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Filmkritik
Ein neues Zeitalter für den Horrorfilm hat begonnen. Zumindest, wenn man sich die Geschichte von Kane Parsons anschaut. Ähnlich wie sein Gen-Z-Kollege Curry Barker, der mit seinem fiesen „Obsession“ aktuell beträchtliche Erfolge feiert, fand auch der erst 20-jährige „Backrooms“-Regisseur seine Anfänge auf YouTube. Bereits als Jugendlicher experimentierte Parsons mit 3D-Grafiksoftwares und veröffentlichte die daraus entstandenen Kurzfilme auf der Videoplattform. Vor allem seine Webserie „The Backrooms“ wurde millionenfach aufgerufen.
Die Grundidee stammt allerdings nicht von ihm. Popularisiert wurde das Konzept durch einen unscheinbaren Forum-Thread, der sich rasch verselbstständigte und zu einem modernen Horrormythos anwuchs, einer sogenannten „Creepypasta“. Die digitale Kultur eignet sich solche Phänomene an und verbreitet sie durch spielerische, vermeintlich wahre Schauergeschichten, die zwischen Realität und Fiktion oszillieren.
Im ersten Teil der Webserie fällt ein junger Kameramann während der Dreharbeiten zu einem Kurzfilm durch einen rätselhaften „Glitch“ in die Backrooms – ein Labyrinth aus liminalen Räumen, endlosen Korridoren und monoton wirkenden Büroeinrichtungen. Die grobkörnige VHS-Ästhetik, die menschenleeren Zimmer und das Flackern der Leuchtstoffröhren erzeugen ein tiefes Unbehagen, das exemplarisch für einen analogen Horror steht.
Durch die Zwischentür
In der Kinoverfilmung entdeckt Clark (Chiwetel Ejiofor) den Glitch während der wohl dunkelsten Episode seines Lebens. Nachdem ihn seine Ehefrau verlassen und das gemeinsame Haus übernommen hat, schläft der von der Trennung Gebeutelte zwischen Ausstellungsstücken seines heruntergekommenen Möbelhauses. Als er eines Nachts beim Fernsehen und dem regelmäßigen Alkoholkonsum durch das merkwürdige Flackern der Deckenleuchten gestört wird und sich daraufhin zum Stromkasten im Keller aufmacht, entdeckt er den schmalen Spalt, der direkt in die Backrooms führt.
Zögernd tastet er sich an die Öffnung heran, streckt die Hände durch die Wand, bis er schließlich vollständig darin verschwindet. Sichtlich irritiert betrachtet er den chaotischen Möbelhaufen, der im Zentrum des ersten Raumes aufgetürmt ist. Das gelblich anmutende Interieur und die wechselnden Durchgänge, seien es Türen, Löcher oder Klapptüren, lotsen ihn durch willkürlich gerenderte Labyrinthe. Dass er es bei seinem ersten Durchgang überhaupt wieder zurückschafft, scheint bloßer Zufall zu sein.
Clark vertraut seiner Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) nicht nur die psychischen Belastungen an, ihr schildert er auch, was er in jener Nacht erlebt hat. Um ihr zu beweisen, dass die Backrooms kein Hirngespinst sind, holt er seine Mitarbeiter Bobby (Finn Bennett) und Kat (Lukita Maxwell) dazu. Gemeinsam steigen sie erneut in die Backrooms, ausgerüstet mit einem Camcorder, um das ungewöhnliche Phänomen zu dokumentieren.
Schmuddelige Grafik und knisternde Akustik
Die folgenden Szenen kommen der ursprünglichen Webserie von Kane Parsons durch ihre Found-Footage-Ästhetik am nächsten. Die schmuddelige Bildqualität und das permanente Knistern der Tonspur fügen sich nahtlos den obskuren Räumlichkeiten an. Schnell bemerken Clark und sein Team, dass in den Gängen Dinge lauern: Schwer fassbare Objekte und Wesen, die nur an der Peripherie zu sehen sind, aber ein unbehagliches Gefühl und Paranoia auslösen. Als Bobby an einem Seil in einen engen Schacht hinabgelassen wird, um einen weiteren Bereich zu erkunden, gerät die Expedition schließlich außer Kontrolle.
Generell entzieht sich „Backrooms“ einer eindeutigen zeitlichen Verortung. Alles wirkt, als befänden sich die Figuren in einem dauerhaften Zwischenzustand: Oft schauen sie sich mies produzierte Dauerwerbesendungen auf Röhrenfernsehern an, als gäbe es auch in den Mattscheiben eine andere Dimension. Clark selbst produziert einen solchen Werbeclip, indem er als Pirat für sein Möbelhaus wirbt, das ihn in einer dubiosen Form noch verfolgen wird. Auch werden sie von mysteriösen Wissenschaftlern auf Monitoren beobachtet, wie sie ziellos durch die Backrooms irren.
Keine Erklärungen notwendig
Am stärksten funktioniert „Backrooms“, wenn der Film das vom Internet geschaffene Mysterium im Ungewissen belässt. „Uncanny“ ist ein Begriff, der durch die vage Inszenierung und die befremdlich-vertrauten Gestalten in den stärksten Momenten vollends zum Tragen kommt. Wenn man aus einer abgehackten Computerstimme mehrere Fremdsprachen hört, löst das unweigerlich Unbehagen aus. Zwar scheint von den Zwischenräumen auch eine konkrete Gefahr auszugehen, doch speist sich der Horror weniger aus klassischen Schockeffekten als aus der Verbindung von digitalen Konzepten und der eigentümlichen Vertrautheit. Warum wirken diese Orte so unheimlich, obwohl sie normalen Einrichtungen, wie dem weiten Möbelhaus, ähneln? Es scheint, als seien die Backrooms ein verschrobener Doppelgänger der „echten“ Welt. Dieses Motiv setzt sich schließlich auch bei den Figuren fort, die zunehmend mit Versionen ihrer selbst konfrontiert werden und damit an Jordan Peeles „Wir“ erinnern.
Und doch hätte das Geschehen noch dreckiger, noch medial ungestümer inszeniert werden können. Es mag die Last einer höher budgetierten Produktion sein (statt 3D-Animation wurde eine großflächige Kulisse errichtet), dass die ursprüngliche rohe Virtualität streckenweise verloren geht. Kameramann Jeremy Cox strukturiert die Bilder durch langsame Kamerafahrten und verzerrte Einstellungen, mal aufdringlich nah, dann wieder auf weiträumiger Distanz, doch an die Intensität der hervorragenden VHS-Sequenz kommt er nicht mehr heran.
Und auch das Abtauchen in die eigene Psyche, symbolisiert durch die gemeinsamen Traumata von Clark und Dr. Kline, die ihm in die Räume folgt, wirkt im zeitgenössischen Horrorfilm abgedroschen. „Backrooms“ sucht schließlich Erklärungen für ein Phänomen, dass durch seine Unerklärbarkeit fasziniert.










