Vorstellungen
Filmkritik
Wenn auf der riesigen Filmleinwand in Michelangelos Fresko-Wiedergabe der "Erschaffung Adams" die Rolltitel des Films eingeblendet werden, signiert sich bereits der Stil dieser anspruchsvollen Monumentalschau: Unbesorgt um die Rangordnung der Motive wird ein hohes religiöses Kunstwerk einem Sensationsobjekt nutzbar gemacht. In die Atmosphäre eines technisch entfesselten Spektakulums, das an Superlativen alles bisher Gedrehte zurückläßt (16,2 Millionen Dollar Kosten, 365 Sprechrollen, 50 000 Komparsen, über 1 Million Requisiten usw.), lassen sich die Geheimnisse des Glaubens und der Herzensbindung nicht hineintragen, auch wenn formales Bemühen und bewundernswerte Fertigkeit am Werk sind. Wo das Religiöse aber "ausgesetzt" wird, entzieht sich ihm die verborgene Kraft der Anziehung, und der Zuschauer verweigert allzuleicht die Ehrfurcht. So wird, was sich im Erfolgsroman des amerikanischen Autors Lew Wallace noch als religiöse Gefühlsbewegung bescheidet, im Bestseller-Filmvorhaben zum überdimensionierten Effekt gesteigert: Religiöse Stimmung (Bethlehem), Schock-Realismus (Kreuzweg und Golgatha) und Wunderzauberei (Aussatzheilung) veräußerlichen die religiösen Motive der Handlung und spielen sie in eine dekorative religiöse Leere. Die bescheidene Meinung vom "größten Werk der Filmgeschichte" ist nur der unbestrittenen Größenordnung der Zahlen und dem pompösen Dekorationstalent des Raumfilms zuzurechnen. Was sich an Faszination daraus gewinnen läßt, feiert Weltrekorde in dem abenteuerlichen Quadrigarennen im Zirkus, das dem Filmbesucher die Illusion gibt, Zeuge eines Spiels auf Leben und Tod, galoppierender Pferde, hinstürzender Leiber, stampfender Hufe und berstender Räder zu sein. Dieser bewunderte Höhepunkt des Films (Höhepunkt auch schon des ersten Ben-Hur-Stummfilms, 1926), in dem der jahrelange Kampf zwischen dem römischen Tribun Messala und dem unterjochten israelischen Prinzen Ben-Hur ausgetragen wird, beendet ein Duell, das zwischen Despotenherrschaft und Freiheitsgeist ausgetragen wird. Auf dieses Thema, seine neue Aktualität und Wichtigkeit, schien es der Regie William Wylers vor allem anzukommen. Charlton Heston stattet dieses Freiheitsdrama einer unterdrückten Minderheit gegen Machtgier, rassische und religiöse Vorurteile mit Spannung und Sympathie aus. Daß er als Sieger der Besiegte eines Mächtigeren wird, der sein Herz zum Verzeihen bekehrt, vollzieht sich freilich nur im Außenfeld seines Ringens; den Widerschein der Wahrheit fängt der Film nicht ein. In den eingestreuten Bibelsequenzen ist nicht jede Textstelle und -deutung genau ("In diesem Kind lebt Gott"); vielleicht auch nur ein Synchronisationsmangel. Staunend nimmt man die Nachricht auf, daß auch der Schriftsteller Christopher Fry, der leidenschaftliche Vertreter des poetischen Theaters und des Wunders der Phantasie, am Drehbuch beteiligt war. Zwar gibt es auch Bildkompositionen, die die überwiegend technisch versierte Konvention der Monster-Schau übersteigen. So werden die Szenen in den Galeerenschiffen, wo Rudersklaven und Kettenhäftlinge die Qualen ihres Arbeitsrhythmus" erdulden müssen, zu einer Vision vollkommener Menschenversklavung. Es gibt aber zuviel geschundene Leiber, zuviel Schock und nahgerückte Grausamkeit! Für die Gesamtbeurteilung gilt: Der Film übersetzt den Roman, der seinen Ruhm im Volkstümlichen hat, in ein Bild-Epos unserer Zeit, das ihr Leistungsbegehren und -vermögen im technischen Fortschritt findet. Zu einem künstlerischen Ereignis oder zu religiöser Erlebnistiefe verwandelt ihn auch der amerikanische "Oscar"-Segen nicht.










