zu erzählen rund drei Stunden braucht und füllt. NJ (Wu Nian-Zhen), ein stiller Mann in den Vierzigern, bleibt zunächst recht gelassen, als am Hochzeitstag seines Schwagers seine Schwiegermutter ins Koma fällt. Äußerlich merkt man ihm auch dann nichts an, als er im Hotel, wo die Hochzeit gefeiert wird, in der Lobby durch Zufall auf die erste große – und feige sitzen gelassene – Liebe seines Lebens trifft. Insgeheim aber beschäftigt ihn die Frage, ob sein Leben nicht auch anders hätte verlaufen können, schon eine ganze Weile.
Die Fundamente seines bisherigen Lebens geraten weiter ins Wanken, als sich seine von der Stumpfheit ihres Hausfrauendaseins völlig entleerte Ehefrau (Elaine Jin) entschließt, ihrem Guru zu folgen und in dessen Ashram flieht. Außerdem empfehlen die Ärzte, dass die Familienmitglieder mit der weiterhin bewusstlosen Großmutter sprechen sollen, was vor allem für die Kinder zur Belastung wird.
NJs Sohn Yang-Yang (Jonathan Chang), der ständig von irgendwelchen Mädchen gepiesackt wird, gerät in schulische Schwierigkeiten; die Teenager-Tochter Ting-Ting (Kelly Lee) wird in einen Mord verwickelt. Überdies gerät auch noch seine Computerfirma, deren Gesellschafter NJ ist, in eine schwere finanzielle Krise, wobei sich seine Kollegen, die ebenfalls Mitinhaber sind, als unfähig zu einer Neuorientierung erweisen.
Ironische Ballung von Ereignissen
Trotz der Häufung desillusionierender Momente, die jede Illusion über eine scheinbar gesicherte Existenz zerstreuen, bedeutet dies nicht automatisch, dass man sich dem Leben nicht ein zweites Mal neu nähern könnte. Angesichts dieser Einsicht passiert mit einem Mal sehr viel – wobei keinem der Vorkommnisse entscheidende Bedeutung zukommt und die oft genug völlig nebensächlich beginnen, weshalb ihre Ballung nie abstrus, sondern eher ironisch wirkt.
Die Geschichten haben miteinander wenig zu tun. Ihr primärer Zusammenhalt ist die Familie, mit NJ als realer und der im Komaschlaf dahindämmernden Schwiegermutter als metaphorischer Achse; jedes Mitglied erlebt seine Katastrophe im Prinzip allein, was an sich schon deprimierend genug ist. Die Inszenierung übertreibt nie, was diese Alltagsapokalypse ebenso überschaubar hält wie unerträglich macht – wobei man in ihrem Verlauf durchaus merkt, dass man dies alles sehr wohl ertragen, meistern und überleben kann. Genauso wie NJ.
In gewisser Weise gilt das wohl auch für den Regisseur Edward Yang selbst, für den „Yi Yi“ eine Art Bestandsaufnahme seines Schaffens darstellt. Die Welt hat sich nicht groß verändert, scheint das mit einem Schulterzucken konstatierte Ergebnis zu sein, denn so mancher Teil verweist auf Momente aus seinen früheren Werken: der Gesamtgestus auf die Welt von „Taipei Story“ (1985) und „Die Spur des Schreckens“ (1986), die Mordgeschichte mit der Tochter auf sein Opus magnum „Ein Sommer zum Verlieben“ (1991), der von Frauen gequälte Sohn auf den jugendlichen Protagonisten von „Mahjong“, der Schwager und das Firmenszenario auf „A Confucian Confusion“ (1994) sowie die verlassene erste Liebe auf „That Day, on the Beach“ (1983).
Mit feinsinnig-weltweiser Gelassenheit
Vielleicht wirkt in „Yi Yi“ vieles aber auch deshalb so selbstverständlich, weil Yang dem Ganzen mit einer feinsinnig-weltweisen Gelassenheit entgegentritt. Jedes Bild ist genau komponiert; meist reicht eine Einstellung, ohne dass dies je gewollt kunstsinnig wirken würde. Jede Szene ist in sich rhythmisch perfekt inszeniert, alle Handlungsstränge werden locker nebeneinandergehalten, ohne dass man den Eindruck von übertriebener handwerklicher Sorgfalt bekäme – auch wenn der Film im Ganzen doch vielleicht ein wenig zu rund ist und der eine oder andere Charakter, allen voran der kleine Sohn, in seinen Eigenarten – etwa dem Fotografieren von Hinterköpfen – einen Tick zu konstruiert wirkt.
Doch diese Ausgeglichenheit hat auch etwas Tröstliches, wodurch sie als Kontrapunkt zur inhaltlichen Bitternis funktioniert. Der chinesische Titel „Yi Yi“ heißt wörtlich eigentlich „Eins Eins“, was so viel wie Individualität bedeutet; legt man die beiden Schriftzeichen horizontal übereinander, erhält man das Zeichen für „Zwei“, was die Art und Weise anzeigt, wie Individuen miteinander verbunden sind. Der englische Titel „A One and a Two“ spielt auf den Beginn einer Jam-Session an, weil Edward Yang das Leben gerne wie eine Jazz-Melodie verstanden wissen will.
