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Auslandsreise

Drama
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„Die wahre Heimat ist die Kindheit“, sagt Alejo (Alejo Franzetti), der in Buenos Aires aufgewachsen ist und seit mehr als einem Jahrzehnt in Berlin wohnt. Nach Argentinien zurückzukehren scheint für ihn unvorstellbar, zu groß wären die finanziellen Erfordernisse, die damit einhergehen würden. Und der wirkliche Ursprung seiner Familie ist das Land sowieso nicht, in das seine italienischstämmigen Urahnen einstmals ausgewandert sind, weil sie durch ein Leben in Armut dazu gezwungen wurden.

Berlin ist in Ted Fendts vierter Regiearbeit „Auslandsreise“ so etwas wie ein nichts einfordernder Zufluchtsort für Ortlose. Eine Handvoll Menschen, alle in ihren Dreißigern, trifft sich regelmäßig zu einem Lesekreis und diskutiert über die Bücher von Anna Maria Ortese. Am Anfang des Romans „Der Hafen von Toledo“ beschreibt die Erzählerin sich als niemandes Tochter, paraphrasiert Leonie (Leonie Rodrian) – als jemanden, der sich ohne Gesellschaft geboren wähnt und dadurch alles um sich herum für illusorisch hält. Auf einer Reise nach Italien kam Leonie mit der Literatur von Ortese in Berührung und liest sich seitdem fest: zunächst im italienischen Original, dann in der deutschen Übersetzung und schließlich auf Französisch, weil in Frankreich die meisten Übertragungen der Autorin veröffentlicht wurden. Mit jeder Sprache gehen eigene Schwierigkeiten einher, die nicht zwangsläufig mit deren Beherrschung zusammenhängen, aber das Lesen verlangsamen können.

Eigentlich gibt es keine Eile

Dabei gibt es dabei ja eigentlich keine Eile, entgegnet Hanna (Hanna Döring). Sie verlässt im Laufe der Geschichte jedoch den Lesekreis als Erste, weil sie ein Kind erwartet und so wieder mehr Zeit bei ihrer Familie verbringen will. Und dann ist da noch Florian (Florian Model), der Ortloseste von allen. Er zieht mit Rollkoffer seit zwei Jahren von einer Bleibe zur nächsten, übernachtet bei Freunden und übernimmt Zimmer, die übergangsweise in WGs frei werden. Geplagt von Geldsorgen, überlegt er, wieder nach Tübingen zurückzuziehen und dem Wunsch seines Vaters nachzugeben, Steuerberater zu werden. Er könne wenigstens ein verrückter Steuerberater werden, für den die Langeweile des Jobs nur Tarnung sein werde, tröstet ihn Leonie.

Seit seinem Debüt „Short Stay“ ist das Kino von Ted Fendt von Driftern besiedelt, die so ziellos wie selbstgenügsam umhertreiben. Gerade mal jeweils eine knappe Stunde umfassen bislang die Geschichten aller seiner Filme, sind stets impressionistisch arrangierte Verdichtungen einer unmerklich, aber letztlich unerbittlich verstreichenden Zeit. „Das ganze letzte Jahr fühlte sich an wie ein Sommerurlaub“, sagt jemand am Ende von „Auslandsreise“, der entlang fortlaufender Monate erzählt wird und zum Schluss wieder am gleichen Ort und zur gleichen Jahreszeit, dem ersten warmen Höhepunkt des Sommers im Mai, schließt. Gedreht wurde der Film (auch das eine Konstante bei Fendts Spielfilmen) auf 16mm-Filmmaterial, dessen markante, gröbere Körnung selbst etwas Vergängliches und allmählich Ausblühendes zu transportieren scheint.

Eine Art von filmischem Sehnsuchtsort

Ort der Erzählung und Handlungsträger zugleich sind der gutbürgerliche, auf einer Anhöhe gelegene Chamissoplatz im Berliner Stadtteil Kreuzberg sowie der daran angrenzende Viktoriapark, eine pittoreske Erhebung, von der gemächlich ein abgestuft gebauter Wasserfall herunterrinnt. 1980 drehte hier der Regisseur Rudolf Thome „Berlin Chamissoplatz“: ein Spielfilm, der seinerseits eine Bestandsaufnahme der müßiggängerischen Freiräume seiner Zeit darstellte und auf den sich „Auslandsreise“ in Einstellungen von (längst sanierten) Hauswänden und (schon lange umgebauten) Straßenzügen als eine Art von filmischem Sehnsuchtsort rückbezieht.

Während so vor Markthallen und Cafés, hinter Mauersimsen und auf Hinterhofgärten sich Baumblüten zu purpurn getönten Blättern wandeln und schließlich, gelb ausgeblichen, zu Boden fallen und vom Wind hinweggewirbelt werden, liest ein Kreis von Freunden weiter im Werk einer Autorin, die selbst vom Vergänglichen erzählt: „Heute verlorene, junge Schritte in den gewundenen, windigen Straßen inmitten unbekannter Hügel. Alles war mir fremd. Und doch, ach, auf welch geheimnisvolle Weise bekannt!“

Veröffentlicht auf filmdienst.deAuslandsreiseVon: Kamil Moll (16.2.2026)
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