Vorstellungen
Filmkritik
Ein Film, wie fast alle Filme von Pedro Almodóvar, in leuchtenden Farben gehalten. Zwei Zeitebenen und zwei Geschichten, die, obwohl über zwanzig Jahre voneinander entfernt spielend, sich zunehmend ineinander verschlingen. Ein Metafilm, der Aspekte der Autofiktion auslotet und teilweise seine eigene Entstehung schildert. Zudem ein Film, der durchzogen von erotischem Prickeln, gegenseitiger Fürsorge und zartem Humor letztlich von Erschöpfung, Tristesse und dem Ringen seiner Protagonisten mit ihrer Kreativität erzählt. Nicht zuletzt ein Film auch, der souverän mit Elementen eines Musicals spielt.
Einige der im Film vorkommenden Songs wie „Las simplas cosas“, „La Llorna“ und „Amarga Navidad“ stammen aus dem Repertoire der mexikanischen Sängerin Chavela Vargas. Indem Almodóvar die Überschrift des letztgenannten zum Titel seines Filmes erkor, ist der in Deutschland als „Bitteres Fest“ ins Kino kommende Film auch eine Referenz an die 2012 verstorbene Sängerin, deren legendär raue und tiefe Stimme nicht vergisst, wer sie je gehört hat.
Panikattacken am Beginn der Weihnachtszeit
Wörtlich übersetzt heißt „Amarga Navidad“ „Bitteres Weihnachtsfest“. Tatsächlich setzt der Film denn auch ein am ersten Dezember-Wochenende des Jahres 2004, das in Spanien zeitnah zum „Día de la Constitución“ (6.12.) und dem „Día de la Inmaculada Concepción“ (8.12.) traditionell den Beginn der Weihnachtszeit einläutet. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die auf Werbevideos spezialisierte Filmemacherin Elsa, beeindruckend sensibel gespielt von Bárbara Lennie. Sie erleidet an dem Wochenende einen heftigen Migräne-Anfall, aus dem heraus sie Panikattacken entwickelt. Ihr Lebenspartner fährt sie in die Notfallaufnahme des Krankenhauses. Er heißt Bonifacio (Patrick Criado), nennt sich aber Beau. Wie eine längere Rückblende zeigt, haben sich die beiden vor etwas mehr als einem Jahr in einem Strip-Lokal kennengelernt. Elsa hat Beau damals nach seinem Auftritt spontan zu einem Drink eingeladen und ihm einen Job in einem ihrer nächsten Werbefilme für Unterwäsche angeboten.
Beau ist von Beruf Feuerwehrmann, verdient sich aber als Stripper etwas dazu. Elsa gegenüber verhält er sich fürsorglich und zärtlich; dafür, dass er sich vor Publikum hemmungslos auszieht, scheint er privat erstaunlich schüchtern zu sein. Elsa ist einige Jahre älter als Beau. Sie hat, bevor sie in die Werbebranche wechselte, zwei Spielfilme gedreht, die bei Erscheinen floppten, heute aber als „Kult“ gelten. Elsa hat vor einem Jahr ihre Mutter verloren. Sie war nicht dabei, als sie starb, sondern war am Set. Seit damals hat sie sich blindlings in ihre Arbeit gestürzt, sich keine Ferien gegönnt, geschweige denn eine Auszeit. Gemäß einer Psychiaterin, die sich trotz der Feiertage Zeit für Elsa nimmt, dürften die plötzlichen Panikanfälle eine Reaktion auf ihre lang verdrängte Trauer sein.
Nur lebendig, wenn er Geschichten erfindet
Die andere Geschichte von „Bitteres Fest“ spielt im Sommer 2025. Sie dreht sich um den rund 60-jährigen Regisseur Raúl Rossetti (einnehmend gespielt von Leonardo Sbaraglia). Raúl lebt zusammen mit seinem Lebenspartner Santi in einem Einfamilienhaus am Rande von Madrid und blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück. Er wird seit Jahren regelmäßig zu Filmfestivals und Retrospektiven eingeladen und immer wieder auch mit Preisen für sein bisheriges filmisches Schaffen geehrt. Doch Raúl, der sich nur lebendig fühlt, wenn er Geschichten erfindet, hat seit Jahren kein Drehbuch mehr zustande gebracht. In seiner Not erlaubt sich nun, was er bisher als verpönt erachtete: die Autofiktion, also die Inspiration zu einer Geschichte aufgrund seines eigenen (Er-)Lebens.
Entsprechend oft sieht man Raúl – wie im späteren Verlauf des Films übrigens auch Elsa – am Computer sitzen und an einem Drehbuch schreiben. Relativ früh schon zeigt sich, dass Raúl an der Geschichte von Elsa und Beau arbeitet. Das verpasst „Bitteres Fest“ eine zusätzliche – metafilmische – Ebene, auf welcher im Film, ähnlich wie in Alain Robbe-Grillets „Trans-Europ-Express“, die eigene Entstehung reflektiert wird. Im Zentrum dieser Reflexion steht, von Raúls langjähriger Assistentin Mónica eingebracht, die Frage, wo die Grenzen solcher Autofiktion liegen. Ob es genügt, wenn man zur Kaschierung beziehungsweise dem Schutz von Freunden und Bekannten, bloß Namen und etwa die Todesart eines verstorbenen Kindes ändert, oder ob nicht einiges mehr an Fiktionalisierung dringend Not täte.
Bei allem Bitteren eine erstaunliche Leichtigkeit
Almodóvar treibt die beiden Geschichten über lange Strecken parallel voran, wobei die Geschichte um Elsa und Beau, die sich schon bald nach Lanzarote verlagert, einiges mehr hergibt. „Bitteres Fest“ ist nicht der beste Almodóvar-Film, aber er ist zweifelsohne „Almodóvar at his best“. Er bewahrt sich bei allem Bitteren und Lebensernst-Traurigen, das darin vorkommt, eine erstaunliche Leichtigkeit. Das rührt zum einen davon, dass sich im Film aus allem vorerst schlimm Erscheinenden immer wieder eine befreiende Lösung ergibt. Es liegt zum anderen auch an Almodóvars souveränen Einsatz bunter Farben, die selbst düsterste Momente nicht ins Graue des Grauens kippen lassen. So oft in „Bitteres Fest“ von Todesfällen, Depressionen, Ängsten, Lebensmüdigkeit und anderem Lebensunbill die Rede ist, und auch wenn die Erde auf Lanzarote tatsächlich brandschwarz ist: die Badetücher, Kleider, Autos, Krankenwagen und das Wohnmobiliar erstrahlen in „Bitteres Fest“ nach wie vor leuchtend rot, gelb, blau und manchmal grün.
Abgesehen davon gibt es in „Bitteres Fest“ einige meisterhafte Szenen, die sich nachhaltig in Erinnerung schreiben. Eine dieser Szenen ist die bereits erwähnte im Stripper-Lokal. Obwohl Beaus Auftritt darin im Mittelpunkt steht, gelingt es Almodóvar, nebenbei zu erzählen, wie sich Elsas Freundin mitten aus der Show davonstiehlt und Elsa inmitten einer aufgedrehten Junggesellinnen-Party-Gruppe allein zurücklässt. Eine andere Szene spielt in einem während einer Party als Garderobe benutzten Schlafzimmer. Beau und die kopfwehgeplagte Elsa warten hier auf die Gastgeberin, die Elsa Beruhigungsmittel versprochen hat, als plötzlich die zum Auftritt erwartete Sängerin Amaia Romero den Raum betritt. Amaia wechselt mit Elsa einige Wort und singt für sie dann spontan und in voller Länge „Las simplas cosas“, was weit besser wirkt als jedes Medikament.
Immer gnadenlos ehrlich
In einem Film eine derart lange und intime Szene zu zeigen, die der Protagonistin auch Tränen in die Augen treibt, braucht auf Seiten des Regisseurs Mut, aber auch Vertrauen in das eigene Können. Almodóvar kann das, lässt es sich aber auch nicht nehmen, in einem späteren Gespräch zwischen Mónica und Raúl auf genau diese Szene hinzuweisen. Mónica, die im Laufe des Films ihre Anstellung als Raúls Assistentin aufgibt, bleibt im Drehbuchschreiben bis zum Schluss seine Sparringspartnerin. Sie ist dabei – so bitter es für sie und Raúl ist – immer gnadenlos ehrlich. Mit hartnäckiger Energie wird Mónica von Aitana Sánchez-Gijón gespielt. Sie hat in diesem klugen Film über das Leben und Filmemachen, in dem einige Figuren plötzlich zu verschwinden drohen, das letzte Wort. Zumindest fast.








