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Filmkritik
Auf den Straßen der kolumbianischen Metropole Medellín überfällt eine Gruppe von Jugendlichen ein Reporterteam und stiehlt die Kamera. Die gewaltsame Übernahme scheint direkt in die Linse zu schreien: Wenn ihr unsere Geschichte nicht erzählen wollt, dann machen wir das eben selbst! Fortan dokumentieren die „Person-of-View“-Aufnahmen den Alltag der Heranwachsenden. So begehen die Jugendlichen einen maskierten Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft oder streifen ziellos durch die schmalen Gassen der Nachbarschaft.
Vom Musikvideo zum Found-Footage-Film
Die knappe Synopsis des Debütfilms von Stillz, der mit bürgerlichem Namen Matías Vásquez heißt, lässt bereits auf die experimentelle Herangehensweise an den Coming-of-Age-Stoff schließen. Der kolumbianische Fotograf und Filmemacher, der durch seine vielfältigen Musikvideos für Rap- und Reggaeton-Künstler wie Bad Bunny bekannt wurde, verwirklicht mit „Barrio Triste“ ein Herzensprojekt, das weder geradlinig noch konventionell verläuft, und durch seine markant-assoziative Bildsprache eine intensive Energie entfaltet.
Nach seinen eigenen Angaben ließ Stillz sich von Harmony Korine inspirieren; „Barrio Triste“ entstand unter der Ägide von Korines Produktionsfirma „EDGLRD“. Korine, der sich zuletzt auf experimentelle Hybridwerke konzentrierte, scheint ein passendes Leitmotiv zu sein, da der Film zwischen Dokufiktion, Kunstinstallation und Found-Footage-Horror changiert.
Der einleitende Überfall bedient sich durchaus einer Musikvideo-Ästhetik und ist vom schmuddeligen Rhythmus der Szene geprägt. Unterlegt mit einer anarchisch-exzessiven Geräuschkulisse stapft die Gruppe mit obskuren Masken in den Juwelierladen, gefilmt in markanten Bildern ohne vordergründige Konzeption, verwackelt und dennoch getaktet, als flute das Schicksal der wütenden Protagonisten durch einen ungeschliffenen Realismus.
Rohes Material
Stillz strebt nach authentischen Aufnahmen von Jugendlichen, die weder durch Narration noch durch stilisierte Inszenierung verfälscht werden. Oft fragt man sich, ob das rohe Material seine immersive Kraft entfaltet oder ob die filmische Unmittelbarkeit das Publikum zugleich auf Distanz hält. Die Jugendlichen wollen ihre Geschichte erzählen, doch das Gezeigte bleibt kaum nachvollziehbar. Gespielt werden die Protagonisten von Laiendarstellern, deren Theatralik wie eine herrschaftsfreie Shakespeare-Adaption im Ghetto wirkt.
Helle und dunkle Bilder wechseln sich ab; immer wieder geht es bergauf und bergab. Polarität wird zur soziokulturellen Konstante, während jede räumliche Geradlinigkeit in dieser von Bandenkriminalität zerrissenen Topografie verloren geht. Getrieben in enge Gassen, durch rostige Fangzäune hindurch, immer wieder Treppen empor – vor allem stetig in Bewegung.
Das Found-Footage-Konzept ist untrennbar mit dem unmittelbaren Erleben der Jugendlichen verbunden. Nicht nur ihr Alltag, sondern auch traumartige, albtraumhafte Zustände werden eingefangen – eine Zwischenwelt, die sich aus dem brüchigen Blick der Kamera materialisiert und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung verschwimmen lässt.
Im alltäglichen Inferno
Die drohende Apokalypse kündigt sich im jugendlichen Wahn an, als die Gruppierung samt Kamera um ein brennendes Auto kreist. Sie bewerfen es mit Flaschen, während zwei von ihnen miteinander ringen. Im verpixelten Hintergrund lässt sich die ferne Welt erahnen, die für sie im alltäglichen Inferno jedoch unerreichbar bleibt. Beim Erklimmen eines verlassenen Gebäudes blitzen im Licht der Handkamera Namen wie „Carlos“ und „Juan“ auf, verewigt im steinernen Labyrinth. Vulgäre Graffiti und Schmierereien, die sich gegen die Ordnung auflehnen, markieren die Wände. Flucht scheint ohnehin nur über die Dächer möglich.
Auf einem Vorsprung verliert ein Jugendlicher sich in Gedanken. Stellvertretend für alle anderen sinniert er über Suizid, nicht als bloße Idee, sondern als unausweichlichem Schatten, der in dieser Umgebung über jedem Leben liegt. Sanfte Bilder entstehen nicht durch große Emotionen – die das Format ohnehin nicht zulässt –, sondern aus dem ungeschliffenen Material. Inmitten der nächtlichen Odyssee treiben die Beteiligten in einem verwahrlosten Pool. Das ist in den körnigen Nachtaufnahmen kaum erkennbar und dennoch ein kurzer, organisch eingefügter Moment der Ruhe. Der Film integriert immer wieder Interview-Ausschnitte, in denen ein junger Mann über Leben und Tod reflektiert: „Wenn man seine Unschuld verliert, gibt es kein Glück mehr“, sagt er, während das Rauschen des Bildes seine Augen trübt.
Zufällig von der Kamera erfasst
Wenn sich die Jugendlichen zu Beginn die Perspektive gewaltsam aneignen, indem sie die Kamera an sich reißen, orchestriert dies bereits die Kritik an einem anhaltenden Blick- und Milieutourismus. „Barrio Triste“, was übersetzt „Traurige Nachbarschaft“ lautet, richtet den Fokus auf die Peripherie: auf Menschen, die zufällig von der Kamera erfasst und dadurch unweigerlich Teil der Inszenierung werden. Doch es geht hier nicht um das bloße Elend; das Spielfilmdebüt von Stillz ist vielmehr von Dynamik und Umtriebigkeit bestimmt; Düsteres verschmilzt mit Momenten redundanter Reinheit. Statt den Zuschauer mit Augenwischerei in falscher Konformität zu wiegen, konfrontiert Stillz mit der anstrengenden Bilderflut und einer lärmenden Klangwelt.
2004 hatte Gregg Araki in „Mysterious Skin“ gezeigt, wie ein traumatisierter Junge seine verdrängten Erlebnisse unbewusst als Begegnung mit einer außerirdischen Präsenz interpretiert, um das Unverarbeitete symbolisch zu fassen. Obwohl Arakis Coming-of-Age-Film tonal und thematisch anders verläuft, haben beide Erzählungen eines gemein: Auswege eröffnen sich nur durch etwas Übergeordnetes – und so mündet „Barrio Triste“, in dem Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Schuld und Unschuld durch die Pixel sickern, in eine transzendentale Kontaktaufnahme mit einer entrückten Präsenz. Ein Blick in die Zukunft, während die gelebte Lebensrealität in der grobkörnigen Textur der Vergangenheit verbleibt. Bis die Aufnahmen gefunden werden.






