All My Sisters





- Veröffentlichung20.08.2026
- RegieMassoud Bakhshi
Vorstellungen
Filmkritik
Gott ist groß, ehrwürdig und allmächtig, erklärt die Oma ihren beiden Enkelinnen. Er hat alles erschaffen, die Menschen und Tiere, den Himmel und die Erde, Berge, Ebenen und Wüsten, die Sonne und den Mond. Ob Gott auch die Kleider erschaffen habe, will Zahra wissen. Die Oma verneint. Kleidung werde von Menschen gemacht: um sich warmzuhalten oder um die Makel ihres Körpers zu verbergen. „Nicht Makel. Sondern Popos“, korrigiert Mahya.
Die Schwestern Mahya und Zahra, Nichten des Filmemachers Massoud Bakhshi, machen das, was Kinder in ihrem Alter in Teheran wie auch an anderen Orten der Welt so tun, wenn sie die Welt entdecken: Sie plappern darauf los, fassen alles an und stellen neugierige Fragen, tanzen zu Musik und fabrizieren irgendwelchen Blödsinn. Allmählich aber schreiben sich die Einschränkungen, die ihnen die iranische Gesellschaft auferlegt, in den familiären Alltag ein. Etwa wenn Mahya beim Herumturnen ihrer älteren Schwester immer wieder das T-Shirt in die Hose steckt und sie ermahnt, weil man ihre Haut sieht. „Na und, ist mir doch egal.“ Der kindliche Widerstand gegen das Regelwerk wirkt wie ein Vorbote der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste. Nur wenige Jahre später haben Mahya und Zahra gelernt, wie man das Kopftuch trägt und die Haare darunter verbirgt. Das Tanzen gilt in den Augen der Oma gar als Eintrittskarte in die Hölle.
Der Onkel ist „mahram“
Über einen Zeitraum von 18 Jahren hat Massoud Bakhshi seine beiden Nichten mit der Kamera dokumentiert – die Erwachsenen lässt er dabei konsequent im Off; sie sind nur als Stimme präsent, als Hand, Arm oder verhüllter Hinterkopf. Als Onkel ist Bakhshi „mahram“, das heißt, Mahya und Zahra müssen sich vor ihm nicht bedecken. Wenn andere die Home-Movie-Aufnahmen sehen, gelten jedoch andere Regeln. Wie Bakhshi eingangs erklärt, wurden deshalb Bilder, auf denen die Körper und Haare der Mädchen zu sehen sind, mit derselben Methode bearbeitet, wie sie in iranischen Medien üblich ist: mit Zooms in die Gesichter (oder auch mit Verdunkelungs- und Nebeleffekten). Die Nachbearbeitung hat jedoch einen ambivalenten Effekt. Die ständigen Close-Ups verhüllen nicht, sie wirken im Gegenteil geradezu invasiv.
„All My Sisters“ ist als „privates” Screening gerahmt. Bevor der Film die Öffentlichkeit erreicht, möchte Bakhshi erst die Zustimmung seiner Nichten einholen. Dabei ermutigt er sie, den Film anzuhalten und zu kommentieren. Die Rahmenhandlung bleibt jedoch leblos; meist sind von Mahya und Zahra, die inzwischen Studentinnen sind, nur ihre von den Bildern ihrer Kindheit angefassten Gesichter im Halbdunkel zu sehen; manchmal zeigt die Kamera sie auch von hinten als stumme Silhouetten. So bleibt das Potenzial, die filmische Anordnung des Screenings zu einem eigenen Gesprächsraum zu öffnen, ungenutzt. Allein der Filmemacher macht vereinzelt von der Pausenfunktion Gebrauch und stellt Nachfragen.
Im Licht der Smartphones
Fernsehbilder und Radionachrichten, die im Hintergrund zu sehen und zu hören sind, dokumentieren die politischen Ereignisse im Land. Im Jahr 2009 spricht der damalige Präsident Mahmud Ahmadinedschad von bevorstehenden Gesprächen mit Barack Obama, 2013 gewinnt Rohani die Präsidentschaftswahlen. Im Teenageralter bestimmen die Mädchen selbst über die Nachrichtenkanäle und das Informationsvolumen. Ihre vom Licht der Smartphones illuminierten Gesichter sind nun immer öfter zu sehen. 2022 rufen Zahra, Mahya und die kleine Schwester Maleka von den Dächern der Wohnung „Frau, Leben, Freiheit“.

