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23 000 Leben

112 minDramaFSK 12
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Szenebild von 23 000 Leben 2
Inspiriert von den realen Ereignissen um die Organisation „Jugend Rettet“ erzählt dieses Drama die Geschichte einer Gruppe junger Menschen, die das Sterben im Mittelmeer nicht länger hinnehmen will. Ohne Vorkenntnisse in der Seenotrettung sammeln sie per Crowdfunding Geld für ein ausgedientes Schiff und machen sich selbst auf den Weg. Was als mutige Idee beginnt, entwickelt sich zu einer der bedeutendsten zivilen Rettungsmissionen ihrer Zeit – und rettet mehr als 23.000 Menschen das Leben.

Das Mittelmeer ist die gefährlichste Fluchtroute nach Europa. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit 2014 über 34 000 Migrant:innen in seinen Fluten ums Leben gekommen – die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

Der Film „23 000 Leben“ kreist um junge Menschen, die sich 2015 noch nicht damit abgefunden haben, dass das Meer vor Europas Haustür zum Friedhof wird. Nichts tun angesichts der Nachrichten von gekenterten Flüchtlingsboten und steigenden Todeszahlen ist für die Hauptfigur Lukas (Louis Hofmann) ein Unding. Dass er – ein Jugendlicher, fertig mit dem Abi, aber noch unsicher, welchen beruflichen Weg er zukünftig einschlagen will – wenig an den Zuständen ändern könne, ist für ihn kein Argument. „Ich frage mich, ob es nicht möglich wäre, ein Schiff zu kaufen, um den Menschen da unten zu helfen“, sagt er beim Kneipenabend mit seiner Freundin Kitty (Mala Emde) und anderen Freunden. Den Einwurf, dass er weder Geld noch eine Ahnung von Schiffen habe, hält er optimistisch entgegen: „Überall auf der Welt schließen sich doch junge Menschen mit Ideen zusammen und erreichen so, so viel. Was ist, wenn wir dieselbe Energie und dieselbe Kreativität nutzen, um etwas zu machen, was erstmal nicht für uns selbst ist, sondern für Menschen, die in Not sind“?

„Jugend rettet“ sticht in See

Damit ist in dem von Markus Goller inszenierten Film, der in fiktionalisierter Form die Entstehung und das Wirken der Organisation „Jugend rettet“ schildert, eine Initiative geboren, die rund 23 000 Leben retten wird. Lukas und die Gleichgesinnten, die er im ersten Drittel des Films um sich schart, werden mit dem Schiff „Iuventa“, das sie nach mühevoller Crowdfunding-Kampagne schließlich mit Hilfe eines gut betuchten Ehepaars (Corinna Harfouch, Ulrich Matthes) erwerben, mehrere Missionen im Mittelmeer von der libyschen Küste absolvieren – bis einige der Besatzungsmitglieder vor Gericht landen, als das Schiff 2017 von den italienischen Behörden beschlagnahmt wird und die Crew wegen „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ angeklagt wird.

„White Savior“-Perspektive

An Idealismus mangelt es weder den Protagonisten des Films noch seinen Machern, die ihn punktgenau zu der Zeit herausbringen, in der gerade eine von Menschenrechtsorganisationen heftig kritisierte Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft getreten ist. Leider ist „23 000 Leben“ indes nicht gut genug gemacht, um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Nicht zuletzt krankt das Projekt konzeptionell daran, sich fast gänzlich auf die „White Savior“-Perspektive und die Befindlichkeiten der Iuventa-Crew zu fokussieren und für fast keines der tausenden von geretteten Leben, die der Titel nennt, wirkliches Interesse aufzubringen.

Was den Film, aller Aktualität zum Trotz, seltsam aus der Zeit gefallen wirken lässt: 2026 noch einen Film vorzulegen, der die schwarzen Figuren weitgehend darauf reduziert, die Objekte abzugeben, an denen sich Mut und moralische Qualität der weißen Heldenfiguren profilieren können, wirkt reichlich abgeschmackt. Dazu kommt, dass selbst die versierten Darsteller:innen des „Jugend rettet“-Teams rund um Louis Hofmann, unter anderem Frederick Lau, Maria Dragus und Katharina Stark, sich zwar redlich bemühen, ihre Charaktere mit Herzblut zu erfüllen, aber nicht verhindern können, dass die Figuren hoffnungslos überidealisiert und durch die leider oft thesenhaften Dialoge, die ihnen das Drehbuch in den Mund legt, etwas hölzern erscheinen.

Allzu gefällig

Dramaturgisch und inszenatorisch ist „23 000 Leben“ allzu sehr um Gefälligkeit bemüht und wirkt zwischendurch fast eher wie eine Werbung für eine „Jugend rettet“-Mitgliedschaft denn wie ein um Realismus bemühtes Drama um die Dilemmata der Seenotrettung. Da strahlt der Himmel über dem Mittelmeer wie aus dem Prospekt, während springende Delphine vorbeiziehen und ausführlich der Kameradschaftsgeist der Iuventa-Crew gefeiert wird. Auf erfolgreich überstandene Abenteuer wie ein Zusammentreffen mit einer bewaffneten libyschen Miliz oder eine nächtliche Störung durch Rechtsradikale an der Haustür von Lukas‘ Berliner WG folgt, von emotionalisierender Musik gepusht, etwas rührselig das gegenseitige Sich-Trösten. Und wenn die Stimmung ganz unten ist, sorgt ein Telefonat mit einem dankbaren Geflüchteten, der es mittlerweile bis nach Konstanz geschafft hat, für neuen Mut.

Vielleicht wäre „23 000 Leben“ ein stärkerer Film geworden, wenn sich die Drehbuchautoren Oliver Ziegenbalg und Michele Cinque einfach auf das fokussiert hätten, was sie schließlich allzu oberflächlich am Ende ihres Films abhandeln. Da geht es um den Prozess, der gegen Crewmitglieder der Iuventa angestrengt wurde und der schließlich im April 2024 mit einem Freispruch endete, u.a. nachdem es den „Jugend rettet“-Mitgliedern und ihrem juristischen Beistand gelungen war, quer durch Europa diverse Gerettete aufzutreiben, die zu Gunsten der Angeklagten aussagten. In diesem letzten Teil, wo der Idealismus der Crew und das europäische Regelwerk rund ums Asylgesetz und die Seenotrettung aufeinanderprallen und, wenn auch viel zu kurz, Stimmen und Schicksale Geflüchteter Raum bekommen, scheint das Potenzial auf, das in dem Stoff steckt. Bis dahin aber hat sich die Inszenierung längst im gut Gemeinten, aber nicht gut Gemachten verloren.

 

Veröffentlicht auf filmdienst.de23 000 LebenVon: Felicitas Kleiner (20.7.2026)
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