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Der tote Winkel der Wahrnehmung

79 minKomödie
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Wien, 1996. Ein Mini-DV-Band mit Aufnahmen für einen studentischen Dokumentarfilm. Alina und Flora befragen wenig glaubwürdige Zeug:innen des Auftauchens außerirdischer Reptilienwesen. Doch schon bald gleiten sie selbst immer mehr ab ins Narrativ: Echsen, die die Menschheit durch Hybridisierung unterwerfen? Klingt plausibel. Irgendwann steht die Hofburg in Flammen, die Vernunft sowieso. Michael Gülzows Mockumentary persifliert auf irrwitzige Art die mediale Logik und Verbreitung von Verschwörungsideologien.

Eine Stute empfängt Stimmen aus dem All. Zumindest laut einem (wahrscheinlich selbsternannten) Experten für spirituelle Tierkommunikation und einem der „Zeugen außergewöhnlicher Phänomene“ des gleichnamigen Filmprojekts der Studentinnen Alina und Flora, mit dem sie auf die Zulassung zur Filmakademie hoffen.

Sie sind längst unter uns… vielleicht

Mit dem „toten Winkel der Wahrnehmung“ ist gemeint, dass der Großteil der Menschen durch unbewusste Beeinflussung von Aliens darauf trainiert wurde, die sogenannten Echsenmenschen zu übersehen. So kann der Austausch der menschlichen Rasse ungehindert ablaufen. Nur wenige, erleuchtete Menschen durchblicken die ganze Alienverschwörung, weil sie sich außerhalb des besagten „toten Winkels“ befinden.

Kürzlich widmete sich auch Yorgos Lanthimos mit seiner Groteske „Bugonia“ der Frage, ob die Außerirdischen nicht vielleicht längst unter uns weilen. Michael Gülzow begegnet dieser Frage in seinem Langfilmdebüt von einem anderen Ausgangspunkt aus: Seine Protagonistinnen versuchen, die innere (Un-)Logik der Verschwörungstheorien zu sezieren und als Konstruktion zu entlarven. Ihre Dokumentation führt Alina und Flora zu eigensinnigen Charakteren, darunter Aluhutträger, die im Rauch der Wasserpfeife nur so dünsten. Doch je intensiver die Studentinnen recherchieren, desto tiefer geraten sie in den Sog der Mythen, bis sie die Verschwörungen nicht länger belächelnd abtun, sondern selbst von der Suche versteckter „Wahrheiten“ besessen werden. Denn was passiert nun eigentlich genau, wenn man alle Folgen der Alien-Sitcom „ALF“ gleichzeitig schaut? „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ nimmt einen irrwitzigen Anfang, wandelt sich im Verlauf aber zum paranoiden Soft-Horror, als sich immer mehr vermeintliche Belege der Verschwörungstheorien verdichten.

Im Zentrum der Wahrnehmung

Mit den Echsenmenschen, die wortwörtlich irgendetwas zwischen Mensch und Reptil sind, werden absurde Mischformen zum Thema gemacht. Dem Film gelingt aber auch dessen ästhetische Wendung, indem er frei mit unterschiedlichen Stil- und Genremitteln spielt: Als eine Spielart des Found Footage-Films gliedert sich „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ in zwei Teile, die je den Inhalt eines (von der Polizei als Beweismittel gesicherten) Videotapes wiedergeben. Der Inhalt dieser Videotapes – und damit wiederum der Inhalt des „toten Winkels der Wahrnehmung“ – ist die Rohfassung des Filmprojekts von Alina und Flora, das seinerseits als Mockumentary inszeniert ist.

Dabei gibt es ab und an Einblicke in das fiktive „Making of“ des Studentenfilms, in denen das Bildmaterial nicht nur kommentiert (und in der Sinnlosigkeit bewertet) wird. Die Einblicke sind auch so etwas wie eine „Schule der Wahrnehmung“, denn wenn Alina und Flora ihre Aufnahmen sichten, lassen sich an den Bildrändern und in den Hintergründen geheimnisvoll-paranormale Erscheinungen erkennen. Das gilt natürlich ebenso, wenn man als Zuschauer:in den „toten Winkel der Wahrnehmung“ zurückspult oder wiederholt sichtet.

Spiele mit dem Filmmedium sind die Essenz von Gülzows Film, wobei sein künstlerischer Hintergrund im Experimentalfilm positiv durchscheint. Durch die „Film im Film“-Struktur werden die Grenzen unterschiedlicher Erzählebenen metareflexiv überschritten und mit fingierten Bildfehlern ist paradigmatisch immer schon aufgerufen, dass die Bedeutungsproduktion im filmischen Medium störanfällig ist.

Über eingewobene Archivmaterialien in Form von Zeitfiktionen wird darüber hinaus evident, dass Bedeutung immer eine Konstruktion ist und der Film uns Dinge glauben machen kann: Aufnahmen von einem der Hauptverschwörungstheoretiker werden mit Archivaufnahmen der Talkshow „Arabella“ so zusammenmontiert, dass der Effekt eines authentischen Interviews entsteht. Und als der Timecode in einem der Videotapes unvermittelt auf das Jahr 1992 springt, stehen Alina und Flora vor dem (durch manipuliertes Archivmaterial inszenierten) Wiener Hofburgbrand. Was Realität und was Fiktion ist, wird konsequent verunsichert.

Im Bann des Mottenmanns

„Der tote Winkel der Wahrnehmung“ schreibt sich in den Zeitgeist der ausgehenden 1990er ein. Der Griff ins (pop-)kulturelle Archiv wird durch Markennennungen und Werbeanzeigen für zum Beispiel Waschmaschinen ergänzt. Denn die Verschwörungen sind nicht von der Kulturindustrie losgelöst, sondern immer auch warenförmig.

Die 1990er scheinen als Ära vor dem Durchbruch des Internets aus der gegenwärtigen Distanz vielleicht simpler. In „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ wird aber auffällig, dass es schnelllebige und politisch angespannte Zeiten waren: Während Satelliten ins All geschossen werden, erklingen im Radio rechtspopulistische Stimmen. Das ist nicht zuletzt deswegen spannend, weil die Verschwörungen um Echsenmenschen und Mottenmänner der rechtsextremen Esoterik entspringen.

Gibt es sie also, die anderweltlichen Wesen? Weil Alina und Floras Dokumentation mit den „Zeugen außergewöhnlicher Phänomene“ nicht fertiggestellt wird, muss diese Frage offenbleiben. Jedenfalls aber ist die Antwort, das macht „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ deutlich, immer ideologisch mitgeprägt und liegt womöglich nicht lediglich im Auge des Betrachters, sondern, wie es Roland Barthes ausdrückte, in der Rhetorik des Bildes.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDer tote Winkel der WahrnehmungVon: Niklas Lotz (19.5.2026)
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