Vorstellungen
Filmkritik
Azza zeigt ihr Gesicht gern. Der geschiedenen Mutter gefällt es außerdem, im Freien zu zelten. Sie mag es, in der Öffentlichkeit zu stehen. Auch liebt sie es, mit dem Auto zu fahren. Daher bringt sie es anderen Frauen auch bei. Es ist ihr großer Traum, einmal eine eigene Fahrschule zu besitzen.
Das alles klänge noch nicht wirklich spektakulär – wenn Azza nicht in Saudi-Arabien leben würde. Dort ist nicht vorgesehen, dass Frauen am öffentlichen Leben teilhaben. Die deutsche Regisseurin Stefanie Brockhaus hat die couragierte Frau für ihren Dokumentarfilm „Azza - Dem Patriarchat davonfahren“ durch den beschwerlichen Alltag begleitet. Sie ist dabei, ohne selbst sichtbar zu sein. Wenn Azza im Auto mit ihren Kindern telefoniert; wenn sie irgendwo an der Küste Soldaten beschwichtigt, die sich an der Existenz einer Kamera stören; wenn sie einer Fahrschülerin einimpft, sich im Straßenverkehr nicht von Männern provozieren zu lassen. Diese testen offenbar aus, wie weit sie ihr Dominanzgehabe treiben können. Frauen dürfen in Saudi-Arabien erst seit 2018 Auto fahren.
Fahrmanöver in der arabischen Wüste
Viele Aufnahmen scheint Kamerafrau Anne Misselwitz im Verborgenen gefilmt zu haben. Oft sieht man Azza im Auto, dann innerhalb von Wohnungen, oder auch weit draußen in der arabischen Wüste, wo sie Fahrmanöver einübt. Der Film kommt ohne einordnenden Kommentar aus. Die Schilderungen Azzas unterbricht die Regisseurin aber gelegentlich durch Rückfragen – die etwas abgehackt klingen und anscheinend nachträglich vertont wurden. Auch Azzas Vater kommt zu Wort. Sie ist eine Tochter seiner zweiten Frau, und das ist nicht chronologisch zu verstehen. Sie hat einige Halbgeschwister, die noch im Kindesalter sind. Wenn Azza und ihr Vater mit deutlichem Abstand nebeneinander auf dem Sofa sitzen, ist kaum Verbundenheit zu spüren. Der Siebzigjährige rühmt sich, ein direkter Nachfahre des Propheten Mohammed zu sein. Er wünscht sich, noch viele weitere Kinder in die Welt zu setzen, sein Maßstab für ein erfolgreiches Leben.
Ihr erster Ehemann wurde Azza von ihrer Familie aufgezwungen, als sie sechzehn Jahre alt war. Sie konnte ihn von Beginn an nicht ausstehen, er misshandelte sie regelmäßig. Azza erweist sich als charismatische Figur, die ihre Lebensfreude ebenso wie ihre Traurigkeit offen zeigt. Ihr Freiheitsdrang, der in jeder Einstellung spürbar ist, ist für die Männer in ihrer Umgebung unbequem. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, scheinen sich von ihr beschämt zu fühlen. Auch ihr eher liberaler zweiter (und selbstgewählter) Ehemann bittet sie, abends nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Als sie sich einmal mit einer anderen Frau vor der Kamera unterhält, ruft deren Mann eifersüchtig dazwischen – obwohl die Frau vollkommen verhüllt ist.
Verschiedene Arten der Verhüllung
Je länger der Film dauert, desto mehr gerät Azzas Traum, einmal eine eigene Fahrschule zu besitzen, in den Hintergrund. In den Mittelpunkt rücken dann ihre Begegnungen mit Menschen, denen sie ausnahmslos freundlich gegenübertritt. Das wird aber nicht überall erwidert. So bekommt dieses einfühlsame Filmporträt auch eine spürbar traurige Note. Es lohnt sich beim Zuschauen besonders, auf die verschiedenen Arten ihrer Verhüllung zu achten – Azza trägt ihr Gesicht vergleichsweise offen, einmal sind sogar ihre Haare zu sehen. Hier bekommt die viel gedroschene Phrase des Sichtbarmachens eine sehr konkrete Bedeutung.








