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Franziskus

150 minDrama, HistorieFSK 12
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Franziskus wächst in einem wohlhabenden Haus auf. In Kriegsgefangenschaft fällt dem Lebemann eine Bibel in die Hände. Er besucht eine Armensiedlung und entsagt fortan jeder Art von Luxus oder Begierde, um das Evangelium in letzter Konsequenz zu leben. Obwohl Franziskus sich mit seiner Familie überwirft und in der Stadt geächtet ist, kann er immer mehr Gleichgesinnte um sich sammeln und die Botschaft Gottes verbreiten. Als der Vatikan die Gemeinschaft als Orden anerkennt, verlangen seine Jünger nach Regeln. Verbittert und unverstanden zieht sich Franziskus in die Wälder zurück und wartet auf ein Zeichen Gottes. Er wird erhört.
  • Veröffentlichung16.11.1989
  • Liliana Cavani
  • 6/10 (59) Stimmen

Nach dem Tod des Franziskus im Jahr 1 226 versammeln sich Klara und einige enge Vertraute, erzählen sich ihre Begegnungen mit dem Verstorbenen, schreiben Geschichten und Anekdoten nieder. Nach und nach entsteht aus lose chronologisch aneinandergereihten Episoden ein Bild von Franziskus, das von der subjektiven Perspektive der Erzählungen bestimmt wird. Der junge Franziskus, Sprößling des reichen Tuchhändlers Pietro Bernadone in Assisi, wird als lebenslustiger Mann vorgestellt, der den Freuden des Lebens, feuchtfröhlichen Abenden und erotischen Abenteuern keineswegs abgeneigt ist. Einen Einschnitt in sein Leben bringt nach dem verlorenen Krieg mit Perugia eine einjährige Gefangenschaft, während der er mit dem Grauen der Massengräber und einer von sogenannten Ketzern übersetzten Ausgabe der Evangelien in Berührung kommt. Die radikale Wende erfolgt, als er luxuriös ausgestattet zu einem Kreuzzug aufbricht, nach der Begegnung mit einem Aussätzigen, den er zunächst angewidert davonjagt, jedoch scheinbar unmotiviert seine Rüstung verschenkt und sich eine armselige Bleibe im Elendsquartier der Ausgestoßenen sucht. Als er auch noch einen Teil des elterlichen Vermögens an die Armen verschenkt, zitiert ihn der schockierte Vater vor den bischöflichen Gerichtshof, wo Franziskus unter dem Spott der Menge auch noch seinen letzten Besitz, seine Kleidung, ablegt und nackt den Saal verläßt.

Zum Ärgernis und zur Verwunderung der Bürger Assisis lebt der reiche Kaufmannssohn fortan in den Slums der Aussätzigen, baut eine zerfallene Kapelle wieder auf und verkündet in einfachen Worten die Botschaft Jesu. Von der zusehends unansehnlicher werdenden Gestalt geht eine Faszination aus, der sich auch ehemalige Freunde nicht entziehen können. Wider alle Vernunft geben sie ihr gesamtes Hab und Gut zur Plünderung durch eine raffgierige Meute frei und schließen sich einer Gemeinschaft von "armen Narren" an. Das explosionsartige Anwachsen des Ordens, zu dem immer mehr intellektuell geschulte Interessenten aus dem Ausland stoßen, bringt neue Probleme an den Tag. Um dem Verdacht der Ketzerei zu entgehen, erwirkt sich Franziskus beim Papst Innozenz III. eine mündliche Bestätigung seiner neugefaßten Ordensregeln. Vielen Brüdern erscheint die von Franziskus geforderte rigorose "Imitatio Christi" in absoluter Armut zu hart. Nach aufreibenden Auseinandersetzungen um den richtigen Weg gibt Franziskus die Leitung des Ordens ab und zieht sich, von Selbstzweifeln geplagt, in die Einsamkeit der Berge zurück, wo er Gott um ein Zeichenanfleht. Die subjektive Perspektive der Rahmenhandlung bestimmt den Zugriff der Regisseurin Liliana Cavani auf die Figur des Franziskus, der primär weder eine historische Einordnung noch kirchen- oder sozialkritische Aussagen anstrebt. Eine bewegte Kamera, die mit Totalen geizt, sowie die episodische Struktur des Films lassen kaum räumliche und zeitliche Orientierungen zu. Im Zentrum steht die persönliche, fast intim zu nennende Annäherung an eine Figur, die als "Narr Gottes" in schroffem Gegensatz zu seiner Zeit und den scheinbar vernünftigen Normen einer damals aufkommenden bürgerlichen Wohlstandsschicht gezeichnet wird. Das Thema ist gemäß der Hauptfigur von aktueller Brisanz: der religiöse Weg des Franziskus über Armut und Demut zu einer inneren Zufriedenheit, die die eigene Furcht zumindest punktuell überwindet und in der radikalen Nachfolge Christi zum Gegenentwurf zu einer selbstvergessenen im Materiellen erstarrten Gesellschaft wird. Die Spiritualität des Franziskus bleibt als zentrales Motiv im Blickfeld, kann aber in ihrer ganzen Tiefe nicht ausgelotet werden.

Im Filmstil Cavanis wird das zentrale Thema der Spiritualität nicht noch einmal reflektiert, sondern zum Gegenstand einer filmisch eher konventionellen Inszenierung. Cavani gibt filmischen Elementen den Vorzug vor dem gesprochenen Wort, ihr Franziskus-Bild setzt sich vorrangig aus Handlungen, der filmischen Präsenz des in der Titelrolle präzise agierenden Mickey Rourke, aus Bildkompositionen und dramatischen Situationen zusammen. Farblich orientiert sich "Franziskus" mit Braun- und Blautönen, in die nur spärlich farbliche Akzente einfließen, an den italienischen Meistern der Schule des Piero della Francesca. Zwar grenzt die Darstellung des dumpf-braunen Armenviertels ans Plakative und die emotional untermalende Musik droht zuweilen ins Pathetische abzugleiten, einzelne Szenen überragen dagegen den gesamten Film und graben sich ins Gedächtnis ein: das einsame Ringen des Franziskus um ein Zeichen und um seinen rechten Weg oder ein Moment taumelnder Glückseligkeit, als er sich nackt im Schnee wälzt - ein Bild überströmender Freude an der Schöpfung. Diese Art der Filmkomposition greift wesentliche Aspekte der Figur in genuiner Gestaltung auf und verweist auf die religiöse und auch aktuell zeitkritische Dimension eines Menschen, die sich hinter den Bildern verbirgt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFranziskusVon: Karl-Eugen Hagmann (29.6.2026)
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