Filmplakat von Zoe & Sturm

Zoe & Sturm

111 min | Drama, Familie | FSK 6
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Unbeirrbar hat sich die 12-jährige Zoe ein Leben auf dem Rücken von Sturm in den Kopf gesetzt. Sie und ihre ungestüme, über alles geliebte Stute sind schließlich in derselben Nacht, direkt nebeneinander, zur Welt gekommen und längst unzertrennlich. Doch als eines Abends ein heftiges Unwetter über das Gestüt in der Normandie am Meer hereinbricht, wird Zoe beim Versuch, Sturm und die anderen Pferde aus ihren Ställen zu befreien, von einem Tier so unglücklich getreten, dass sie fortan querschnittsgelähmt ist. Während Zoe auch seelisch paralysiert ist, rutscht das Gestüt ihrer Eltern zusehends in den Konkurs. Ihr Vater, ein begnadeter Trabrennjockey, hat ihrer aller Lebenstraum einem reichen Amerikaner ausgeliefert, der sich nun, von Gewinnsucht gepackt, Rennen für Rennen mit den Zuchtpferden an der Wettbörse verspekuliert. Doch angesichts von Zoes Leid können ihre Eltern unmöglich aufgeben. Am Tiefpunkt angelangt, finden sie behutsam zu dritt zueinander und zu neuer Vertrautheit. Zoe kämpft sich ins Leben zurück, um mit Sturm, die stets treu bei ihr war, das Unmögliche doch noch zu wagen: ein Leben als weiblicher Jockey.

Filmkritik

„Zoe & Sturm“ beginnt mit einem symbolischen Paukenschlag. Es ist Januar 2001 auf einem Gestüt in der Normandie. Als bei Marie (Mélanie Laurent) die Wehen einsetzen, eilt sie zu ihrem Mann Philippe (Pio Marmaï), der mit dem Pferdepfleger Sébastien (Kacey Mottet Klein) im Stall der Stute Belle Intrigante beim Fohlen hilft. Zeitgleich bringen Marie die Tochter Zoe und die Stute das Fohlen Komploteur zur Welt. Eine Doppelgeburt, die fast wie eine Zwillingsgeburt anmutet. Als die Stute am Baby schnuppert, ist klar: Hier konstituiert sich eine besondere Pferde-Mensch-Beziehung.

Der frankokanadische Regisseur Christian Duguay war lange für Actionfilme und Thriller wie „Screamers – Tödliche Schreie“ (1995) oder „The Art of War“ (2000) bekannt, bis er in den 2010er-Jahren den Schwerpunkt auf Jugend- und Familienfilme wie „Ein Sack voll Murmeln“ (2017) verlagerte. Ging es in „Sebastian und die Feuerreiter“ (2015) vor allem um die Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Hund, so steht nun in „Zoe & Sturm“ die enge Bindung zwischen einem Mädchen und einem Pferd im Zentrum. Damit knüpft der Film an das Reitsportmelodram „Jappeloup – Eine Legende“ (2013) an, in dem Duguay von einem berühmten Springpferd erzählt, das seinem Reiter Pierre Durand 1988 eine olympische Goldmedaille einbrachte.

Profit, Ruhm und Leidenschaft

Das Interesse an Pferdegeschichten ist naheliegend: Duguay war einst passionierter Springreiter und kanadischer Juniorenmeister. Dass er sich im Pferdesport und speziell in der französischen Rennpferdeszene gut auskennt, ist in „Zoe & Sturm“ unübersehbar. Denn das Streben nach Profit und Ruhm schildert er genauso prägnant wie die Leidenschaft von Reitern, Züchtern und Rennstallbesitzern und setzt sich damit erfreulich von schematischen Darstellungen in deutschen Pferdemädchenfilmen wie den Neuauflagen der „Immenhof“-Filme ab.

Der Gestütbetreiber Philippe, der seiner Frau, einer Tierärztin, zuliebe aus der Camargue in die Normandie gezogen ist, hat ehrgeizige Pläne. Mit Hilfe des US-Investors Cooper (Danny Huston) will er das Gestüt renovieren und erweitern. Um sich besser auf seine Trabrennen vorzubereiten, lässt er sogar eine Rennbahn anlegen. Zoe wächst unter vielen Pferden auf, fährt bei ihrem Vater im Sulky mit und verkündet mit sechs Jahren, dass sie auch Jockey werden will. Zwischenzeitlich bekommt Zoe einen kleinen Bruder und Belle Intrigante bringt ein weiteres Fohlen zur Welt: Tempête. Doch dann sucht im Januar 2013 ein schweres Gewitter das Gestüt heim. Ein Baumast kracht auf den Stall, die Pferde geraten in Panik. Beim Versuch, sie zu retten, tritt Tempête der am Boden liegenden Zoe auf den Rücken. Fortan ist sie querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Das Mädchen kann zwar noch seine Beine bewegen, bleibt aber allen Pferden fern.

Duguay bettet den Schicksalsschlag in eine ausführliche Schilderung des Pferdesportmilieus ein. Die Kamera begleitet Philippe vielfach zu namhaften Arenen, wo er bei Trabrennen antritt. Wir sehen, wie die Mehrfachbelastung ihn als Vater, Ehemann, Jockey, Züchter und Unternehmer an die Belastungsgrenzen bringt. Dazu kommen ständige Sorgen um den Fortbestand des Gestüts, das durch die ehrgeizigen Pläne Coopers, der zum alleinigen Eigentümer avanciert, in eine finanzielle Schieflage gerät, bis alle Beteiligten alles auf eine Karte setzen.

Mühevoller Kampf gegen das Trauma

Der Regisseur konzentriert sich in seiner Adaption des Romans und der Graphic Novel „Tempête au Harras“ von Christophe Donner auf den mühevollen Weg der Überwindung der Traumatisierung des Mädchens. Während der Vater in den ersten 40 Minuten des Films im Vordergrund steht, rückt danach die Mutter an die erste Stelle. Behutsam versucht sie, Zoe ins Familienleben zu integrieren, und lässt sich auch von Rückschlägen und Freitodgedanken der verzweifelten Tochter nicht entmutigen. Größere Fortschritte stellen sich erst ein, als Marie mit Zoe im Hallenbad das Schwimmen übt.

Entscheidende Anstöße aber gibt der bescheidende Sébastien, der am Asperger-Syndrom oder einer anderen Störung des Autismus-Spektrums zu leiden scheint. Er schnitzt für Zoe eine hölzerne Pferdefigur und führt sie mit großem Einfühlsvermögen an die Vierbeiner heran, bis Zoe es wagt, sich wieder auf Tempête zu setzen. Ohne größere Dialoganteile steigt der sensible Sébastien zur stärksten Figur des Dramas auf, Kacey Mottet Klein zeigt in dieser formidablen Charakterstudie einen großen Facettenreichtum in Mimik und Gestik.

Mélanie Laurent und Pio Marmaï brauchen sich mit ihren soliden Darstellerleistungen nicht zu verstecken. Die Rolle des Mädchens hat der Regisseur gleich drei Mal vergeben: June Benard spielt die fünfjährige, Charlie Paulet die zwölfjährige und Carmen Kassovitz die 17-jährige Zoe. Dabei haben Paulet und Kassovitz weitaus schwierigere Aufgaben zu lösen, die sie aber mit natürlicher Unbefangenheit meistern.

Mut zu großen Kinobildern

Duguay erzählt in seiner packenden filmischen Resilienzstudie, die sich über 19 Jahre erstreckt, geradlinig und mit Mut zu großen Kinobildern. So erhebt sich die Kamera von Christophe Graillot immer wieder zu Totalen in die Höhe, um etwa die weiten Sandstränge zu präsentieren, über die Philippe und Zoe so gern reiten. Allerdings sind einige flirrende Sequenzen mit Pferden an der Meeresküste, die zwischendurch sozusagen als Stimmungsaufheller eingestreut werden, allzu sentimental geraten. Die Höhen und Tiefen der Geschichte werden dafür angenehm unaufdringlich von den Klängen des Jazzgitarristen Michel Cusson unterstützt. Auch wenn das Jugend- und Familiendrama gelegentlich vorhersehbar wird und der Schluss allzu märchenhaft ausfällt, so besticht es durch eine komplexe Figurenzeichnung und bietet ein hohes Identifikationspotenzial für kleinere und größere Kinogänger.

Erschienen auf filmdienst.deZoe & SturmVon: Reinhard Kleber (24.1.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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